Politik und Verwaltung suchen nach Anreizen

Bergkamens Feuerwehr ist personell gerüstet, macht sich aber einen Kopf um die Nachwuchsgewinnung

Noch übt der Nachwuchs in ausreichender Zahl, hier Teilnehmer eines Grundlehrgangs der Feuerwehr. Die Gewinnung neuer Kräfte wird aber immer wichtiger.
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Noch übt der Nachwuchs in ausreichender Zahl, hier Teilnehmer eines Grundlehrgangs der Feuerwehr. Die Gewinnung neuer Kräfte wird aber immer wichtiger.

Mit dem Jahresbericht des Bergkamener Feuerwehrchefs Dirk Kemke kam mehr zur Sprache als bloße Einsatzstatistik: Wie sichert man den Brandschutz mit Freiwilligen langfristig?

Bergkamen – 206 Männer und Frauen im aktiven Dienst der drei Löschzüge mit Einheiten in jedem der sechs Ortsteile: Da wird Stadtbrandinspektor Dirk Kemke nicht bange, dass absehbar etwas anbrennen könnte bei der Freiwilligen Feuerwehr Bergkamen. Und doch zählt er die Nachwuchsgewinnung zu den wichtigsten Aufgaben, damit die volle Einsatzfähigkeit mit mindestens 200 Kameraden gewährleistet bleibt.

21 Frauen und 185 Männer im aktiven Dienst

Das geriet gleich zweimal in den Fokus, als sich der Ausschuss für Öffentliche Sicherheit und Ordnung in großer Anerkennung mit dem Engagement der exakt 21 Frauen und 185 Männer anlässlich Kemkes Jahresberichts 2020 befasste. Denn zugleich lag der Antrag der CDU von Dezember 2019 auf Wiedervorlage, den außergewöhnlichen Einsatz der Retter für die Allgemeinheit mit einer materiellen Anerkennung zu würdigen und den Eintritt attraktiver zu machen.

CDU-Antrag stößt Suche noch Boni an

Der dabei verwendete Begriff „Feuerwehrrente“ soll indes nur Arbeitstitel sein. „Weil es einem 20-Jährigen kaum Anreize bietet, dass er mit 67 etwas für seinen Dienst bei der Feuerwehr bekommt“, wie Ordnungsdezernentin Christine Busch ausführte. Mit dem Antrag habe die Union „durchaus einen Nerv getroffen.“ Nur: Trotz intensiver Beratung mit der Wehrführung „kann ich ihnen aber leider noch nichts Gutes empfehlen.“

Dirk Kemke leitet die Freiwillige Feuerwehr Bergkamen mit aktuell 206 Kameraden im aktiven Dienst.

Nachlässe bei kommunalem Bauland oder Erlass der Kita-Gebühren – Beispiele aus anderen Orten – ließen sich in Bergkamen (mangels Grundstücken) nicht realisieren oder zögen die Frage der Gerechtigkeit (gegenüber kinderlosen Freiwilligen) nach sich. Es werde aber weiter gegrübelt und beraten.

Lockdown lässt die Kameradschaft vermissen

Zu schaffen macht der engagierten Truppe auch, dass Corona neben dem Übungs- und Ausbildungsbetrieb zum Erhalt der Einsatzbereitschaft auch alle Gelegenheit zur Pflege des unerlässlichen Zusammenhalts zunichtegemacht hat. Darauf hatte Kemke schon am Rande der jüngsten Einsätze verwiesen. Die Kameraden sähen sich fast nur noch im Ernstfall. Aber die Abläufe sitzen, das zeigte der ABC-Alarm im Jobcenter am Montag deutlich.

Gelder für entfallene Veranstaltungen ausgezahlt

Nur: keine Dienstabende, kein gemeinsames Kameradschaftsfest, der berühmte Rünther „Tanz in den Nikolaus“ gestrichen. Traurig, so Busch. „Denn das ist der Kitt, der alles zusammenhält.“ Immerhin: „Jeder dafür im Etat 2020 vorgesehene Euro ist in die Feuerwehr geflossen. 90 Prozent haben die Einheiten für die Kameradschaftspflege erhalten, weil es keine Veranstaltungen gab“, so die Dezernentin. Mit dem Rest sei die Jugendfeuerwehr bedacht worden, um die Ausstattung für die Zeltlager zu erneuern.

Verstärkung der Jugendbetreuer gesucht

Apropos: Bei der Betreuung der Jüngsten sähe der Feuerwehrchef gern noch Verstärkung. „Hier fehlen uns Kräfte. Das Problem ist, dass diese Aufgabe noch neben dem aktiven Dienst läuft.“ Die dort tätigen jungen Kameraden leisteten neben Einsätzen und Terminen in ihren Einheiten noch zwei Mal im Monat Dienst in der Nachwuchsarbeit. Da stießen sie an Grenzen. Und: Trotz ansehnlicher Frauenquote von zehn Prozent zeige sich hier ein Geschlechterproblem. Mit aktuell fünf Männern und nur einer Frau ließen sich Fahrten und Lager kaum realisieren, weil weibliche Begleitung zu jeder Zeit sichergestellt sein muss.

Unterstützungseinheit: „Helfer in Teilzeit“

In diesem wie anderen Bereichen baut Kemke auf die neue Unterstützungseinheit. Dort sind gegenwärtig vier Freiwillige tätig, die keine volle Dienstverpflichtung übernehmen, der Feuerwehr aber anderweitig helfen wollen. So ist ein Feuerwehrarzt als Medizinberater tätig, und zwei Frauen werden sich um die Verpflegung bei Einsätzen kümmern. „Vielleicht finden wir ja so jemanden, der sich in der Jugendfeuerwehr engagiert“, so Kemke.

Feuerwehrchef sauer: Keine Impfe in Sicht

Frust ließ der erste Mann der Feuerwehr nur einmal anklingen, als er nach den Corona-Impfen für seine Leute gefragt wurde:. „Feuerwehrleute, die nicht im Rettungsdienst eingesetzt sind, waren der Impfgruppe III zugeordnet. Das heißt, wir sind noch lange nicht dran. In den jüngsten Tafeln mit der Impfpriorität sind wir inzwischen nicht mal mehr gelistet. Darüber habe ich mich schon schriftlich beim Kreisbrandmeister beschwert.“

Für 140 Kameraden sei völlig offen, wann sie vor einer Infektion geschützt werden. Das Ansteckungsrisiko sieht Kemke unterschätzt. „Wir leisten Tragehilfe für den Rettungsdienst, kommen bei Unfällen, etwa der Bergung von Verletzten, unweigerlich mit anderen in Kontakt.“

Da könnte sich Anerkennung wohl schon in Gestalt einer Spritze zeigen.

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