Ruin nach Bergkamener Turmarkaden-Brand?

Eigentümer nach Räumung entsetzt: So schlimm steht es um die Hochhäuser

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Die Eigentümer aus den Hochhäusern an der Töddinghauser Straße haben Angst, dass sie ihre Wohnungen verlieren. Aber sie geben nicht auf. Besonders das Ehepaar Luft zeigt sich kämpferisch: Rita und Günter leben seit der Räumung in der Notunterkunft. Dort entstand dieses Foto.

Bergkamen – Tränen, Wut, Verzweiflung – in den Gesichtern der Wohnungseigentümer aus den Hochhäusern Töddinghauser Straße 135 und 137 spiegelte sich nach der Eigentümerversammlung am Dienstagabend all das wider.

„Ich werde meine Wohnung verlieren“, sagte Rita Luft weinend vor der Tür. „Ich weiß nicht weiter“, sagt eine andere Frau unter Tränen. 

Erstmals erfuhren die Eigentümer direkt und unmittelbar von ihrem Verwalter, dem Gutachter, einem Rechtsanwalt und einem Versicherungsvertreter, wie der Stand der Dinge in den beiden Hochhäusern nach der Zwangs-Evakuierung vom 15. Mai ist. Und das riss vielen Menschen den Boden unter den Füßen weg.

Kosten von bis zu zwei Millionen

Bei der Evakuierung mussten die Bewohner in wenigen Stunden das Nötigste packen. Seitdem dürfen sie nur mit einem Sicherheitsdienst in das Gebäude.

„Es ist schlimm, eine Katastrophe“, sagte Mustafa Domurcuk, der seine Eltern bei der Eigentümerversammlung vertrat. „Die Sanierung kostet zwischen einer und zwei Millionen Euro, bestenfalls 1,5 Millionen“, fasste er die Nachricht des Abends zusammen. „Doch genau weiß es keiner, denn damit ein genaues Sanierungskonzept erstellt werden kann, muss erst einmal ein fünfstelliger Betrag dafür freigegeben werden.“

So nahmen die Bewohner die Räumung wahr:

Mit 300 000 bis 400 000 Euro, so Domurcuk, habe man unter den Eigentümern gerechnet. „Aber über eine Million Euro. Das sind 25 000 Euro pro Partei. Es gibt viele Rentner, die sind gar nicht mehr kreditwürdig. Wie soll das gehen? Das ist so schlimm.“ Domurcuk will nun für seine Eltern eine neue Wohnung suchen. „Dabei hat mein Vater 30 Jahre für diese geschuftet.“

Auch ein Eigentümer, der seinen Namen lieber nicht nennen möchte, ist völlig verzweifelt. „30 Jahre lang habe ich alles abbezahlt. Jetzt soll ich noch einmal 25.000 Euro aufbringen, zuzüglich der versteckten Kosten. Wofür denn?“, fragte er. „Ich habe genug gehört. Ich gehe jetzt“, versuchte er, die Augen vor der Realität doch noch zu verschließen.

Evakuierung in Bergkamen an der Töddinghauser Straße

Während die ersten den Schock mit einer Zigarette zu verdauen versuchten, wurde im Gemeindehaus von St. Elisabeth weiter debattiert. Ein Wortbeitrag erhielt so großen Applaus, dass er bis nach draußen dringt. Doch eine Lösung gibt es nicht. „Die Leute müssen erst einmal über das Gehörte nachdenken“, sagte Verwalter Andre Beckschulte nach der Sitzung. Eine Entscheidung soll bei der ordentlichen Eigentümer-Versammlung im Juli fallen.

Vier Möglichkeiten für die Eigentümer

Laut Aussage einiger Eigentümer gibt es vier Möglichkeiten, die es bis dahin zu überdenken gilt: Eine Sanierung, einen kompletten Abriss und Neubau, was für jede Partei nur unwesentlich teurer würde, eine Komplett-Räumung des Gebäudes mit einem anschließenden, für alle Parteien bestmöglichen Verkauf – der Erlös würde dann unter allen Parteien aufgeteilt – oder eine Sanierung mit einem daran anschließenden Verkauf.

Fest steht auf jeden Fall, dass die Bewohner mindestens noch neun Monate oder sogar ein Jahr warten müssen, bis sie in ihr Zuhause zurückkehren könnten – sollten sie sich für eine Sanierung entscheiden.

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„Der sofortige Verkauf ist der vernünftigste Vorschlag“, sagte Eigentümer und Vermieter H. J., der nur seine Initialen nennen wollte. Er lebte selbst bis August 2017 in einer der Wohnungen, dann zog er nach Hamm und vermietete seine Wohnung. „Meine Mieterin lebt jetzt auf einem Campingplatz und hat sogar ihren Job deswegen verloren“, sagte er. „Ich kann aber auch keine 30.000 Euro in das Gebäude investieren“, gab der Rentner zu.

Droht den Eigentümern der Ruin?

Ein erstes Stimmungsbild unter den Einwohnern hat wohl ergeben, dass viele einen Verkauf nicht grundlegend ablehnen würden. Das stützt Rita Luft jedoch in die Verzweiflung. „Ich gebe meine Wohnung nicht auf“, wehrt sie sich. „Ich werde einen Anwalt aufsuchen“, sagt sie, denn eine Sache macht allen Eigentümern Angst: Dass die Parteien, die bei welchem Plan auch immer nicht mitziehen, von anderen Eigentümern verklagt werden könnten. 

Staub und Schmutz: So sieht es in den Turmarkaden aus

„Dann werden Leute in den Ruin getrieben“, lautet die einhellige Meinung und Angst. Was die Eigentümer deshalb vor allem umtreibt, ist die Schuldfrage. Der Bauherr sei nicht schuld, habe es in der Versammlung geheißen. Alle Pläne wurden einst genehmigt und das Gebäude abgenommen. „Wir hätten darauf achten müssen, dass alles zeitgemäß bleibt“, erklärt Domurcuk. „Aber wie sollen wir das bitte machen? Dafür hatten wir doch eigentlich einen Verwalter. Wie sollte man den denn als Laie kontrollieren?“

Kritik am ehemaligen Verwalter

Der Verwalter, so sagen andere, ließ das Gebäude in den vergangenen Jahren verkommen. Deshalb war man Anfang des Jahres zur Immobilienverwaltung Beckschulte gewechselt. „Der ist auf unserer Seite. Der versucht, das Beste für uns zu machen“, stellen die Eigentümer dem Neuen daher auch ein gutes Zeugnis aus. Beim alten Verwalter scheiden sich hingegen die Geister. 

Vieles sei besprochen worden – doch die notwendigen Unterlagen, auch von stattgefundenen Brandschutzbegehungen, seien nun verschwunden. „Die versuchen, uns fertigzumachen“, sagt ein Mann. Wer „die“ sind, weiß er selbst nicht. Andere haben „Schuldige“ gefunden: die Stadt und den neuen Besitzer des Gewerbezentrums nebenan. „Die wollen doch das ganze Grundstück haben. Auch wenn die etwas anderes sagen, ich glaube denen einfach nicht“, sagt eine Frau. 

Turmarkaden in Bergkamen vor dem Abriss 

Auch H. J. spricht von einer „warmen Enteignung“. Dreimal habe es nebenan gebrannt. Für ihn waren das „Brandanschläge“, denn schon früher habe man versucht, das Grundstück für einen Apfel und ein Ei zu erwerben. „Und das, was wir jetzt erleben, wird mit der gesamten City passieren“, ist er sich sicher. Da ist bei Rita Luft schon wieder der Kampfgeist erwacht: „Wenn die das haben wollen, dann sollen sie das auch bezahlen. Wir haben so viel investiert, das müssen wir bei einem Verkauf auch wieder rauskriegen.“

Ein Blick in die benachbarten Turmarkaden:

Das Gutachten: Mängelliste auf fünf Seiten

Mit der Einladung zur außerordentlichen Eigentümerversammlung erhielten die Wohnungsbesitzer auch die von der Planungsgruppe K erstellte fünfseitige, aber dennoch unvollständige Mängelliste sowie erste Sanierungsvorschläge. 

Der Kellerflur, der die Hochhäuser mit den Turmarkaden verbindet, verfügt demnach weder über feuerhemmende, selbstschließende Türen noch über geschottete Leitungs- und Kabelverbindungen, was ein Übergreifen von Feuer und Rauch verhindern würden. Auch Brandschutztüren im vorgegebenen Abstand von 20 Metern fehlen völlig. Zahlreiche Öffnungen wurden durch nachträgliche Installationen, zerstörte Schottungen oder unsachgemäßes Vorgehen geschaffen. In den Hochhäusern selbst wurde im Sicherheitstreppenhaus nachträglich Elektro-Installationen und Kabeltrassen angebracht. 

Fehlende Treppenraumkennzeichnungen und Notbeleuchtungen bei Stromausfall werden ebenfalls benannt. In den Versorgungsschächten wurden offene Wanddurchbrüche zu den Geschossen festgestellt, der Fahrstuhlschacht müsste einen Rauchabzug haben und zu lüften sein, außerdem müssten die Fahrstuhltüren auf den einzelnen Etagen dicht zu schließen sein. In den Fluren müssten brennbare Einbauten wie Teppichböden und Holzverkleidungen entfernt und die langen Flure durch Türen unterteilt werden. 

Auch die Zwangsentlüftung der innen liegenden Sanitärräume, Küchen und Abstellräume muss ertüchtigt und eine Verschottung herbeigeführt werden. Zudem stellte der Gutachter bei der Begehung fest, das zahlreiche Installationen nicht sach- und fachgerecht ausgeführt wurden und daher nachgearbeitet werden müsste.

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