Interview

Kaum noch Schüler mit Gymnasialempfehlung: Schulleiterin der Gesamtschule Bergkamen ist unbesorgt

Jennifer Lach, Schulleiterin der Willy-Brandt-Gesamtschule
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Dr. Jennifer Lach leitet die Willy-Brandt-Gesamtschule seit November 2020. Zuvor war sie zehn Jahre Didaktische Leiterin an der Werner-von-Siemens-Gesamtschule Königsborn in Unna. Parallel dazu ist sie für die Bezirksregierung als Systemische Schulentwicklungsberaterin tätig. Die 46-Jährige ist in Dortmund geboren, wohnt dort, ist verheiratet und hat einen 15-jährigen Sohn. Zu ihren Hobbys zählen Volleyball, ihr Garten und das Reisen.

Immer weniger Kinder mit einer Empfehlung für das Gymnasium gehen auf die Gesamtschule in Bergkamen. Schulleiterin Dr. Jennifer Lach erklärt im Interview, warum ihr das keine Sorgen bereitet.

Bergkamen – An der Willy-Brandt-Gesamtschule hat sich zum kommenden Schuljahr kein einziges Kind mit einer Gymnasialempfehlung angemeldet. Bereitet ihr das Sorgen? „Nein“, macht Schulleiterin Dr. Jennifer Lach im Interview mit WA-Redakteur Jürgen Menke deutlich. Sie ist überzeugt davon, dass es für die gymnasiale Oberstufe auch künftig eine ausreichende Nachfrage gibt.

Frau Lach, Sie haben am Freitag 61 Abiturienten verabschiedet. Wissen Sie, wie viele davon einst eine Gymnasialempfehlung von ihrer Grundschule bekommen haben?
Ja, natürlich. Von unserem Abiturjahrgang hatten beim Übergang zur weiterführenden Schule gut 32 Prozent eine Hauptschulempfehlung, etwa 47 Prozent eine Realschulempfehlung, jeweils knapp acht Prozent kamen mit eingeschränkter und uneingeschränkter Gymnasialempfehlung, bei drei Schülern haben wir keine Angaben.
Ich frage, weil laut aktueller Anmeldestatistik diesmal kein einziger Ihrer 128 künftigen Fünftklässler eine Gymnasialempfehlung mitbringt. Acht haben eine eingeschränkte Empfehlung für diese Schulart. Kann Ihre Oberstufe dauerhaft bestehen?
Das wird sie. Wir gehören ja nicht dem dreigliedrigen, sondern dem integrierten Schulsystem an. Wir führen durch die Art, wie wir Schule machen und Pädagogik denken, genauso zum Abitur wie die Gymnasien – und das mit hervorragenden Ergebnissen. Dieser Abiturjahrgang hat einen Notendurchschnitt von 2,5, acht Schüler haben eine Eins vor dem Komma.
Gleichzeitig haben über 50 Prozent Ihrer künftigen Fünftklässler eine Empfehlung für die Hauptschule? Beunruhigt Sie das?
Das Phänomen, dass an Gesamtschulen der Anteil der Gymnasialempfehlungen gering ist, ist nicht neu und politisch intendiert. In Bergkamen ist es ja so, dass es gar keine Hauptschule mehr gibt. Was bleibt den Eltern anderes übrig, als ihre Kinder bei uns anzumelden? Daneben ist es so, dass sich Deutschland ein dreigliedriges Schulsystem leistet und Eltern, die ein Kind mit Gymnasial-Empfehlung haben und selber aus einem bildungsaffinen Umfeld kommen, dieses lieber am Gymnasium anmelden.
Das ist doch nachvollziehbar ...
Natürlich. Auch ich kann das nachvollziehen. Eine Anmeldung an einer bestimmten Schule bedeutet zwar nicht automatisch den Bildungserfolg, aber wenn Eltern ihr Kind etwa an einem Gymnasium anmelden, wissen sie schon ab der Klasse fünf, welchen Weg es voraussichtlich geht und dass es die Schule mit einem Abitur verlassen wird. Das ist hochattraktiv. Und es gibt nicht wenige Eltern, die – vielleicht wegen der eigenen Bildungshistorie – immer noch davon ausgehen, dass lernstarke Schüler nur an ebenfalls lernstarken Kindern wachsen und noch stärker werden. Darüber hinaus ist die Gesamtschule mehr als andere mit den gesellschaftlichen Megaaufgaben wie Inklusion, wie Integration von geflüchteten und traumatisierten Kindern beauftragt. Dann können sich die Eltern häufig gar nicht vorstellen, dass ihr leistungsstarkes Kind gemeinsam mit einem leistungsschwächeren Kind lernt und dabei noch gewinnt.
Aus Ihrer Sicht aber ist das ein Gewinn?
Unbedingt. Ich war vergangenen Woche während einer Revision in einer Mathe-Stunde, Klasse sieben. Dort saß eine sehr, sehr leistungsstarke Schülerin neben einem Jungen, der vor einem Jahr geflohen ist und mittlerweile gut Deutsch gelernt hat. Aber das mathematische Runden, das verstand er einfach nicht. Als die Schülerin dann fertig war, hat sie sich um ihren Sitznachbarn gekümmert und ihm das Runden beigebracht. Ich konnte den Aha-Effekt quasi sehen. Die Schülerin, die mit einem breiten Lächern dastand, hat den Lerninhalt nicht nur für sich wiederholt, sondern das Ganze verbalisiert, paraphrasiert – und sie hatte das Erfolgserlebnis für sich. Durch das gegenseitige Helfen festigt sich das Erlernte, gleichzeitig wird das soziale Gefüge gefördert.
Schauen wir auf die Gesamtschule: Was macht sie aus Ihrer Sicht attraktiv?
Wir gönnen uns in Deutschland nur eine vierjährige Grundschule. Dann urteilen wir und kategorisieren die Schüler in drei Stufen. Ganz häufig stellen wir später aber fest, dass sie sich im Laufe der Zeit anders entwickeln als gedacht – vor allem in der Pubertät, wenn auf der Stirn „Wegen Umbau geschlossen“ steht. Einen Wendepunkt im Lernen stellen wir ganz häufig in Klasse acht, neun fest. Dann entwickeln sich die Kinder oft sehr, sehr positiv.
Gesamtschule oder nicht: Was raten Sie Eltern?
Es ist eine Frage, wie sie Lernen verstehen. Wenn sie darunter vorwiegend Leistung verstehen, sollten sie ihr Kind anderswo anmelden. Wenn es um ganzheitliches Lernen geht, um die Persönlichkeitsbildung, um die Kompetenzen, die wir für das digitalisierte Lernen im 21. Jahrhundert brauchen, wie Teamfähigkeit, Agilität, Ambiguitätstoleranz und Ähnliches, dann ist das Kind hier richtig. Wir haben ja als Ganztagsschule auch außerhalb von Deutsch, Mathe, Englisch und Klassenarbeit schreiben die Möglichkeit, an Dingen zu arbeiten. Ein Kind, das an einer Streitschlichterausbildung teilgenommen hat, kann für einen Betrieb sehr wertvoll sein, weil es Mediation kann.
Fühlen Sie sich nicht manchmal als Auffangbecken für alle, die es im dreigliedrigen System nicht schaffen?
Das sind wir. Das ist aber auch nicht weiter schlimm. Die Stadt Bergkamen tut etwas sehr Kluges: Sie lässt uns mit sechs Klassen starten, auch wenn die nicht rappelvoll sind. Das hat den Charme, dass wir in den Jahrgängen fünf und sechs intensiv Klassenregeln vereinbaren und das Lernen lernen können. Und dann fängt der große Run an: Wir bekommen ständig Anfragen von Gymnasial- und Realschul-Eltern, die möchten, dass ihr Kind zu uns kommt.
Die Schüler aber erleben solch einen Schulwechsel womöglich als Scheitern ...
In der Tat. Und vielleicht erleben sie auch eine gewisse Stigmatisierung dadurch, dass sie den Ansprüchen ihrer Eltern nicht entsprochen haben. Diese Kinder müssen wir erst einmal auffangen. Aber wir können das, weil wir Ganztagsschule sind, weil wir jeweils zwei Klassenlehrer haben und auch Schulsozialarbeit.
Immer vorausgesetzt, dass Sie genügend freie Plätze vorweisen können ...
Hier stellen wir fest, dass auch bei uns die Schulplätze knapper werden, zumal die Geburtenraten in Bergkamen steigen. Wir können längst nicht mehr alle nehmen und mussten auch schon Anfragen zum Schulwechsel abweisen. Die Vorstellung, dass mein Kind ja immer noch zur Gesamtschule gehen kann, wenn es woanders nicht klar kommt, funktioniert nicht mehr, wenn unser Puffer aufgebraucht ist.
Ihre Oberstufe wird auch von Schülern besucht, die zuvor nicht auf Ihrer Schule waren ...
Ja, der Anteil liegt bei etwa 50 Prozent. Die Schüler kommen von Real- und Hauptschulen. Interessant ist, dass wir verstärkt Nachfragen aus Zehnerjahrgängen von Gymnasien haben. Das sind Schüler, die sichergehen wollen, dass sie auf jeden Fall einen Abschluss bekommen. Die gehen dann aber in der Regel locker in die Oberstufe über.
Wie gelingt es, Kinder mit Hauptschulempfehlung zum Abi zu führen?
Die Frage stellen wir uns so nicht. Wir denken von den Stärken her. Wenn wir die Schüler in ihren Stärken stärken, kommen sie auch dahin, wo sie hin möchten und wo wir sie hinbringen wollen. Und dafür haben wir sechs Jahre lang Zeit. Aber was spricht dagegen, wenn ein Schüler hier im Rahmen seiner Möglichkeiten seinen Hauptschulabschluss macht und anschließend einen tollen Beruf erlernt?
Was braucht die Gesamtschule Bergkamen, um dauerhaft zu bestehen?
Diese Schule hat ein sehr markantes Profil mit dem Fokus auf die MINT-Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik. Und das ist gut so. Was wir brauchen, ist der Blick ins 21. Jahrhundert: Wir bilden Schüler für Berufe aus, die wir heute noch nicht kennen. Um die Schüler fit zu machen für den digitalisierten Arbeitsmarkt und das digitale Lernen, braucht es Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken. Darauf sollten wir unseren Unterricht ausrichten. Die Schüler müssen nicht mehr wissen, wann Goethe geboren ist. Das wäre schön, aber das tun die Geräte für uns. Die Schüler müssen planen können, strukturieren können, müssen Anstrengungsbereitschaft und Flexibilität lernen.
Spüren Sie ausreichend Rückendeckung vom Schulträger?
Ja, das tue ich. Aber natürlich habe ich Wünsche, bin ständig im Quengelmodus, weil wir immer noch nicht alle Präsentationstechniken haben oder Baumaßnahmen länger dauern. Die Arbeit mit dem Schulträger ist aber sehr offen, kooperativ und von gegenseitiger Wertschätzung geprägt. Auch wenn ich manchmal als verpeilte, visionäre Pädagogin daherkomme, weiß ich, dass der Schulträger das Geld auch nicht schneller fließen lassen kann, als es fließt.
Angesichts der Delta-Variante des Coronavirus, die sich ausbreitet: Mit welchen Gedanken gehen Sie in die Sommerpause?
Der erste Gedanke ist, dass ich in der Situation nach wie vor eine Chance zur Unterrichtsentwicklung sehe. Der zweite, dass wir weiterhin ein Höchstmaß an Flexibilität benötigen. Auch wenn ich meinem Kollegium und mir eine Ruhephase wünsche: Wir wissen nicht, was uns noch erwartet. Es benötigt die Offenheit und Kopf-hoch-Mentalität, die meine Kolleginnen und Kollegen schon in den vergangenen Monaten gezeigt haben. Sie haben sich nicht ins Bockshorn jagen lassen, wenn mal wieder freitagnachmittags eine E-Mail von der Bezirksregierung kam und von uns dann samstags eine Mail zur Umsetzung am nächsten Montag. Das haben sie stoisch ertragen und mir immer das Gefühl gegeben, dass wir das gemeinsam hinkriegen.

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