Schwangerschaft während des Abiturs

Den Kritikern zum Trotz: Gärtnerin statt Hartz IV 

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Gleichstellungsbeauftragte Martina Bierkämper (links), Martina Leyer von der Arbeitsagentur und Marcus Hampel von der Stadt freuen sich über den Erfolg von Franziska Seeliger (Zweite von links).

Nur die wenigsten sind sich der Option einer Teilzeitausbildung bewusst. Franziska Seeliger kam dieser Zweig wegen ganz bestimmter Umstände zugute.

Bergkamen – Franziska Seeliger strahlt über das ganze Gesicht. Die 22-Jährige hat ihren Abschluss in der Tasche, als Gärtnerin, Fachrichtung Garten- und Landschaftsbau. Zu verdanken hat sie dies ihrem eisernen Willen und einem Angebot der Stadt Bergkamen.

Andere hatten ihr prophezeit, bei Hartz IV zu landen. Personalberater in großen Unternehmen hatten ihr sogar geraten, diesen Weg bewusst zu gehen. „Da fehlten mir echt die Worte“, sagt die energiegeladene junge Frau. Doch all diesen „Unkenrufern“, so sagt sie jetzt mit breitem Grinsen, hat sie es so richtig gezeigt.

Und das war ihr Ziel. Die junge Hammerin stand kurz vor der Abi-Prüfung, als sie schwanger wurde. Es war fast ein Spießrutenlauf, der folgte. Sie bekam das Baby und machte sich Gedanken um die Zukunft. Doch folgende Sätze hörte sie immer wieder: „Die wird Hartz-IV-abhängig.“ „Aus der wird nichts.“ Und eine richtige Idee, was sie beruflich machen wollte, hatte sie auch nicht.

Auch Katharina Närdemann absolvierte ihre Ausbildung bei der Stadt in Teilzeit.

Sie machte ein Praktikum in der Zahntechnik – doch eine Ausbildung ließ sich mit Kind nicht vereinbaren. Sie begann ein Studium für Elektro- und Informationstechnik an der Uni Dortmund, doch mit Kind passte das gar nicht. „Ich hatte mich für diese Uni entschieden, weil es dort ein Betreuungsangebot für Kinder geben sollte“, erklärt sie rückblickend.

„Doch ich bekam nur eine Liste mit Telefonnummern von anderen Müttern, die ich kontaktieren konnte. Denen sollte ich dann mein Kind anvertrauen?“, ist Franziska Seelinger noch immer entsetzt. Sie brach ab. Eine Alternative war eine Ausbildung in Teilzeit.

Doch etliche Firmen stellten sich quer. „Mir wurde in einer großen Firma wirklich geraten, doch zuhause zu bleiben, Hartz IV zu beziehen und mir einen Job zu suchen, wenn das Kind zur Schule käme. Aber ich wollte nicht sechs Jahre lang zu Hause sitzen“, sagt die junge Frau. „Ich war völlig frustriert und habe stumpf gegoogled.“

Sie fand eine Stellenanzeige der Stadt Bergkamen für eine Ausbildung zur Gärtnerin – in Teilzeit. Dass Teilzeitarbeit möglich ist, hatte die Stadt im Jahr 2016 erstmals ausdrücklich in die Stellenausschreibungen geschrieben. Ein Passus im Zuge der Frauenförderung. „Heute steht das alles im Gleichstellungsplan“, weiß Gleichstellungsbeauftragte Martina Bierkämper.

Doch damals war das Neuland. Franziska Seelinger war die erste, die ihre Ausbildung bei der Stadt in Teilzeit machte. Sie reduzierte die Stunden, und das Team trug es mit, dass sie etwas später zur Kolonne stieß und nach der Arbeit direkt nach Hause fuhr, anstatt mit den anderen noch am Bauhof abzuladen.

Weiter Teilzeit nach der Ausbildung

Sommers wie winters arbeitete sie von 7.30 bis 15.30 Uhr. Und während die Kollegen den Tag vor- und nachbereiteten, steuerte sie die Tagesmutter an, die ihr Kind betreute, und lernte zu Hause Theorie. Seit dem 4. Juli ist sie nun fertige Gärtnerin, und arbeitet bei der Stadt weiter in Teilzeit. Heute sind es 30 Stunden, und freitags hat sie immer frei.

Den Respekt der Kollegen hat sie sich erarbeitet – und nicht nur, weil sie pflastern, Bagger und Radlager fahren und mit der Kettensäge umgehen kann. Längst gibt es andere Teilzeitauszubildende bei der Stadtverwaltung, sie baute nicht nur wortwörtliche Wege in den vergangenen drei Jahren. Ebenfalls fertig ist nach verkürztem Ausbildungsverfahren Katharina Närdemann.

Die junge Mutter konnte ihren Job als Architektin nicht mit einer Familie in Einklang bringen. Um die Seiten wechseln und bei der Baubehörde arbeiten zu können, musste sie jedoch die Ausbildung im gehobenen Bautechnischen Dienst nachholen. 14 Monate in Teilzeit. Das ging. „Zum Glück haben alle mitgezogen“, sagt Katharina Närdemann.

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