Bergkamens neuer Bürgermeister ist vier Monate im Amt

Haus Aden, Turmarkaden, Arbeitslosigkeit und neues Bad: Schäfers erste Zwischenbilanz

Es macht ihm Spaß, man sieht’s. Bernd Schäfer hatte unter Corona einen schwierigen Start ins Bürgermeisteramt, sieht die Projekte aber auf einem guten Weg.
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Es macht ihm Spaß, man sieht’s. Bernd Schäfer hatte unter Corona einen schwierigen Start ins Bürgermeisteramt, sieht die Projekte aber auf einem guten Weg.

Er fühlt sich gut aufgenommen im Rathaus, lernt als Verwaltungsfremder noch Orientierung im Paragrafendschungel, gönnte sich in den ersten vier Monaten kaum einen freien Tag – und hat nicht bereut, Bergkamens Bürgermeisters zu sein. Das ist die „bunte“ Bilanz, die Bernd Schäfer nach seinem Amtsantritt am 1. November gezogen hat – begleitet vom Refrain der lange eingeleiteten Projekte als Tätigkeitsnachweis samt dem unerlässlichen Dank ans eigene Haus.

Bergkamen – Doch der Nachfolger von Langzeit-Bürgermeister Roland Schäfer ließ auf die Frage nach seiner Handschrift und Rolle auch etwas (Selbst-)kritik anklingen: im Kontext zum gerade beschlossenen Abriss des Förderturms Aden II, eine heikle Zäsur im Umgang mit dem identitätsstiftenden Erbe des Bergbaus.

„Das hat mich als Oberadener angefasst, auch wenn ich selbst nicht im Bergbau gearbeitet habe“, sprach Schäfer eingangs über seine Gefühlslage. Er verstehe die Betroffenheit im Ortsteil wie der alten Kumpel. Aber rational hat eben den Ausschlag gegeben, was der vormalige Banker als Verwaltungschef mit seinem Vorstand vertreten und Zustimmung einer Ratsmehrheit gefunden hat: Drei Millionen Euro für die Versetzung des am Standort nicht zu konservierenden Schachtgerüsts bei unausgegorener Nutzungsperspektive seien nun mal zu viel Geld.

Haus Aden: Mehr Moderation wäre gut gewesen

Frage: Hätte der neue Bürgermeister hier nicht stärker die Rolle des Moderators suchen müssen, klarer vermitteln, dass sich hier die Weiterentwicklung Bergkamens als ehemaliger Bergbaustadt mit neuen Akzenten für ein bewusst verändertes Image auch durch dieses Prestigeprojekt vollzieht?

„Nun, man hätte vielleicht von Anfang an mehr auf die Moderation achten müssen“, antwortete Schäfer. Auch angesichts des Unmuts, der wegen des unpopulären Beschlusses gerade „seiner“ SPD entgegenschlägt. „Wir haben unsere Historie nicht vergessen“, bekräftigte er sogleich, „es gibt in der Stadt genug Beispiele dafür.“ Ohne Bergbau sei nicht denkbar, was Bergkamen als Nächstes auszeichnen soll: Die Marina, die Wasserstadt und die Verknüpfung dieser Zugnummern durch die Internationale Gartenausstellung 2027.

Wohnen ein zentrales Thema

Und dann ist da ja noch der Umbau der „City“, die nach dem „mittendrin“-Konzept vom anhaftenden Makel prekärer Verhältnisse und Verödung gescheiterter Konsumtempel befreit werden und zur Attraktivität Bergkamens als Wohnort beitragen soll.

Überhaupt: das Wohnen. Das ist eines der Themen, die Bernd Schäfer auf die Frage nach seinem Schwerpunkt auf der langfristig vorausbestimmten Agenda der Stadt(-verwaltung) nennt. Für dieses „Grundbedürfnis“ in einer „immer älter werdenden Gesellschaft“ will der neue Chef im Rathaus mehr tun. Zumal es „ein fataler Fehler war, dass sich die öffentliche Hand aus dem sozialen Wohnungsmarkt verabschiedet und da ihr Tafelsilber verkauft hat.“

Kleiner Geschäftsbesatz ein Vorteil

Da ist der vormalige Chef der mit der Wahl eingebüßten SPD-Mehrheit im Rat froh, dass Politik und Verwaltung auf die Anpassung der Investorenpläne für das wüste Turmarkadenareal an die neuen Leitlinien der Stadtentwicklung bestanden haben. Weniger Einkaufszentrum, mehr Wohnraum ist dabei herausgekommen.

Da sei es mal von Vorteil, dass Bergkamens Zentrum nicht mit einem historisch gewachsenen Einzelhandelsangebot aufwarten kann – zumal dieses Erbe anderenorts durch grassierenden Leerstand verzehrt wird. Bergkamen kann sich darauf konzentrieren, den vergleichsweise kleinen Geschäftsbesatz zu stützen, ansonsten aber in der Fläche andere Akzente der zeitgemäßen Entwicklung setzen.

Wasserstadt nicht nur für die oberen Zehntausend

Das Kamener Kreuz ist für Schäfer – eingedenk aller Bestrebungen zu klimafreundlicherer Mobilität – ein dicker Pluspunkt. Erreichbarkeit im Schatten der Oberzentren, medizinische Versorgung, Schulen und Kultur, die sich sehen lassen können, Naherholung – „das ist ein Pfund, mit dem Bergkamen wuchern kann“, umriss Schäfer die Perspektiven. Dafür stehe vor allem die Wasserstadt, „und zwar als Wohnadresse für Normalverdiener. Wenn es heißt, das ist ja nur für die oberen Zehntausend, dann ist das Quatsch. Die Preise sind ausdrücklich so gestaltet, dass da normale Leute einziehen können.“

Damit die in ausreichender Zahl ihr Auskommen haben, gehört der Ruf nach neuen Standorten für die Ansiedlung von Betrieben mit möglichst qualifizierten Arbeitsplätzen zu Schäfers Repertoire. Die Flächen verschlingende, aber selten viele Jobs bringende Logistik sieht er mit gemischten Gefühlen. Die Pandemie bringe an den Tag, dass krisenfeste Jobs wichtig seien. Dass die Arbeitslosenquote mit 9,8 Prozent „viel zu hoch ist“, schreibt der Verwaltungschef auch Corona zu. 2541 Bergkamener waren im Februar ohne Arbeit, ein Jahr zuvor lag die Zahl bei 2105. Was die Seuche Bergkamen sonst noch kosten wird, ließe sich noch nicht beziffern, kündigte Schäfer einen späteren Kassensturz an.

Beim Bad fordert der Bürgermeister Taten

Bei einem anderen Bauprojekt drängt der Rathauschef auf Taten, die er selbst nicht einleiten kann: „Ich erwarte, dass der Aufsichtsrat der GSW bis zur Sommerpause einen Beschluss für den Bau des neuen Bades fasst.“ Mit dem – von seinem Vorgänger noch flugs forcierten – Grundsatzbeschluss samt Zusage der Investitionshilfe bis zu 27 Millionen Euro habe die Stadt ihren Teil beigesteuert. Auch liege das Testat des Fiskus für die Umsatzsteuerbefreiung als Kostendämpfer vor.

„Da ist es an der Zeit, sich mit den Stadtwerke-Partnern Bönen und Kamen sowie der Geschäftsführung ins Benehmen zu setzen und den Auftrag zu erteilen“, so Schäfer. Dass parallel Kamen mit seinem Badbau durch die GSW auf der Stelle tritt, dürfe das Bergkamener Projekt nicht länger blockieren. Letzteres sagte der Neuling im Amt freilich diplomatischer – politisch ist er ja ein alter Hase.

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