Interview mit Manuel Izdebski von der Aidshilfe im Kreis Unna

„Können von HIV-Epidemie auch für Corona lernen“

Manuel Izdebski (53) ist Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna. Das Bild zeigt ihn bei einer früheren Präventionsberatung in der Humboldt-Realschule in Bönen.
+
Manuel Izdebski (53) ist Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna. Das Bild zeigt ihn bei einer früheren Präventionsberatung in der Humboldt-Realschule in Bönen.

Der 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Manuel Izdebski, Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, über die Immunschwächekrankheit und die aktuelle Situation:

Im Corona-Jahr 2020 spricht kaum noch jemand über das HIV-Virus, das Aids auslöst. Zurecht?

Izdebski: Corona bestimmt seit Monaten unser Leben. Es ist selbstverständlich, dass das Thema in den Vordergrund rückt. Mit dem HIV-Virus haben wir es schon seit über 30 Jahren zu tun. Wir haben gelernt, damit umzugehen. Das ist im Grunde auch das, was die Virologen in Sachen Corona raten: damit leben zu lernen. Insofern ist die HIV-Epidemie von damals vielleicht auch eine Art Blaupause für das, was wir heute erleben.

Wo sehen Sie denn Parallelen?

Mich wundert es manchmal, dass wir nicht auf das blicken, was wir durch Aids lernen konnten: zum Beispiel den Umgang mit den vulnerablen Gruppen. Bei HIV waren und sind es etwa schwule und bisexuelle Männer sowie Junkies, um die man sich besonders kümmert. Bei Corona bedürfen zum Beispiel Senioren einer zielgruppenspezifischen Prävention. Sie könnten FFP2-Masken erhalten, weil die auch tatsächlich schützen. Oder man könnte in den Altenheimen Schulungen durchführen. Wie vor 30 Jahren ist es wichtig, Leute zu befähigen, sich selbst zu schützen. Dazu braucht es taugliche Informationen und Motivation. Im Übrigen: Am Anfang der HIV-Epidemie hat man stark bezweifelt, dass Kondome gegen die Ausbreitung des Virus helfen können. Eine ähnliche Diskussion erleben wir heute bei Corona mit den Masken. Auch deren Wirksamkeit wird zum Teil angezweifelt.

Die Deutsche Aidshilfe bemängelt, dass HIV-Testangebote wegen Corona zurückgegangen sind. Wie sieht die Situation im Kreis Unna aus?

Für uns als Aidshilfe gilt das nicht. Wir testen nach wie vor kostenlos auf HIV, Hepatitis C und Syphilis – und das sogar mehr als sonst, weil mehr Menschen zu uns kommen. Damit entlasten wir die Gesundheitsämter, die vor allem mit Corona beschäftigt sind. In diesem Jahr haben wir bereits über 80 Testungen durchgeführt.

Die Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland ist im vergangenen Jahr leicht angestiegen auf rund 2500 ...

Bei den Zahlen bewegen wir uns im Grunde seit zehn, zwölf Jahren auf gleichem Niveau. Mal sind’s 200 Neuinfizierte mehr, mal 200 weniger. Konkretes für den Kreis Unna kann ich nicht sagen, die hiesigen Kommunen werden vom Robert-Koch-Institut nicht separat erfasst.

Wann gibt’s Anlass, sich auf HIV testen zu lassen?

Die Leute, die zu uns kommen, lassen sich grob in zwei Gruppen einteilen. Die einen kommen im Rahmen der Gesundheitsvorsorge, die anderen hatten vermeintlich ein Risiko. Das muss aber nicht immer ein Risiko gewesen sein, denn Menschen mit HIV haben nach erfolgreicher Behandlung eine so geringe Viruslast, dass der Erreger selbst bei einem ungeschützten Geschlechtsverkehr nicht übertragen werden kann. Therapien haben den gleichen Schutzfaktor, als wenn ein Kondom benutzt wird.

Im Zweifel sollte man sich aber testen lassen?

Auf jeden Fall. Je früher eine HIV-Infektion erkannt wird, desto besser sind die Therapiebedingungen. Am besten, der Immundefekt tritt erst gar nicht ein. HIV-Positive können heutzutage ein normales Leben führen und haben eine normale Lebenserwartung. In den 30 Jahren hat es eine große medizinische Entwicklung gegeben.

Dringen Ihre Botschaften angesichts von Corona überhaupt noch durch?

Für uns ist jeder Tag ein Welt-Aids-Tag. Die Information, dass man heutzutage nicht mehr an Aids sterben muss, dass die Krankheit behandelbar geworden und ein positives Testergebnis eben kein Todesurteil mehr ist, ist wichtig, um den Menschen Angst zu nehmen. Angst ist kein guter Berater und führt zu Irrationalität. Wir wissen aus Untersuchungen, dass Angst Menschen auch vom Testen abhält. Sie sagen sich: Solange ich es nicht schwarz auf weiß habe, dass ich HIV-positiv bin, kann ich noch hoffen, negativ zu sein. Viele HIV-Positive sagen hingegen, dass sie keine Probleme mit ihrer Gesundheit haben, dafür aber mit der Gesellschaft, die noch nicht zur Kenntnis genommen hat, dass die Infektion von heute nichts mehr mit der Aids-Krankheit aus den 80er-Jahren zu tun hat.

Hat sich Ihre Arbeit in Corona-Zeiten verändert?

Wir arbeiten teils im Homeoffice und haben unsere Präventionsarbeit in Schulen ruhen lassen. Es fallen am Welt-Aids-Tag aber auch Veranstaltungen aus, die wir früher gemacht haben, wie etwa die Theateraufführung in Bönen und die Kinovorstellung in Werne mit 250 Schülern.

Und was ist mit den Ratsuchenden?

Mein Eindruck ist, dass die Menschen seit Corona stärker sensibilisiert sind für das Thema Gesundheit und Infektionskrankheiten. Durch die Pandemie wird deutlich, dass Gesundheit nichts Selbstverständliches ist.

HIV-Tests

Kostenlose HIV-Tests bietet die Aidshilfe in Unna nach Anmeldung montags bis donnerstags von 12 bis 16 Uhr und freitags von 10 bis 13 Uhr an. Ohne Anmeldung gibt es sie dienstags von 17 bis 19 Uhr. Das Test-Ergebnis steht nach wenigen Minuten fest. Wegen Corona müssen – anders als üblich – die Namen der Testpersonen notiert werden. Die Listen werden nach vier Wochen vernichtet.

www.aidshilfe-unna.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare