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Jobgarantie am Schornstein: Diesen Ausbildungsberuf kennt fast niemand

Ausbildung Schornsteinbau
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Fünf Auszubildende beschäftigt die Firma Möhring in Rünthe, darunter Andrea Möhring, die ein duales Studium zur Bauingenieurin absolviert.

Das neue Ausbildungsjahr hat begonnen. Im Rahmen einer Kampagne haben Arbeitsagentur und Jobcenter jetzt in Bergkamen auf einen eher ungewöhnlichen Ausbildungsberuf aufmerksam gemacht.

Rünthe – Feuerungs- und Schornsteinbauer ist nicht unbedingt das Berufsbild, das die meisten Jugendlichen auf dem Schirm haben, wenn sie sich Gedanken über die Zeit nach der Schule machen. Dabei bietet der Beruf nahezu eine Jobgarantie, denn Absolventen der dreijährigen Ausbildung sind rar. Auch die Feuerfesttechnik Möhring GmbH mit Sitz im Rünther Industriegebiet ist noch auf der Suche nach einem Azubi für das neue Ausbildungsjahr, das am 1. September startet. Um die Firma in den Fokus zu rücken, besuchten Vertreter von Arbeitsagentur und Jobcenter das Unternehmen jetzt im Rahmen der Kampagne „Sommer der Berufsausbildung“.

„Wer einige Jahre im Job ist, ist quasi unkündbar“, sagt Michael Möhring. Als Feuerungs- und Schornsteinbauermeister und Geschäftsführer der gleichnamigen GmbH weiß er, wovon er spricht. Neue Mitarbeiter von anderen Firmen zu bekommen, die bereits ausgebildet sind, sei eigentlich unmöglich. „Man kann nur selbst ausbilden“, so Möhring.

Firma seit 2016 in Rünthe

Aktuell hat er darum fünf Auszubildende, die sich zusammen mit den zehn festangestellten Mitarbeitern um die Baustellen des Unternehmens kümmern, dessen Firmensitz Möhring 2016 von Recklinghausen nach Rünthe verlegt hat. In einer von außen unscheinbaren Werkstatt lernen die fünf Azubis aktuell, worauf es beim Bau und der Wartung von industriellen Feuerungsanlagen ankommt. Wenn sie denn in Rünthe sind. Denn bei einem so kleinen Team – die Möhring GmbH ist eine der kleineren Firmen in der Branche – ist ihre Arbeit auf der Baustelle gefragt, sodass die Auszubildenden schnell im Team mitarbeiten können. Früher oder später heißt das auch: Auf Montage fahren, denn die wenigsten Baustellen sind im nahen Umkreis.

232 unbesetzte Stellen

Die Stadt Bergkamen wird von der Geschäftsstelle Kamen der Bundesagentur für Arbeit betreut. Hier stehen jedem Jugendlichen, der noch auf der Suche ist, rechnerisch 0,8 Stellen zur Verfügung. Es gibt also weniger Stellen als Bewerber. Damit ist Flexibilität und Schnelligkeit gefragt. Wer sich gegenüber Mitbewerbern absetzen möchte, sollte schnell handeln und auch Berufe in Betracht ziehen, die weniger bekannt oder gefragt sind. Entscheidend sei, so die Berufsberater, dass die Inhalte zu den eigenen Interessen und Stärken passen.

Für das im Herbst beginnende Ausbildungsjahr wurden von Betrieben 608 Berufsausbildungsstellen (Stand Juli 2021) gemeldet, 11 mehr als im Vorjahr – das macht ein Plus von 1,8 Prozent. Davon sind bisher 232 Ausbildungsstellen noch unbesetzt, 50 mehr im Vergleich zum Vorjahr. Das entspricht mit 27,5 Prozent mehr als einem Viertel des Angebots.

953 junge Frauen und Männer sind im Bezirk registriert, die einen Ausbildungsplatz suchen. Das sind 67 oder 7,6 Prozent mehr als 2020. 292 Schulabgänger sind bislang noch unversorgt, acht Personen (2,8 Prozent) mehr als im Vorjahr. Wer noch auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist, erreicht die Berufsberatung unter Telefon 02303/2807 111 oder per E-Mail an kreis-unna.berufsberatung@arbeitsagentur.de.

Arbeitgeber können ihre freien Stellen melden oder sich zum Thema Ausbildung beraten lassen unter Telefon 0800/4555520.

Auf den Baustellen mauern, verputzen und verfugen sie beispielsweise Mauerwerke für Feuerstellen, Kamine und Abgaskanäle. Auch das Anbringen von Schornsteinbändern, Schornsteinkopfabdeckungen und Blitzschutzeinrichtungen gehört zu den Aufgaben eines Feuerungs- und Schornsteinbauers. Der Aufgabenbereich ist vielfältig und erfordert nicht nur reine Muskelkraft, sondern auch einiges an Wissen. „Wir müssen wissen, bei welchen Temperaturen wir mit welchen Materialien arbeiten können“, erklärt Möhring.

Geschäftsführer Michael Möhring, Lukas Möhring (zuständig für Planung und Beratung), Justin Malinowski (2. Lehrjahr), Thomas Helm (Agentur für Arbeit Hamm) und Friedrich von Gaudecker (Leiter Markt und Integration, Jobcenter Kreis Unna) (von links) schauen sich ein Übungsstück für die Azubis an.

Ein Aluofen erreiche beispielsweise Temperaturen von 760 bis 780 Grad Celsius, ein Ofen, in dem Kupfer geschmolzen wird, bringt es auf 1080 bis 1100 Grad Celsius. „Dementsprechend müssen wir unsere Materialien auswählen, um optimale Arbeit zu leisten.“ Auch die Aufheizkurve – also wie schnell der Ofen auf Betriebstemperatur gebracht wird – spielt eine Rolle. Zudem haben die Feuerungs- und Schornsteinbauer mit Rechtsfragen und Umweltschutz zu tun, physikalisches Verständnis hilft bei der Beurteilung der Werkstoffe, mathematische Fähigkeiten sind hilfreich für die Flächenberechnung und Ermittlung des Baustoffbedarfs.

Gute Noten sind nicht alles

Ein Musterschüler muss aber niemand sein, um die Ausbildung in Rünthe anzutreten. „Ich war selbst ein schlechter Schüler“, sagt Möhring lachend. Der eine begreife eben schneller, der andere langsamer. „Aber das kann man alles lernen.“ Im Zweifel per „learning by doing“, also lernen durchs Machen. „Wer einmal zu viel Steine hochgeschleppt hat und sie dann wieder runterschleppen muss, rechnet das nächste Mal aufmerksamer.“

Überhaupt seien andere Werte viel wichtiger als Noten auf dem Zeugnis. „Das Wichtigste sind Ehrlichkeit und Kameradschaft unter den Kollegen“, betont er. Alles andere sei erlernbar – für diejenigen, die frisch von der Schule kommen genauso wie für Quereinsteiger, die sich beruflich verändern möchten. Und ohne Teamfähigkeit funktioniere es nicht. „Wir schicken kleine Teams von drei oder vier Leuten auf die Baustellen – wenn da einer quer schießt, dann haben wir ein Problem.“

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