Mitarbeiter zur Schließung ihrer City-Filiale

Aus für Kaufland-Filiale in Bergkamen: „Betriebsrat hat sich verzockt“

Der Frust bei den Kaufland-Beschäftigten in Bergkamen über die angekündigte Schließung der City-Filiale sitzt tief. Es gibt Kritik am Betriebsrat und der Gewerkschaft Verdi.

Bergkamen – Der Frust bei Kaufland-Beschäftigten in Bergkamen über die angekündigte Schließung der City-Filiale sitzt tief – zumindest bei jenen, die im Verhalten des Betriebsrats die Ursache für den nach wie vor ungelösten Arbeitskonflikt sehen und die Auflösung der Arbeitnehmervertretung beantragt hatten.

UnternehmenKaufland
Mitarbeiterca. 132.000
HauptsitzNeckarsulm

Aus für Kaufland in Bergkamen-City: Bei Mitarbeitern fließen die Tränen

Beim Treffen auf dem oberen Parkdeck des Rathaus-Centers in Bergkamen nahmen die Kolleginnen und Kollegen auch schon ein wenig Abschied voneinander – teils mit Tränen. Die flossen aber auch vor Wut und Verzweiflung der rund 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zwar will Kaufland den aktuell rund 90 Beschäftigten am Standort Ersatzarbeitsplätze in anderen Filialen anbieten. Doch die Sorge ist groß, ob diese Angebote im Einzelfall in Einklang gebracht werden können mit den eigenen beruflichen Vorstellungen und dem Privatleben.

Dem Vernehmen nach hat es schon erste Gespräche zwischen Beschäftigten und Geschäftsführung über deren Zukunft gegeben. „Wir wurden gefragt, wie flexibel wir sind“, schildert eine Mitarbeiterin. Drei Kaufland-Märkte gibt es in der näheren Umgebung: in Rünthe, in Kamen und in Lünen. Nach Hamm oder Dortmund wäre der Arbeitsweg schon länger – und damit auch der Zeitaufwand und die Kosten.

Schließung von Kaufland Bergkamener City: Mitarbeiter mit Kritik am Betriebsrat

Fragt man in die Runde, ob noch Hoffnung besteht, dass der City-Markt in Bergkamen über das verkündete Schließungsdatum 30. April hinaus Bestand haben könnte, schallt einem ein vielstimmiges „Nein“ entgegen. Die Verantwortung für die Misere sehen die Versammelten ganz klar beim Betriebsrat und der Gewerkschaft Verdi. Beide agierten losgelöst vom Interesse der Gesamtbelegschaft, wobei die Entfremdung schon früh eingesetzt habe.

Die Arbeitnehmervertretung hatte im Mai 2020 die Zustimmung zu den Dienstplänen verweigert, weil sie mit Blick auf die Corona-Pandemie strengere Maßnahmen zum Gesundheitsschutz im Markt forderte. Daraufhin stellte Kaufland alle Beschäftigten bei Zahlung des Basislohns frei und ließ eine Drittfirma das Geschäft betreiben. Es folgte der Gang vors Arbeitsgericht. Mitte August beantragten 45 Kolleginnen und Kollegen die Auflösung des Betriebsrats, um wieder arbeiten zu können. Am Mittwoch (10. März) wurde die Schließung der Filiale in Bergkamen verkündet.

Schließung von Kaufland Bergkamen-Mitte: Das sagen Mitarbeiter, die sich gegen den Betriebsrat gestellt haben

Susanne Kleszcz (59), Warengruppenführerin: „Ich arbeite seit 20 Jahren am Standort, wohne fünf Minuten Fußweg von hier und bin vor Jahren extra von Rünthe in die Mitte gezogen. Wenn mir ein Angebot für eine neue Arbeitsstelle in der Nähe gemacht wird, würde ich mich freuen, aber es sind noch 90 andere Kollegen hier, die versorgt werden müssen. Dass ich skeptisch in die Zukunft blicke, hängt mit meinem Alter zusammen. Schon einmal hieß es, Kaufland im Rathaus-Center wolle sich modernisieren, dafür brauche es neue Kräfte.“

Jutta Eckey (62), Kassiererin: „Ich war schon vor mehr als 20 Jahren bei der Auflösung von Coop in Lünen dabei, habe den Laden nach der Insolvenz des Unternehmens noch mit ausleeren müssen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das ein zweites Mal erleben muss. Ich selbst stehe kurz vor der Rente und werde wohl durch einen Sozialplan aufgefangen, aber mir tun meine Arbeitskollegen leid, die sich neu orientieren müssen und auf einen Job angewiesen sind. Dass ich mein Berufsleben nicht vernünftig abschließen kann, finde ich schon sehr, sehr traurig. Es sind seit Beginn des Konflikts auch schon ein paar Kollegen in Rente gegangen, die nicht offiziell verabschiedet werden konnten. Das ist alles untergegangen.“

Jessica Kutz (31), Warenbereichsleiterin: „Wir haben zwar unsere Jobs nicht verloren, aber befinden uns jetzt alle in der Schwebe. Viele von uns haben Familie und Kinder. Wenn wir in weiter weg liegenden Häusern unterkommen, muss geklärt sein, wie die Betreuung funktioniert. Mein Partner ist auch im Unternehmen, schon im Juni abgesprungen und nach Rünthe gegangen. Wir haben damals gesagt: Wir müssen einen von uns in Sicherheit bringen. Ich selbst muss jetzt kämpfen. Vor allem die Führungskräfte werden es wohl schwer haben, irgendwo anders unterzukommen, die Stellen sind ja begrenzt.“

Soraya Guttschling (55), Warengruppenführerin: „Ich arbeite seit 22 Jahren hier, seit der Eröffnung. Ich bin so traurig und habe Angst, dass ich meinen Job nun ganz verliere. Es ist ungewiss, ob es für mich weitergeht. Dabei war das Team hier wie eine Familie. Wir haben bis jetzt immer zusammengehalten, in guten wie in schlechten Tagen. Jetzt ist unser Geschäft bald zu. Wem nützt dieser scheiß Betriebsrat?“

Heiko Schoon (45), Warenbereichsleiter: „Schlimm ist, dass man ja auch seine zweite Familie verliert, Kolleginnen und Kollegen, mit denen man 15 oder 20 Jahre zusammengearbeitet hat. Man verbringt mit ihnen zumindest an den Werktagen oft mehr Zeit als mit den Lieben zu Hause. Es ist traurig, dass es so auseinandergeht. Ich hoffe sehr, dass jeder an anderer Stelle unterkommt.“

Danilo Guerra (35), Warenbereichsleiter: „Ich arbeite seit 18 Jahren im Unternehmen, bin mit 17 als Wagenschieber angefangen und hoffe, dass ich in der Branche bleiben kann. Nicht nur Corona hat gezeigt, dass die Arbeit im Lebensmitteleinzelhandel eine sehr wichtige ist. Zu wissen, dass der Job in der City-Filiale durch so einen Streit ein Ende hat, ist schlimm. Was wir erreicht haben, wird auf einen Schlag vernichtet. Ich weiß nicht, ob ich die Stelle annehmen kann, die mir angeboten wird. Diese Ungewissheit macht mich zurzeit völlig fertig.“

„Es war klar, dass das alles nicht ewig gut geht“, sagt Kaufland-Mitarbeiter Danilo Guerra. Der 35-Jährige geht davon aus, dass sein Arbeitgeber durch den Arbeitskonflikt einen Millionenverlust erlitten hat. Bis heute sei es ihm unerklärlich, warum der Betriebsrat den Streit derart auf die Spitze getrieben habe, dass nun alle Arbeitsplätze im Markt wegfallen.

„Zu Beginn hat es tatsächlich die Angst bei den Kollegen gegeben, sich bei der Arbeit mit dem Coronavirus zu infizieren“, räumt Guerra ein. Diese Angst habe man auch gegenüber dem Betriebsrat formuliert und um Hilfe gebeten. Das Gremium habe das Thema dann aber genutzt, um mit Unterstützung Verdis die eigenen Ideale umzusetzen. „Dazu muss man wissen, dass das Klima zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung schon seit Jahren schlecht war.“

Kaufland Bergkamen-City: Beschäftigte kennen Forderungen gar nicht

Man müsse nun „ungewollt und ungefragt“ zu Hause bleiben, betont Guerra – in einer Zeit, in der man den Kunden gerne helfen würde, durch die Pandemie zu kommen. Dabei seien den Kollegen die Forderungen des Betriebsrats noch nicht einmal bekannt gemacht worden. Es sei im Grunde völlig unverständlich, dass eine Fremdfirma im City-Markt tätig sein dürfte, man selber aber nicht, heißt es. Und: Mittlerweile sei der Markt im Rathaus-Center „runtergewirtschaftet“.

Knapp 40 Kaufland-Beschäftigte trafen sich auf dem oberen Parkdeck des Rathaus-Centers. Auf Plakaten teilten sie unmissverständlich mit, wen sie für die Schließung der Kaufland-Filiale verantwortlich machen.

Es sei wichtig, dass es Betriebsräte und Gewerkschaften gebe, die sich für die Rechte der Arbeitnehmer einsetzen, betont Guerra. Der Preis, den die Kaufland-Mitarbeiter am Standort Bergkamen-City nun aber zahlen müssten, sei definitiv zu hoch. Der Betriebsrat hätte im Laufe der Auseinandersetzung über seinen Schatten springen müssen. „Wir wissen, dass es schwierig ist, eine Entscheidung zurückzunehmen. Wenn sich die Entscheidung aber zum Nachteil von Mitarbeitern auswirkt, ist das notwendig.“

Laut Guerra sind die Kritiker des Betriebsrats regelmäßig beim Gremium vorstellig geworden, um die Mitglieder dazu zu bewegen, einen Kompromiss mit dem Arbeitgeber einzugehen – auch, nachdem der Auflösungsantrag schon bei Gericht lag. Auch am Montag wollte Guerra noch einmal das Büro der Arbeitnehmervertretung aufsuchen. Gut wäre es gewesen, wenn der Betriebsrat sich schon im frühen Stadium des Konflikts durch Befragung der Kollegen vergewissert hätte, ob sie sein Vorgehen noch billigen. Auch bei Verdi habe man ohne Erfolg interveniert, sagt Guerra.

Gesundheitsämter sollten das Sagen haben

Verkäuferin Stephanie Meisinger findet drastische Wort für das, was ihr widerfährt. Mit ihrem Arbeitsplatz sei „gespielt “ worden, meint die 45-Jährige – und am Ende habe sich der Betriebsrat dann verzockt. „Ihr habt uns gewählt, also müsst ihr damit leben, was wir für richtig halten“ – nach diesem Motto sei die Arbeitnehmervertretung vorgegangen.

In einem Positionspapier der Beschäftigten heißt es mit Blick auf Kaufland: „Es ist schwer zu verstehen, warum ein einziger Betriebsrat in ganz Deutschland die Arbeitsplatzsituation als nicht sicher bewertet.“ Wenn es um die Sicherheit in Corona-Zeiten geht, sollten die Gesundheitsämter vor Ort mit ihrem medizinischen Fachwissen die Entscheidungen treffen, ob gearbeitet werden darf oder nicht.

Für den Kaufland-Betriebsrat hat sich zuletzt Rechtsanwalt Albrecht Seidel öffentlich geäußert; meist ging es um juristische Bewertungen. Der Bitte um ein direktes Gespräch mit dem Gremium wurde bis dato nicht entsprochen.

Auf die Vorwürfe der Beschäftigten hat mittlerweile Verdi-Sekretär Karsten Rupprecht reagiert.

Rubriklistenbild: © Menke

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