Behörde empfiehlt vorsorglichen Verzicht beim Verzehr

PCB-Verdacht im Gemüsebeet: Grüne und SPD fordern Infos, Bergauf will abschalten 

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Der Betrieb von M&R Recycling gilt als eine mögliche PCB-Quelle. Dort wird Elektroschrott verarbeitet.

Bergkamen - Der PCB-Fund ums Industriegebiet treibt nun die Politik um. Grüne und SPD fordern Infos, BergAuf will abschalten.

Grüne, SPD, BergAuf: Das ist zugleich Chronologie und Steigerungskurve der politischen Reaktionen auf die PCB-Belastung im Umfeld der Erich-Ollenhauer-Straße. Die gipfeln vorläufig in der Forderung nach Stilllegung infrage kommender Quellen: Nicht nur den in den Fokus geratenen Entsorger „M&R Recycling“ will BergAuf abschalten, sondern die seit Jahren von BergAuf erfolglos beanstandete Altholzverbrennung im Biomasse-Kraftwerk von Innogy gleich mit.

Grüne: Können Bürgern nicht antworten 

Aber mal der Reihe nach: Die Tagesordnung der Ratssitzung am heutigen Dienstag dürfte wohl um einen Punkt erweitert sein, der nicht auf dem Papier steht: Was ist da los mit der Warnung vor dem Verzehr von Blattgemüsen aus dem eigenen Garten? Hans-Joachim Wehmann, Grünen-Fraktionschef, hat Fachdezernent Dr. Joachim Peters am Donnerstag schriftlich gebeten, Rat und Öffentlichkeit zu informieren. Die besorgten Anfragen von Bürgern an die Politik nähmen zu. Schwer vorstellbar, dass der Rat darauf nicht reagiert. 

BergAuf: M&R und Innogy-Anlagen schließen

Am Samstag legte der SPD-Fraktionsvorsitzende Bernd Schäfer eine Schüppe drauf: Der geforderte Bericht im Rat genüge nicht, das zuständige Landesamt solle in der Sitzung des Umweltausschusses am 21. September umfassend informieren. Tags zuvor war BergAuf-Sprecherin Claudia Schewior in einer – dem WA zunächst nicht übermittelten – Stellungnahme aufs Ganze gegangen: Beide Betriebe schließen, bis klar ist, wo das Gift herkommt.

Grünkohltest: Ergebnisse im Frühjahr

Das soll, wie berichtet, ein „PCB-Fingerabdruck“ an den Tag bringen, wie Birgit Kaiser de Garcia vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (LANUV) noch einmal erläuterte. Das Gift setze sich aus 209 chemischen Komponenten in einer spezifischen Weise zusammen, die als typisch für eine Industrieanlage oder Quelle analysiert werden könne. Anhand der Mixtur ließe sich der PCB-Niederschlag über Vergleichsproben den Betrieben eindeutig zuordnen. Die dafür erforderliche Testreihe beginnt aber erst und liefert vor dem Frühjahr 2021 keine belastbaren Ergebnisse.

Giftquelle bisher nicht eindeutig ausgemacht

„Viel zu spät“, schimpft BergAuf-Spitzenkandidat Werner Engelhardt angesichts der erheblichen (Krebs-)Gefahr, die von den Polychlorierten Biphenylen (PCB) generell ausgeht. „Viel zu früh“, heißt es dagegen bei der Bezirksregierung: Zu früh, über den noch unbestätigten Anfangsverdacht gegen den E-Schrott-Recycler „M&R“ hinaus infrage kommende PCB-Quellen öffentlich zu benennen; erst Recht zu früh, aus der ungewissen Kenntnis heraus eine folgenschwere Schließung zu verfügen – übrigens Schadensersatz bei einem am Ende haltlosen Fehlgriff inklusive. 

Untersuchung im Ergebnis offen  

„Wir sind da in einem ergebnisoffenen Prozess“, betonte der Sprecher der Bezirksregierung Arnsberg als Aufsichtsbehörde, Christoph Söbbeler. „Dass der Entsorger derzeit in Rede steht, ist Ergebnis einer vorläufigen Einschätzung. Es ist nicht auszuschließen, dass es andere Quellen gibt und es ist nicht die Rede davon, dass er die einzige Quelle ist.“ Nur die detaillierte Untersuchung mithilfe nun auszubringender Grünkohlpflanzen könne den nötigen Aufschluss liefern. Die zuvor zwei Mal mit Löwenzahn vorgenommene Kontrolle im Rahmen der üblichen Begleitung von Anlagen, in denen mit derlei Gefahrstoffen hantiert wird, sei nur ein erstes Indiz, betont das LANUV.

Verzehrempfehlung reine Vorsichtsmaßnahme

In dem Wissen um die verständlicherweise aufkommende Besorgnis der Anwohner sei sorgsam abgewogen worden, ob man die Verzehrwarnung herausgebe, hieß es. „Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, weil wir nicht hinterher sagen können ‘das hättet ihr nicht essen dürfen’“, sagte Kaiser de Garcia. Die Ausgangslage sei noch vage und nicht jedes Gemüse betroffen: „Möhren, Kirschen, Tomaten – das darf man alles weiter essen“, so Kaiser de Garcia.

Grundbelastung spielt wichtige Rolle

Der Löwenzahn sei untersucht worden, um den PCB-Verdacht einzugrenzen. Solch ein Versuch benötige fünf bis sechs Wochen, sei aber nicht standardisiert. Es müsse auch berücksichtigt werden, welche Grundbelastung an den Standorten bestehe, weil „das Zeug überall auf der Erde ist“, sagte die Sprecherin. Mit den besonders geeigneten Grünkohlpflanzen müsse Herkunft und Konzentration des Gifts nun so eindeutig bestimmt werden, dass Klarheit über Herkunft, Gefahrenpotenzial und gegebenenfalls zu treffende Schutzmaßnahmen herrscht.

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