Interview mit Karlheinz Röcher (66) und Ulrike Dahlmann (61)

„Wir sind ein bisschen die APO“: Aktionskreis will Politik kritisch begleiten, auch wenn er aneckt ...

Wollen weiter mitreden und mitgestalten: Aktionskreis-Vorsitzender Karlheinz Röcher (66) und Ulrike Dahlmann (61)
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Wollen weiter mitreden und mitgestalten: Aktionskreis-Vorsitzender Karlheinz Röcher (66) stammt aus dem Siegerland. Die Liebe führte ihn zunächst nach Werne, 1997 zog er zusammen mit seiner Ehefrau in ein Zechenhaus in Rünthe. Röcher ist Rentner, von Hause aus Realschullehrer und arbeitete zuletzt für den Deutschen Gewerkschaftsbund in der Fortbildung. Stellvertreterin Ulrike Dahlmann (61) ist aus Bergkamen, zog 1986 aus der Stadtmitte nach Rünthe. Die Mutter von drei Kindern ist gelernte Juristin und Hausfrau.

Seit 2006 gibt es den Aktionskreis Wohnen und Leben Bergkamen. Kümmerte sich der Verein (derzeit 81 Mitglieder) zunächst um die von Bergschäden betroffenen Bürger in der Stadt, ist er mittlerweile deutlich breiter aufgestellt und auch auf sozialem, politischem sowie auf kulturellem Feld engagiert. Dabei eckt er mit seinen Ideen teils auch an. WA-Redakteur Jürgen Menke sprach mit dem Vorsitzenden Karlheinz Röcher und seiner Stellvertreterin Ulrike Dahlmann über das, was hinter und vor den Aktiven liegt – und über das Ende der SPD-Vorherrschaft in der Stadt.

Sie haben sich vor gut zwei Wochen im Stadtentwicklungsausschuss mit Ihren Bürgeranregungen zum Marktplatz Rünthe und zur Nachnutzung des Kraftwerksgeländes in Heil einen Rüffel aus der Politik eingefangen. „Vermessen“ und „ungehörig“ lauteten die Vorwürfe. Lecken Sie noch Ihre Wunden?

Röcher: Von Wunden würde ich gar nicht sprechen. Wir machen ja schon länger die Erfahrung, dass die Politik unseren Vorschlägen gegenüber abweisend ist. Wir haben den Eindruck, dass sich große Teile der Politiker inhaltlich gar nicht mit dem beschäftigen, was wir ansprechen. Vielmehr macht die Verwaltung Vorschläge und die Politik winkt das in aller Regel durch. Es gibt aber Ausnahmen: Die Fraktion von BergAUF setzt sich mit Themen auseinander und argumentiert. Das ist das, was wir eigentlich von allen erwarten – auch wenn es hinterher zu Entscheidungen kommt, die wir uns nicht wünschen.

Wie soll‘s denn weitergehen mit den angesprochenen Themen?

Röcher: Beim Marktplatz liegt es auf der Hand, dass da was passieren muss. Wir werden eventuell noch einmal eine Aktion machen müssen und wollen zusammen mit dem Ortsvorsteher auch andere Bürger in die Fragestellung einbeziehen. Was wir im Aktionskreis denken, ist ja nicht der alleinige Maßstab. Die Bürger in politische Entscheidungsprozesse einzubeziehen, sie ernst zu nehmen, ist die beste Methode, dass sie später auch zur Wahl gehen.

Karlheinz Röcher: „Wir dokumentieren mit unseren Vorschlägen immer wieder, dass wir keine Vollpfosten oder Nörgler, sondern an Politik interessiert sind.“
Sie und Ihr Kollege Rainer Schmidt waren im besagten Ausschuss am Ende selbst leicht ungehalten und aufbrausend, haben die Sitzung empört verlassen: War das rückblickend richtig? Wird dadurch nicht noch mehr Porzellan zerschlagen?

Röcher: Ich halte es für vollkommen berechtigt, an dieser Stelle Emotionen zu zeigen. Man kann das nicht kommentarlos hinnehmen, wenn solche Angriffe kommen. Das war unterirdisch. Wir agieren aus dem Ehrenamt heraus, das verdient grundsätzlich Respekt. Dabei können wir gut damit leben, erst einmal abgewiesen zu werden. Auf Dauer ist es aber unser Ansinnen, mit allen Fraktionen zu sprechen. Jetzt nach der Wahl starten wir dazu einen neuen Anlauf – und wir werden auch wieder unsere Stadtteilspaziergänge machen.

Haben Sie nicht die Befürchtung, als ewige Nörgler dazustehen?

Dahlmann: Nein. Themen wie die Entwicklung des Marktplatzes aufzurufen, ist doch berechtigt. Das hat mit Nörgeln nichts zu tun. Der Marktplatz ist nun mal ein Schandfleck – ebenso wie etwa die Brachfläche an der Jockenhöfer-Kreuzung. Das hat die Politik im Übrigen auch selbst erkannt.

Unterm Strich müssen Sie sich aber doch die Frage stellen, was die bessere Strategie ist: mit der Politik zu kuscheln oder zum Angriff zu blasen …

Dahlmann: Man muss weder kuscheln noch immer nur angreifen. In der Demokratie sollte es möglich sein, auch Kompromisse zu finden.

Röcher: Wir machen überparteiliche Gesprächsangebote über Inhalte, sonst nichts. Es geht uns um die Sache, und ich erwarte als Bürger, dass die Politik das erkennt. Jetzt nach der Kommunalwahl und dem Ende der absoluten Mehrheit ist die Zeit vorbei, in der die SPD einfach marschiert. Das müssen auch die anderen Fraktionen begreifen. Im Übrigen wird bei uns im Aktionskreis auch viel gelacht.

Bei der Diskussion mit den Bürgermeister-Kandidaten auf dem Parkplatz am Schacht III hatte ich das Gefühl, dass Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement eigentlich willkommen sind ...

Röcher: Damit ist es dann im Ausschuss schnell vorbei (lacht) ... Aber mal ehrlich: Manche Politiker in Bergkamen haben ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wir selbst können nur glaubwürdig sein, indem wir bei unseren Themen bleiben. Ein Freund sagte mal: Wir sind ein bisschen die APO, die Außerparlamentarische Opposition in Bergkamen. Das kann ich so annehmen. Wir dokumentieren mit unseren Vorschlägen immer wieder, dass wir keine Vollpfosten oder Nörgler, sondern an Politik interessiert sind. Darüber hinaus vertreten wir ja seit vielen Jahren unsere Mitglieder in Sachen Bergbauschäden. Wir sind zum Beispiel Teil der Monitoring-Gruppe zum Grubenwasseranstieg, ich selbst bin Sprecher des Landesverbandes der Bergbaubetroffenen NRW. Ich will nur sagen: Wir liefern – und wir möchten ernst genommen werden, Teil des Ganzen sein.

Und jetzt gibt’s eine Zäsur: Anfang November konstituiert sich der neue Rat, in dem es keine absolute Mehrheit mehr gibt. Sehen Sie das als Chance?

Dahlmann: Die SPD wird sich Mehrheiten suchen müssen, das kommt uns entgegen.

Röcher: Sagen wir mal so: Die Hoffnung stirbt zuletzt ...

Ulrike Dahlmann: „Man muss weder kuscheln noch immer nur angreifen. In der Demokratie sollte es möglich sein, auch Kompromisse zu finden.“
Was sind Ihre Themen für die Zukunft? Welchen Schwerpunkten wollen Sie sich widmen?

Röcher: Der Klimaschutz lastet über allem und ist letztlich wichtiger als Corona. Ich sehe aber nicht, dass das Thema in Bergkamen wirklich ernstgenommen wird. Vielmehr wird es halbherzig angegangen, mit Lippenbekenntnissen. Es ist zu befürchten, dass erst die Folgen des Klimawandels aufrütteln werden und man erst dann zum Handeln kommt.

Wie sieht’s mit der Stadtentwicklung aus?

Röcher: Das ist ein weiteres wichtiges Thema. So kämpfen wir zum Beispiel auch gegen ein neues Gewerbegebiet Rünthe/Overberge. Aber auch hier gilt: In den Fraktionen muss es möglich werden, auch abweichender Meinung zu sein. Man muss sich reiben können und wieder zusammenfinden – das ist jedenfalls unser Selbstverständnis. Deshalb haben wir auch eine große Bandbreite an Meinungen im Vorstand.

Die nächste Bürgeranregung: Wann kommt sie?

Röcher: Das kann ich Ihnen aus dem Stand nicht sagen, aber Futter haben wir genug. Bürgermeister Roland Schäfer hat mich auch wissen lassen: Die Themen, die wir hätten, seien nicht tot. Wir könnten ja veränderte Bürgeranregungen schreiben. Zudem hoffen wir, die Fraktionen für unsere Themen zu gewinnen. Anträge sind meist erfolgreicher als Bür-geranregungen. Auch schwebt uns vor, dass der Paragraf sechs der Hauptsatzung geändert und den Bürgern in Rats- und Ausschusssitzungen ein echtes Rederecht eingeräumt wird. Die Einwohnerfragestunde an den Beginn von Sitzungen zu stellen, wäre schon ein guter Anfang.

Bei Ihrer Jahreshauptversammlung haben sie beschlossen, sich auch kulturell zu engagieren: Was können wir in diesem Bereich erwarten?

Röcher: Die Idee ist, dass wir wie bei der Kandidatenrunde den neuen Parkplatz nutzen – etwa für Open-Air-Konzerte. Dabei wollen wir mit dem städtischen Kulturreferat kooperieren. Erste Veranstaltungen werden aber erst im nächsten Jahr stattfinden.

Der Aktionskreis besteht seit 14 Jahren: Haben sich die Hoffnungen von damals erfüllt?

Dahlmann: Wir haben einiges erreicht, etwa in Sachen Bergschäden. Wir waren zum Beispiel die Ersten, die beim Bergamt in Dortmund die Grubenpläne einsehen durften. Das war bis dahin immer verweigert worden. Jetzt werden wir genau darauf schauen, welche Folgen der Anstieg des Grubenwassers hat. Wer weiß, was dabei für Schäden auftreten. Auch das PCB im Grubenwasser und die geplante Einleitung in die Lippe bleiben Thema.

Röcher: Es hat wohl keiner in Bergkamen geglaubt, dass es uns so lange geben wird ... aber wir sind Kämpfer.

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