„Ich bin hinten rübergeklappt“

Horror-Rechnung vom Rohrreiniger: Bergkamener (56) will sich wehren

Läuft’s ab? Nicht immer! Wenn der Abfluss oder ganze Abwasserrohre im Haus verstopft sind, ist der Fachmann gefragt. Unter den Rohrreinigern gibt es aber auch unseriös arbeitende Firmen.
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Läuft’s ab? Nicht immer! Wenn der Abfluss oder ganze Abwasserrohre im Haus verstopft sind, ist der Fachmann gefragt. Unter den Rohrreinigern gibt es aber auch unseriös arbeitende Firmen.

689 Euro Handwerker-Kosten für ein paar Minuten Arbeit. „Wenn ich nichts davon zurückbekomme, habe ich teuer Lehrgeld bezahlt“, sagt der 56-Jährige aus Bergkamen-Rünthe. Er spricht von Wucher, Abzocke und Betrug. Sein Dilemma: Er hat gleich die erstbeste Firma im Internet mit der Reinigung eines Abwasserrohrs beauftragt – und am Ende wohl keine gute Wahl getroffen.

Bergkamen – Wenn der Abfluss mal verstopft ist ... sollte man kühlen Kopf bewahren. Das wusste der Rünther, der seinen Namen nicht veröffentlicht wissen will, im Grunde vorher. Gleichwohl hat er im Eifer des Gefechts nicht so genau zugehört und hingeschaut. „Das ist natürlich meine eigene Dummheit. Ich habe nicht aufgepasst“, sagt er. Nun möchte er andere davor warnen, in die gleiche Falle zu tappen.

Ein Donnerstag Ende September: In der Tenne seines Wohnhauses bildete sich eine Pfütze. „Das in der Wand verbaute Rohr für den Küchenabfluss sitzt zu und läuft über“, folgerte der Rünther, nichts Ungewöhnliches bei älteren Gebäuden. Statt den Vermieter zu benachrichtigen, wurde er selbst aktiv. „Das wird wohl keine große Sache“, vermutete der Verwaltungsangestellte.

Firma leitete Auftrag weiter

Schon der erste Online-Treffer versprach schnelle Abhilfe. Also ran ans Telefon. Anfahrts- und Arbeitspreise hat sich der Rünther beim Erstkontakt nicht nennen lassen. „Das war schon ein Riesenfehler“, sagt er heute.

Was den 56-Jährigen im weiteren Verlauf stutzig machte: Er hatte zwar den Begriff Bergkamen in die Suchmaske eingegeben, am anderen Ende der Leitung meldete sich aber ein Betrieb aus Oberhausen. Und: Dieser Betrieb hat später den Auftrag ohne sein Wissen an eine andere Firma aus Essen weitervermittelt.

Als dessen Mitarbeiter vorfuhr, rasselte er laut dem Rünther in gebrochenem Deutsch kurz die Preise herunter: 99 Euro sogenannte Gerätepauschale plus 40 Euro. Dass sich die 40 Euro auf den laufenden Meter gereinigtes Rohr beziehen, ging in der Hektik offenbar unter.

„Das hat gerade mal zehn Minuten gedauert“

Die Verstopfung war mittels Reinigungsspirale im Nu beseitigt. „Das hat gerade mal zehn Minuten gedauert“, erzählt der Rünther. Dann das böse Erwachen: Der Rohr-Spezialist verlangte 689 Euro. Zwölf Meter Leitung wollte er gereinigt haben – und natürlich kämen noch 19 Prozent Mehrwertsteuer hinzu. „Ich bin hinten rübergeklappt“, berichtet der Rünther.

Die Rechnung sollte er noch vor Ort begleichen. Er tat es gegen besseres Wissen – mit Kreditkarte und einem großen Widerwillen. „Ich habe ihn dann mit Schimpf, Schande und mit bösen Worten vom Hof gejagt, wollte nur noch, dass er verschwindet, dass das Ganze ein Ende hat“, erzählt der Geprellte. Zuvor hatte sich der Handwerker von seinem Chef noch telefonisch bestätigen lassen, dass das Geld auch wirklich auf dem Firmenkonto eingegangen ist.

Anzeige nicht ausgeschlossen

Hinterher ist man immer schlauer. „Ich war kopflos und habe mich übers Ohr hauen lassen“, sagt der Rünther. Sein Versuch, das Geld über den Kreditkartenanbieter zurückzuholen, schlug fehl. Die Firma solle mit ihrem Gebaren aber nicht durchkommen, unterstreicht er. „Ich habe mir in Absprache mit meiner Rechtsschutzversicherung eine Anwältin genommen.“

Die will die Essener Firma nun zunächst freundlich, aber bestimmt anschreiben, im Zweifel auch Strafanzeige stellen. Der Rünther hat erneut das Internet bemüht und festgestellt, dass es in Gesprächsforen ähnlich lautende Beschwerden über besagten Betrieb gibt.

„Wir arbeiten seriös und handeln transparent“

Der Geschäftsführer der Essener Firma, der ebenfalls anonym bleiben möchte, weist die Vorwürfe über Abzocke zurück. „Wir arbeiten seriös, handeln völlig transparent und weisen jeden Kunden vorab explizit auf die Kosten hin“, betont er – gerade weil es „so viele schwarze Schafe“ in dem Metier gebe.

Dass eine 689-Euro-Rechnung nach nur zehn Minuten Arbeit anfällt, zieht er zudem generell in Zweifel. „Das gibt es nur, wenn es sich um eine Hauptleitung zum Sammler handelt.“ Am verstopften Rohr im Rünther Altbau hängt, so zeigt der Blick vor Ort, nur die Küchenspüle sowie eine Waschmaschine – und das Abwasser müsste einen gehörigen Umweg nehmen, wäre es wirklich bis zum Schachteinlauf zwölf Meter lang.

Der Geschäftsführer zeigt sich im WA-Gespräch ebenso kompromissbereit wie abgeklärt. Gerne sei er bereit, mit dem Rünther nach einer Lösung zu suchen, sollte dieser an die Firma herantreten, betont er. Rechtlich sei ihm aber nichts anzukreiden, da sei er sich sicher. Der Vorwurf des Wuchers zum Beispiel setzte eine objektiv nachvollziehbare Notlage des vermeintlich Geschädigten voraus. Davon könne in diesem Fall sicherlich nicht die Rede sein.

Verbraucherzentrale: Kein Einzelfall

Bei der Beratungsstelle der Verbraucherzentrale NRW in Lünen gehen regelmäßig Beschwerden über unseriös arbeitende Firmen ein. Das betrifft laut Leiterin Jutta Gülzow vorwiegend Schlüsseldienste, Schädlingsbekämpfer und eben auch Rohrreiniger – Branchen, in denen teils auch Zuschläge für Notdienste fällig werden.

Wie die Chancen des Rünthers stehen, sein Geld auf juristischem Weg zurückzubekommen, ließe sich schwer abschätzen, sagt Gülzow. „Da geht es immer um Einzelfallentscheidungen.“ Ohne Deckungszusage einer Rechtsschutzversicherung sei ein Gang vor Gericht sicherlich ein finanzielles Risiko. „Am besten, der Mann hätte zunächst gar nichts bezahlt oder nur einen Teilbetrag, den er für angemessen hält, um sich dann genauer zu informieren“, sagt sie.

„Immer über den Preis sprechen“

Laut Gülzow ist es schon bei der ersten telefonischen Kontaktaufnahme ratsam, über Preise zu sprechen. „Ansonsten gelten die sogenannten marktüblichen Konditionen“, und diese könnten stark abweichend sein. Spätestens bei den Kostenangaben vor Ort hätte der 56-Jährige aufmerksamer sein müssen, um den Handwerker im Zweifel wieder nach Hause zu schicken, wobei gegenüber Endverbrauchern immer Brutto-Preise angegeben werden müssten. „Nachher zu argumentieren, nichts gewusst zu haben, ist problematisch.“ Die Bezahlung einer Rechnung lässt sich zudem grundsätzlich als Anerkennung von Preisen interpretieren.

Nicht selten würden Handwerker aggressiv auftreten, damit Auftraggeber überhöhte Rechnungen bezahlten, schildert Gülzow. Hier gelte es, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Zur Not ließen sich diese Menschen mithilfe der herbeigerufenen Polizei aus dem Haus bugsieren.

Andere Namen, gleiche Masche

Firmen, die aus Notsituationen anderer Kapital schlagen wollen, begleiteten die Verbraucherzentrale das ganze Jahr über, sagt Gülzow. Sie weckten oft im Internet den Eindruck von Seriosität, im Zweifel wechselten sie ihren Namen und arbeiteten sodann nach selber Systematik weiter. Verbrauchern rät sie, sich schon vorab Adressen vertrauenswürdiger Firmen aus der Region zu besorgen, um sie im Fall eines Schadens parat zu haben. Die finde man unter anderem über die Kreishandwerkerschaften.

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