Von Bergkamen nach Dortmund

Keine Mitnahme im Rollstuhl: Bergkamener beschwert sich über Praxis in Schnellbussen

Hans-Joachim Wöbbeking Rohlstuhl Bus
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Mit seinem Rollstuhl ist Hans-Joachim Wöbbeking an sich gern Fahrgast der Linie S 30, um nach Dortmund zu gelangen. Aber das sorgt für Probleme, entweder wuchtet er sich auf einen Bussitz oder die Linie darf nicht auf die Autobahn, weil dort die Gurtpflicht greift. Der Rollstuhl kann in den Bussen nicht fixiert werden.

Wenn Hans-Joachim Wöbbeking von Bergkamen aus mit dem Bus nach Dortmund fahren will, wird es kompliziert. Denn im Bus der Linie S30 darf er nicht in seinem Rollstuhl sitzen bleiben.

Bergkamen – Seit ihn das Post-Polio-Syndrom Jahrzehnte nach der Infektion im Kindesalter von den Füßen gebracht hat, kämpft Hans-Joachim Wöbbeking nicht nur in seinem Alltag als Rollstuhlfahrer mit wiederkehrenden Hindernissen. Als Mitglied der bundesweit tätigen „Selbsthilfe Polio e.V.“ und deren Vertreter im hiesigen Behindertenbeirat engagiert sich der frühere Steiger und Bergbau-Gutachter ehrenamtlich dafür, Menschen mit eingeschränkter Mobilität den Weg zu ebnen. Dabei hat der Bergkamener ein Problem in der Schnellbuslinie 30 nach Dortmund ausgemacht – doch die Chance auf eine Lösung in seinem Sinne stehen schlecht.

Wöbbeking nutzt die S 30 gern für Besuche in der Großstadt nebenan. Und er bekommt so Einiges mit, was ihm andere Betroffene berichten. Dank der Niederflurtechnik und ausklappbaren Rampen der Linienbusse gelangt er allgemein mit seinem Gefährt recht problemlos hinein. Aber in diesem Schnellbus gelten andere Regeln, er kann nicht einfach an der entsprechenden Stelle „parken“: Weil es streckenweise über die Autobahn geht und der Bus schneller als 80 Stundenkilometer fährt, müssen alle Passagiere angeschnallt sein.

In den Bus kommt Hans-Joachim Wöbbeking. In seinem Rollstuhl darf er aber nicht sitzen bleiben.

Für Rollstuhlfahrer bedeutet dies: Entweder sie setzen sich um auf einen Passagiersitz oder der Bus muss eine Ausweichstrecke fahren. Denn im Rollstuhl dürfen Fahrgäste hier nicht mitfahren, wie auf allen anderen Linien. Dazu müsste der Rollstuhl fixiert werden, wie es in speziellen Taxis oder bei Fahrdiensten geschieht. Auf der Linie 30 ist keiner der Busse dafür ausgerüstet. Das möchte Wöbbeking ändern.

Schließlich sei es nicht angenehm, sich mit gefühlten tausend Blicken der Passagiere auf dem Rücken mit dem Fahrer darüber auseinanderzusetzen, warum er es auf den „richtigen“ Sitz nicht schafft. „Die Sitze in den Bussen sind viel höher als der Rollstuhl“, sagt der 70-Jährige. „Da kann ein Umsetzen sehr beschwerlich oder unmöglich sein.“

Umweg dauert bis zu zehn Minuten länger

In diesem Fall darf der Rollstuhlfahrer in seinem Gefährt sitzen bleiben, gilt aber als Fahrgast auf einem Stehplatz, wie die Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU) erläutert. Und das hat zur Folge, dass der Fahrer langsamer unterwegs sein muss, als auf der Autobahn geboten. Dann geht es über die Ausweichstrecke, und manch Rollstuhlfahrer sieht sich unter dem Murren der Mitreisenden potenziell als Buhmann, wie Wöbbeking berichtet.

„Die Fahrt dauert etwa fünf bis zehn Minuten länger“, erläuterte VKU-Betriebsleiter Andreas Feld. Und das komme durchaus öfter vor, auch wenn kein Rollifahrer an Bord den Anlass dazu gebe. „Die Strecke fahren wir auch, wenn auf der A 2 mal wieder Stau ist, was ja häufiger vorkommt. Auch deshalb haben wir diese Strecke eigens konzessionieren lassen.“

Das Verkehrsunternehmen sehe das Problem daher nicht als sehr gravierend an, zumal hier der Zustieg von Rollstuhlfahrern eher die Ausnahme als die Regel sei. Gleichwohl hat Wöbbeking jüngst im Behindertenbeirat an die Stadt Bergkamen appelliert, sich als Gesellschafterin der VKU dafür einzusetzen, die Fahrzeuge der Linie 30 mit Fixierösen für Rollstühle nachzurüsten. Das sei nicht mal eben gemacht und berge im Detail neue Tücken, entgegnete Feld in diesem Punkt. „Es gibt keine Norm für Rollstühle. Die sind unterschiedlich konstruiert, mal mit E-Antrieb, mal mit Gepäck. Da muss man jedes Mal anders vorgehen.“ Das erfahre er selbst bei gelegentlichen Einsätzen beim Rollstuhltransport. In der Folge könne es auch nicht „die eine“ Befestigungsvariante geben, mit der sich Wöbbekings Vorschlag umsetzen ließe.

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