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Im Kindesalter ermordet: Stolpersteine für Opfer der NS-Euthanasie

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Von: Jürgen Menke

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Der Stein für Wilhelm Mork an der Pfalzstraße 77: Der Bergkamener  wurde mit 57 Jahren in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.
Der Stein für Wilhelm Mork an der Pfalzstraße 77: Der Bergkamener wurde mit 57 Jahren in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet. © Jürgen Menke

Die Stadt Bergkamen ist um sieben Stolpersteine reicher. Sie erinnern unter anderem an Menschen, die im Zuge der NS-Euthanasie entrechtet und teils im Kindesalter ermordet wurden.

Bergkamen – Diese Opfergruppe im Nationalsozialismus habe bei den Verlegungen bis vor rund drei Jahren kaum eine Rolle gespielt, erläuterte der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, der das Erinnerungsprojekt vor 30 Jahren initiiert hatte und am Mittwoch erneut in Bergkamen zu Gast war. „Die Kliniken, in denen Kinder und Erwachsene getötet wurden, mauerten. In vielen Familien wurde das Thema verdrängt“, schilderte er. Der Grund dafür? „Vermutlich war es Scham.“

„Was ist genau passiert?“

Heute sei die Situation eine andere. „Nicht selten fragen Enkel ihre Großeltern nach der Familiengeschichte. Sie wollen genau wissen, was damals geschehen ist“, sagte Demnig, der am Morgen schon am Hammer Bahnhof eine Erinnerungsschwelle für in der NS-Zeit Deportierte in den Boden eingelassen hatte und der am Nachmittag noch nach Dinslaken aufbrechen wollte, um sein viel beachtetes Werk zu verrichten.

In Bergkamen verlegte er weitere sieben Stolpersteine, zwei davon in Rünthe, wo die vom „Arbeitskreis Bergkamener Stolpersteine“ organisierte Aktion am Mittag begann. Die Aktiven hatten auch die erste Verlegung Ende 2021 begleitet. Damals ging es zuvorderst um ermordete jüdische Mitbürger.

Der Bildhauer Gunter Demnig verlegte sieben Gedenksteine an sechs Adressen in der Stadt.
Der Bildhauer Gunter Demnig verlegte sieben Gedenksteine an sechs Adressen in der Stadt. © Jürgen Menke

Christa Vertcheval wurde gerade einmal sechs Monate alt, ehe sie in der Heilanstalt Aplerbeck umgebracht wurde. Ihr Leben stufte das Nazi-Regime als „unwert“ ein. Das Mädchen hatte eine Mikrozephalie, sein Kopf war abnorm klein, das Gehirn nicht richtig entwickelt. Ihren Eltern wurde mitgeteilt, dass ihre Tochter an Herzmuskelschwäche verstorben sei, um die wahre Todesursache zu verschleiern. Sie könnte systematischer Nahrungsmittelentzug, unterlassene medizinische Hilfe oder eine Überdosis an Medikamenten sein.

Vor Ort an der Schlägelstraße 36 erinnerten Jugendliche der Freiherr-vom-Stein-Schule an Christa Vertchevals kurzes Dasein, lasen Psalme aus der Bibel und ließen Ballons in den Himmel aufsteigen. Zuvor hatte Bürgermeister Bernd Schäfer ein Grußwort gesprochen, den Beteiligten gedankt und den Schülern Kraft gewünscht, sich mit diesem so düsteren Teil der Geschichte Deutschlands auseinanderzusetzen.

Gedichte, Rosen, Geigenspiel

Station zwei: Taubenstraße 4. Hier lebte Willi Domick. Seine Mutter starb früh, er dann mit zwölf Jahren in der Heilanstalt Marsberg. Nach Aktenlage erlag er einer Lungen- und Rippenfellentzündung, doch auch er wurde nach Recherchen des Arbeitskreises gezielt getötet. Vermutlich wegen einer frühen Kinderlähmung konnte der Junge seine Beine nicht bewegen und war zudem geistig behindert. Sein Vater konnte ihm nicht mehr helfen: Er war im März 1941 als Soldat an der Front gefallen.

Bis zu 40 Menschen verfolgten die Verlegung an insgesamt sechs Adressen. Auch für Willi Domick hielten sie eine Schweigeminute ab. An den weiteren Stationen gestalteten die Schüler der anderen drei weiterführenden Schulen das Programm. Es wurden Gedichte vorgetragen, Rosen niedergelegt, Geigenspiel ertönte – man merkte, dass die jungen Leute das Schicksal der Opfer, mit denen sie sich im Unterricht beschäftigt hatten, berührte.

Beim Gedenken an Christa Vertcheval, die nur sechs Monate alt wurde, ließen Freiherr-vom-Stein-Schüler Luftballons in den Himmel steigen.
Im Gedenken an Christa Vertcheval, die nur sechs Monate alt wurde, ließen Freiherr-vom-Stein-Schüler Luftballons in den Himmel steigen. © Jürgen Menke

„Ich hatte Tränen in den Augen“, sagte Klaus Malcherek nach der Schweigeminute für Hilda Malcherek. Seine Tante, die infolge einer Hirnschädigung an spastischer Lähmung und Epilepsie litt, wurde mit 13 Jahren auf Geheiß der Nazis umgebracht, ebenfalls in Marsberg. „Durch den Stolperstein wird mir ihre Lebensgeschichte noch einmal viel bewusster“, meinte der 64-Jährige.

Neben ihm waren zwei seiner Cousinen zur Stresemannstraße 2 in Mitte gekommen. „Dieser Teil der Familiengeschichte findet nun einen würdevollen Abschluss“, sagte Iris Overhage, die eine. Die andere, Liane Seidler, bestätigt das.

Bergmann und KPD-Mitglied

Ein Haus weiter, Stresemannstraße 4. Arbeitskreis-Sprecher Manuel Izdebski berichtete hier von Heinrich Dionysius, einem Bergmann, der seit 1930 der Kommunistischen Partei Deutschlands angehörte.

Die KPD leistete erheblichen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Dionysius wurde dies zum Verhängnis. Im März 1933 wurde er für zehn Tage im Konzentrationslager Schönhausen festgesetzt, das zuvor Wohlfahrtsgebäude der hiesigen Zechensiedlung war. Später gelangte er nach Münster und in das KZ Börgermoor bei Papenburg. Politische Häftlinge wurden damals misshandelt und gefoltert. Dionysius überlebte ein mehr als zweijähriges Martyrium.

Organisierter Massenmord

Pfalzstraße 77 in Weddinghofen: Auch Wilhelm Mork, geboren 1884, war ein Opfer der NS-Euthanasie. Er wurde im Rahmen der „Aktion T4“ umgebracht, einem in den Jahren 1940 und 1941 systematischen und zentral organisierten Massenmord an etwa 70.000 Menschen mit körperlicher, geistiger oder seelischer Beeinträchtigung. Über Morks Behinderung ist nichts bekannt. Vermutlich war er psychisch erkrankt.

In Oberaden, Jahnstraße 5, wurden zum Abschluss der Aktion zwei Steine verlegt: für die Eheleute Adolf und Elisabeth Rumpf. Beide waren Anhänger der KPD. Die Altgemeinden der heutigen Stadt waren allesamt Hochburgen der linken Arbeiterbewegung; auch SPD-Mitglieder wurden verfolgt.

Von der Gestapo verhaftet

Adolf Rumpf wurde nach Recherchen des Arbeitskreises am 1. Mai 1933 von der Gestapo verhaftet und in sogenannte Schutzhaft genommen. Erst kam er ins KZ Schönhausen, es folgte die Verlegung nach Freiendiez. Mehrere Monate war der damals 29-Jährige der Willkür seiner Peiniger ausgesetzt – und überlebte.

Adolf Rumpf wurde nach Ende der NS-Diktatur finanziell entschädigt. Das blieb seiner Frau Elisabeth verwehrt. Sie litt an einer vererbbaren Augenkrankheit – und wurde am 12. März 1935, im Alter von 27 Jahren und acht Monate nach ihrer Heirat, im Städtischen Krankenhaus in Hamm zwangssterilisiert.

1934 trat im damaligen Deutschen Reich das von den Nationalsozialisten beschlossene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses in Kraft. Es diente im NS-Staat der „Rassenhygiene“ durch Unfruchtbarmachung von erbkranken Menschen. Über die Zwangssterilisationen entschieden sogenannte Erbgesundheitsgerichte.

Arbeitskreis forscht weiter

Laut dem Arbeitskreis entsprechen die Verlegestellen der Stolpersteine nicht in jedem Fall dem historisch korrekten letzten Wohnsitz der Betroffenen. So waren damals teils noch keine Straßennamen eingeführt, Zuordnungen seien da schwierig. Man habe im Einzelfall „pragmatische Entscheidungen“ getroffen, heißt es.

Laut Izdebski will der Arbeitskreis weiterhin anhand alter Akten die Schicksale von hiesigen NS-Opfern aufzeigen. Eine nächste Stolpersteinverlegung ist somit nicht ausgeschlossen.

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