Diskussion im Bauausschuss

Ist das Kunst? Sanierung des „Blauen Bandes“ in Bergkamen wäre teuer

„Wasser in die Stadt“ ist Leitmotiv des „Blauen Bandes“ – seit Längerem auch dort nur symbolisch, wo die Rinne eigentlich Wasser führen sollte. Die Pumpe ist abgeschaltet, nur Regenwasser läuft noch ab, sofern es nicht in den Senken Pfützen bildet. Zwei Mal pro Woche wird der Unrat aufgekehrt.
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„Wasser in die Stadt“ ist Leitmotiv des „Blauen Bandes“ – seit Längerem auch dort nur symbolisch, wo die Rinne eigentlich Wasser führen sollte. Die Pumpe ist abgeschaltet, nur Regenwasser läuft noch ab, sofern es nicht in den Senken Pfützen bildet. Zwei Mal pro Woche wird der Unrat aufgekehrt.

Am „Blauen Band“ mitten in Bergkamen scheiden sich die Geister. Daran haben auch mehr als 20 Jahre Alltag mit der symbolbeladenen Kunst im Gehweg nichts ändern können. Eine Sanierung wäre teuer.

Bergkamen – Für die einen ist das „Blaue Band“ stolze Errungenschaft, sinn- und identitätsstiftende Klammer für eine Stadtmitte, die das 1966 von Amts wegen zusammengefügte Ortsteilgebilde Bergkamen im klassischen Sinne weder hatte noch hat entwickeln können. Für die anderen ist es ein überkommener wie überschätzter Popanz, zum Ärgernis verkommen. Erst recht, da das Band nun aufs Neue eine Stange Geld zu verschlingen droht.

Das Fliesenband als stilisierter Bach hat etliche Schäden und endet vor dem Rathaus. Dort soll es einmal weitergehen.

So war es schon, als die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park dem Stadtteil Mitte im Zuge der Neugestaltung des Marktplatzes und Umbaus entlang der Ebertstraße 1999 diese gestalterische Dreingabe bescherte. Und so ist es wieder, jetzt, da über Reparatur und Erhalt der Rinne und ihrer angedeuteten Weiterführung in Fliesenform entschieden werden muss. Das zeigte der erneute Aufschlag der Beratungen im Bauausschuss. Dass die Verwaltung den Sanierungsaufwand nunmehr auf 390.000 Euro schätzt, tat ein Übriges für die Lagerbildung.

Weiterführung zum Wasserpark?

„Die Ebertstraße sowie die Hubert-Biernat-Straße stellen die zentrale Verbindung zwischen Fußgängerzone, Stadtmarkt und Rathausviertel dar“, erfährt der Besucher auf bergkamen.de. Und: „Auffälligstes Merkmal ist das ,Blaue Band’, das von der Präsidentenstraße bis zum Beginn der Hubert-Biernat-Straße als wasserführender Bachlauf und von dort als Mosaikstreifen bis zum Zentralen Omnibusbahnhof gestaltet ist.“

Trotzdem wurden für den Bau des Stadtfensters gleich gegenüber vergangenes Jahr einige Meter „Blaues Band“ geopfert. Aber das neue Gestaltungsleitbild „Bergkamen mittendrin“ knüpft an den alten Gedanken der Zusammenführung an und transformiert ihn in die Zukunft: Über das Rathausviertel und das geplante Berg-Karree anstelle der Turmarkaden-Trümmer soll das „Blaue Band“ bis in den Wasserpark „als etabliertes Element der Stadtmitte“ verlängert werden. Dafür könnte es Fördermittel geben. Die Reparatur geht einzig zulasten der Stadtkasse. Was also tun?

Externes Büro soll Lösungen finden

Das fragte Thomas Reichling, Leiter des Planungsamtes, den Ausschuss sinngemäß, als er zugleich bekennen musste, dass im Rathaus die Ideen zur Rinne nicht so recht in Fluss gekommen sind. Jetzt soll statt eigener Kräfte ein externes Büro eine praktikable Lösung austüfteln – Sanierungskonzept, Ausführungsplan und Bauleitung aus einer Hand liefern. Da stellten sich CDU und BergAuf erst mal quer. „Eine halbe Million Euro in das ewige Ärgernis zu stecken, geht’s noch?“, so der zugespitzte Tenor. Mit dem Geld ließe sich Sinnvolleres anstellen.

Aber zu beschließen gab es (noch) gar nichts. Kenntnisnahme war verlangt. Dafür rang Reichling, angesichts des Widerspruchs, der Politik das Zugeständnis für „meine Bitte ab, als Basis für eine spätere Entscheidung das Konzept erstellen zu lassen“. Nur so seien Kosten und Vorgehen belastbar darzulegen. Vielleicht gebe es günstigere Lösungen.

„Am besten zuschütten das Ganze und fertig“

Zumindest das Konzept soll nun eingekauft werden – nachdem eine erste Expertise der Urheber des „Blauen Bandes“ (Kessler, Krämer Landschaftsarchitekten) nur Ansätze lieferte, die kaum zu realisieren sind. Als Ersatz für die bröckelnden Fliesen (die so gar nicht mehr verlegt werden dürfen) favorisierten die Flensburger Elemente aus Gusseisen. Aber die seien in geeigneter Form kaum zu beschaffen, so die Verwaltung. Die fraglichen 390.000 Euro stehen übrigens schon im Haushalt 2020/21.

Mit Vehemenz stellte Werner Engelhardt (BergAuf) die Position infrage. Ein „No-Go“, schimpfte er, in die „Unfallgefahr“ so viel Geld zu stecken. Die Bedeutung für die Stadtentwicklung sei in der Vorlage „überhöht“. Er habe sich umgehört und niemanden getroffen, dem diese identitätsstiftende Rinne etwas sage.

Engelhardt weiter: „Eine halbe Million in dieses Ding zu stecken, ist absolut unnötig. Am besten zuschütten das Ganze und fertig.“ Im Übrigen sehe er die Zuständigkeit für derlei Kunst im Kulturausschuss.

„Wenn’s nach mit geht, bauen wir es bis zum Berg-Karree“

Die harschen Worte ließen in Franz Herdring (SPD), Ortsvorsteher in Mitte und politisch in der ersten Reihe zu Zeiten von IBA & Co, quasi den Gralshüter der Stadtmittebildung erwachen. „Schon damals ist uns Kritik mit einer Wucht entgegengeschlagen“, fühlte er sich in die 1990er zurückversetzt. „Aber wir haben uns darüber hinweggesetzt, damit die Stadtmitte schöner und besser wird.“

Keine Frage, dass der altgediente Genosse sich bis heute darin bestätigt sieht. Deswegen dürfe „das ,Blaue Band’ nicht kaputt geredet werden ... Das ist gut angelegtes Geld. Wenn’s nach mit geht, bauen wir es bis zum Berg-Karree als offene Rinne.“

Stefan Wehmeier (CDU) wählte seine Worte sorgsamer als Engelhardt, kam aber zum selben Punkt: „Das war mal eine schöne Idee, aber das Konzept ist komplett gescheitert.“ Die Anlage sei ständig voller Müll, habe etliche Schäden und eine nicht mehr funktionierende Technik. „Jetzt 400.000, später vielleicht 600.000 Euro dafür auszugeben – bei aller Liebe, aber das geht überhaupt nicht. Da ist es besser mit einem blauen Strich getan.“

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