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Mitarbeiter in Bergkamener Seniorenheimen sehen alle in der Verantwortung

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Von: Sabine Pinger

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Stephanie Humbert-Schöße leitet das Haus Seniorenglück in Bergkamen-Rünthe.
Stephanie Humpert-Schöße vom Haus Seniorenglück in Rünthe wünscht sich, dass alle zur Impfung angehalten werden - nicht nur die Pflegekräfte. © Kröger

Alte, kranke und schwache Menschen schützen: Das ist nicht nur in der Corona-Pandemie die Aufgabe der Pflegekräfte. Ist es da zu verantworten, dass sich ungeimpfte Kranken-, Kinderkranken- und Altenpfleger um die Schutzbedürftigen kümmern? Derzeit wird über eine Impfpflicht für diese und weitere Berufsgruppen diskutiert. Die Experten in den Bergkamener Senioreneinrichtungen haben eine Meinung dazu.

Stephanie Humpert-Schöße befürwortet nicht nur eine Impfplicht für Mitarbeiter in Pflegeberufen. „Ich bin generell dafür, in allen Bereichen“, sagt die Geschäftsführerin des Hauses Seniorenglück Haus Rünthe. „Wir sind jetzt wieder ganz am Anfang. Das müsste eigentlich nicht sein“, sagt sie mit Blick auf die dramatisch steigenden Infektionszahlen.

Die Seniorenglück-Chefin hat die Immunisierung inzwischen sogar zum Einstellungskriterium gemacht. Wer keinen Impfnachweis vorlegen kann, bekommt auch keinen Arbeitsvertrag. Unter ihren jetzigen Mitarbeitern sind allerdings drei, die sich partout nicht impfen lassen wollen. Selbst mit einer Prämie von 250 Euro für die Impfbereitschaft hätten diese sich nicht locken lassen. „Jetzt müssen sie sich täglich testen lassen und die ganze Zeit im Haus FFP2-Masken tragen“, schildert Stephanie Humbert-Schöße. Ihr ist es enorm wichtig, alle Bewohner in der Einrichtung und genauso die Angestellten zu schützen. „Bis jetzt hatten wir noch keinen einzigen Corona-Fall, und das soll auch so bleiben“, sagt sie.

Sowohl die Bewohner als auch die Mitarbeiter – mit Ausnahme der drei Ungeimpften – hätten inzwischen sogar die Auffrischungsimpfung erhalten.

Pflegekräfte ohnehin schon stark belastet

Humpert-Schößes Kollege Ludger Moor ist der gleichen Meinung wie sie. Er wünscht sich eine generelle Impfpflicht für alle, unabhängig von Berufsgruppen. „Es kann nicht sein, dass diejenigen, die ohnehin schon die größte Last tragen mussten, nämlich die Pflegekräfte, nun auch noch auf diese Weise in die Pflicht genommen werden. Die Last sollte auf alle Schultern verteilt werden“, fordert der Leiter des Hermann-Görlitz-Seniorenzentrums in Bergkamen-Mitte. „Es stinkt uns, dass die Gesellschaft sich auf unsere Kosten entlasten will.“

Moor hat in den vergangenen Wochen und Monaten festgestellt, dass selbst neue Bewohner noch nicht geimpft sind, wenn sie in die Einrichtung kommen. Und die gehören in der Regel aufgrund von Alter und Erkrankungen zu den besonders gefährdeten Gruppen. „Unsere Mitarbeiter haben die ganze Zeit über durch ihr umsichtiges Verhalten die Bewohner geschützt. Sie haben sich eingeschränkt, sind zur Arbeit gegangen, vielleicht noch zum Einkaufen und dann nach Hause“ erzählt Ludger Moor, dass viele Pflegekräfte ihre Kontakte während der Pandemie massiv reduziert und sich an alle Auflagen gehalten hätten. „Jetzt kann die Gesellschaft ihnen nicht vorschreiben, was sie zu tun haben, während andere zu Hause sitzen und zuschauen“, so der Einrichtungsleiter. „Wir können die vierte Welle nur brechen, wenn alle an einem Strang ziehen. Dazu braucht es aber klare Vorgaben für alle.“

Das betrifft zum Beispiel die Booster-Impfungen. Anders als bei den ersten beiden Immunisierungen konnten dazu nämlich keine mobilen Teams, koordiniert vom Kreis Unna, an der Marie-Juchacz-Straße aktiv werden. „Das Land hat die Organisation der Kassenärztlichen Vereinigung übertragen, und die hat gesagt, dass die Hausärzte für das Boostern zuständig sind“, erklärt Ludger Moor. Im Hermann-Görlitz-Seniorenzentrum bedeutet das, dass rund 25 Mediziner aus unterschiedlichen Städten im Kreis ins Haus kommen müssen, um ihre Patienten mit der Auffrischungsimpfung zu versorgen. Das ist nicht nur aufwendig, sondern es dauert zudem seine Zeit, bis alle Ärzte das Impfen vor Ort einrichten können. „Das war sehr mühselig“, stellt der Leiter fest. Inzwischen seien aber glücklicherweise fast alle Senioren zum dritten Mal geimpft worden.

Skeptiker überzeugen

Anders sieht das bei den Mitarbeitern aus. Dafür seien laut Aussage der KV ebenso die Hausärzte zuständig, so Moor. Und die sind zurzeit nicht nur völlig überlaufen, sodass dort kaum ein Termin zu bekommen ist, sie halten sich des Weiteren an die Empfehlung, zunächst vor allem die über 70-Jährigen zu schützen. Jüngere Pflegekräfte haben dort kaum eine Chance, weiß Ludger Moor. Seine Mitarbeiter hätten daher teilweise die mobilen Angebote des Kreises genutzt und sich die dritte Spritze gegen das Corona-Virus im Impfbus geben lassen. „Jetzt sind etwa zwei Drittel unserer Mitarbeiter geboostert.“

Grundsätzlich nicht schlecht findet Nicol Adamczyk eine Impfpflicht im Pflegebereich. Sie befürchtet aber, dass sich die Kollegen, die sich nicht impfen lassen wollen, dann eine andere Tätigkeit außerhalb der Pflege suchen. „Ich habe Angst, dass uns das Personal dann fehlt. Und wir haben ja schon einen Fachkräftemangel“, gibt die Leiterin der Tagespflege im Haus am Nordberg zu bedenken.

Nicol Adamczyk kennt viele impfkritische Kollegen, die die Immunisierung gegen das Corona-Virus ablehnen. „Durch eine Impfpflicht sind die nicht zu überzeugen, höchstens ein sehr kleiner Teil von ihnen“, denkt die Fachfrau. Sie hält es für sinnvoller, die Skeptiker mit Aufklärungskampagnen doch noch zu überzeugen. Eine Pflicht zur Spritze würde dagegen eher abschrecken, vermutet sie. „In den Talkshows im Fernsehen sind immer die gleichen Leute zu sehen. Und die sind schon überzeugt. Vielleich wäre es gut, dort mal Menschen zu zeigen, die nicht überzeugt sind und Fragen haben“, so Nicol Adamczyk. Die meisten Ungeimpften seien ihrer Beobachtung nach keine Querdenker oder Verschwörungstheorieanhänger, sondern schlicht zu wenig aufgeklärt. „Sie haben Angst vor Nebenwirkungen. Man muss ihnen das erklären, ihre Fragen beantworten. Dann ließen sich bestimmt noch mehr überzeugen.“

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