Kabarettistin Simone Solga ist ein verbaler Wirbelsturm

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Simone Solga begeisterte im studio theater mit ihrem feinsinnigem und bissigem Programm „Das gibt Ärger“.

Bergkamen - Kabarett ist leider, das wissen Fans, bisweilen etwas fade geworden. Einige richtig gute Akteure sind von der Bühne verschwunden. Simone Solga sorgt dagegen – einem verbalen Wirbelsturm gleich – für richtig frischen Wind auf der Kabarettbühne.

Bissig und feingeistig fesselte sie das Publikum im studio theater am Freitagabend mit intelligenten und grandios vorgetragenen Gedankengängen. Dabei fegte sie wie besagter Wirbelsturm durch eine enorme Themenvielfalt, sorgte – anders als ein Orkan – aber nicht für physische oder materielle Schäden, sondern für absolute Begeisterung. Sie zeigte auf beeindruckende Weise, wie begeisternd ein gut gemachtes Kabarett-Programm sein kann. 

Von null auf 100 in Sekundenbruchteilen

Zum zweiten Mal nach 2015 bewies die quirlige Powerfrau in Bergkamen eindrucksvoll ihre Ausnahmequalitäten unter den Kabarettistinnen und Kabarettisten. Und das trotz angeschlagener Gesundheit. 

Schon wie sie in ihr Programm „Das gibt Ärger“ einstieg, war ein Erlebnis. Per Blitzstart, von null auf 100 in Bruchteilen von Sekunden, feuerte sie dem Publikum ihre grandiosen Gedanken nur so um die Ohren. 

„Hier in Bergkamen herrscht noch echte Willkommenskultur. Oder ist es der Alkohol?“, war ihr augenzwinkernder Dank für den Begrüßungsapplaus. 

Dann feuerte die (ehemalige?) Kanzlersouffleuse verbal aus allen Rohren. Ihre Stelle als Souffleuse habe sie gekündigt: „Ich komme aus einem Kriegsgebiet der Hoffnungslosigkeit, der bestbewachten Forensik – aus Berlin“, legte sie los. 

Gekonnte verbale Grätschen

Natürlich war es sofort die „alte Tante SPD“ und ihre vermeintlich unterirdische Führungsriege, die sie aufs Korn nahm. „Diese 60 Prozent, nein, sorry: 16 Prozent, für alles was keinen Stecker hat, Partei“, schob sie frech nach. Und das Publikum konnte sich vor Lachen kaum halten. Ohne groß Luft zu holen, „verfrühstückte“ sie Akteure wie Andrea Nahles und Ralf Stegner, grätschte verbal gekonnt in deren Äußerungen. 

Mit einem Blick, den so nur sie drauf hat, gab sie Martin Schulz – dem Kandidaten, der eigentlich gar nichts werden wollte – verächtlich mit auf den Weg: „Der Sozi, der noch im Liegen umfallen kann.“ 

Eine Nahles als Leuchtturm oder gar Führerin der SPD: „Ist das noch Politik oder schon aktive Sterbehilfe? Die ist die Stradivari der Arschgeigen“, schlug sie drauf. 

Filigranes Werkzeug statt Vorschlaghammer 

Die Zuhörer hatten zuweilen fast Mühe, mit den blitzartigen Gedankensprüngen Solgas mitzukommen. Ob sie zur Herkunft Alexander Dobrindts fragte („An welchem Tag hat Gott den erschaffen? Oder war es Sekundenschlaf?“), ob sie sich überbehüteten Kindern widmete, dem Programm der möglichen neuen GroKo oder auch der Flüchtlingsfrage: Sie machte das in den meisten Fällen nicht mit dem Vorschlaghammer, sondern mit dem filigranen, eleganten Werkzeug aus ihrer verbalen Werkzeugkiste. 

Dabei beherrschte sie perfekt das Spiel auf der Klaviatur der weiblichen Unbekümmertheit wie entwaffnenden Direktheit. Gekonnt sprang sie zwischen Themen hin und her. Hinterfragte tiefsinnig auch eigene innere Gedanken und Zweifel. Und das in einem Tempo, das dem Publikum absolute Aufmerksamkeit abverlangte. Wunderbar gemacht waren auch die Lieder, die sie sang. Feine Texte und eine tolle Gesangsstimme sorgten für Begeisterung beim Zuhörer. 

Solga legt die Kabarett-Latte hoch

Im zweiten Teil des Programms hatte sie zwar auch kleinere Phasen, in denen sie eher etwas lockere Sprüche losließ. Sie fing sich aber immer wieder ein, war wieder bei ernsteren Themen. 

Simone Solga legte – sportlich betrachtet – die Latte für erstklassiges Kabarett enorm hoch. Sie flog mit Leichtigkeit darüber. Manche anderen Akteure des Genres scheitern kläglich an dieser Übung. Man darf sich als Kabarett-Freund freuen, wenn Solga ein drittes Mal in Bergkamen auftritt.

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