Häusliche Gewalt

Wenn der eigene Partner zuschlägt

Mann erhebt die Hand gegen eine Frau
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Oft ertragen Frauen jahrelang die Misshandlungen ihres Partners, bis sie den Mut finden, vor der häuslichen Gewalt zu fliehen.

Unna - Schläge, Tritte, Erniedrigung: 20 Jahre lebte Hannah K. (Name von der Redaktion geändert) aus Unna mit täglicher Gewalt, schlief in einem Bett mit dem Mann, der sie verprügelte. Dann verließ sie ihren Peiniger – und beendete einen jahrelangen Strudel der Gewalt.

Zwei Kinder, ein Ehemann, ein Haus, ein Hund, finanziell sorgenfrei: Von außen betrachtet schien Hannah K. glücklich. Doch die augenscheinliche Idylle war eine Illusion. 20 Jahre lebte die heute 45-Jährige mit ihrem Ex-Mann zusammen. Fast täglich erlebte sie körperliche und psychische Gewalt. Auch die gemeinsamen Kinder litten unter den Wutausbrüchen des Vaters.

Dabei waren Hannah K. und ihr Ex-Mann als glückliches Paar nach Unna gezogen. „Ich war gerade 19 Jahre alt und hatte eine Ausbildung begonnen“, erinnert sich die Unnaerin. Schon früh in der Beziehung zeigte ihr Ex-Mann eine dunkle, hässliche Seite. „Ich durfte kaum Kontakt zu meinen Eltern haben. Für ihn waren sie ‚Psychopathen‘“, erklärt Hannah K. Auf psychische Kontrolle folgte Gewalt. „Als ich eine Schublade aufgeräumt hatte, schlug er mir mit einer Holzblume auf den Kopf.“ Sie sei geschockt gewesen. „Damals dachte ich, ‚das war ein Ausrutscher‘.“ Bis zur Geburt ihres ersten Kindes. Dann häuften sich die ‚Ausrutscher‘.

„Ich hatte das Gefühl, dass mein Ex-Mann andere Frauen trifft und ihn damit konfrontiert“, erklärt Hannah K. Ihr Ex-Partner reagierte aggressiv, schlug ihr auf die Oberarme. Das sei das erste Mal gewesen, dass ihr Ex-Mann sie richtig verletzt habe.

Tritte in der Schwangerschaft

Die Gewalt zog sich durch ihre Ehe. „Besonders die letzten sechs Jahre waren schlimm“, so Hannah K. Kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes, sei die Gewalt immer stärker geworden. „Trotz meiner Schwangerschaft trat mich mein Ex-Mann“, so die 45-Jährige. Nachts schlug er sie brutal, prügelte sie aus dem gemeinsamen Ehebett. „Da habe ich nur noch Sterne gesehen“, so die Unnaerin. Auch die Kinder litten unter der Brutalität ihres Vaters. „Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, haben auch unsere Kinder Schläge abbekommen“, erzählt Hannah K.

Gerade im Corona-Jahr, so schätzen Experten, sind Frauen ihren Peinigern noch mehr hilflos ausgeliefert als ohnehin schon.

Nicht nur körperlich, auch psychisch terrorisierte ihr ehemaliger Partner die Hausfrau. „Nie war ich gut genug, egal, was ich gemacht habe“, so Hannah K. Vollkommene Kontrolle: Ihre sozialen Kontakte hatte ihr Ex-Mann langsam immer weiter unterbunden. Zum Ende der Ehe musste sie mit ihrem Portemonnaie unter dem Kopfkissen schlafen. Die Unnaerin fürchtete sich, ihr Mann könne ihren Personalausweis stehlen. Eine Nacht schlief Hannah K. in ihrem Auto auf einem Parkplatz, weil sie es zuhause nicht mehr aushielt.

Mehrfach überlegte sie, ihren Mann zu verlassen. „Aber ich hatte keinen Job, kein Geld und ich wollte die Familie zusammenhalten.“ Fehler suchte sie vor allem bei sich selbst. „Was stimmt nicht mit mir? Was habe ich Falsches gesagt?“, habe sie damals gedacht.

Kurz vor Weihnachten 2012, fasste Hannah K. dann den Entschluss, ihren Ehemann zu verlassen. Kurz vorher war eine Situation eskaliert. „Das war, nachdem ich so blau geschlagen war und so viele Beulen hatte, dass ich vor Schmerzen nicht auf dem Kopfkissen liegen konnte“, so die Unnaerin. Sie habe sich gefragt: „Warum tust du dir das noch an?“

Den Mut finden, den Peiniger zu verlassen

Eine Bekannte unterstützte sie dabei, ihren Ex-Mann zu verlassen. „Es war wichtig, dass ich nicht ganz allein war. Ohne diese Bekannte wäre ich vermutlich heute noch mit meinem Ex-Mann zusammen“, so Hannah K. Bevor sie das Gespräch mit ihrem Ex-Mann suchte, wählte sie den Notruf. Ein vergeblicher Hilferuf, ihr Ex-Mann hatte den Telefonstecker gezogen. „Mein Hals war ganz trocken, ich zitterte, war aber entschlossen, als ich erklärte, dass ich ihn verlassen werde“, sagt die 45-Jährige. Ihr Ex-Mann versuchte, sie mit Versprechungen zum Bleiben zu überreden. Ohne Erfolg.

Anschließend zog sie mit ihren Kindern in eine kleine Wohnung, fand einen Job. Doch der Horror hörte nicht auf. „Mit der Trennung ist es nicht getan. Das war eine sehr schlimme Zeit“, sagt die Unnaerin. Ihr ehemaliger Partner schrieb ihr SMS, um sie unter Druck zu setzen. Drei Mal wechselte Hannah K. ihre Nummer. Ohne Erfolg: Statt SMS erreichten sie Briefe. Dass Hannah K. ihrem Ex-Mann als starke Frau Paroli bot, habe ihren ehemaligen Peiniger überrascht, so die 45-Jährige. „Als ich die ersten anwaltlichen Schritte einleitete, hat er richtig getobt“, erinnert sie sich.

Hilfe bei häuslicher Gewalt

Definition: Häusliche Gewalt bezeichnet alle Handlungen körperlicher, sexueller, psychischer oder wirtschaftlicher Gewalt, die innerhalb der Familie oder des Haushalts oder zwischen früheren oder derzeitigen Eheleuten oder Partnern vorkommen, unabhängig davon, ob der Täter denselben Wohnsitz wie das Opfer hat oder hatte. Gewalt gegen Frauen wird als eine Menschenrechtsverletzung und eine Form der Diskriminierung der Frau verstanden.

Hilfe für Betroffene: Die Frauen- und Mädchenberatungsstelle des Frauenforums im Kreis Unna berät Opfer häuslicher und sexualisierter Gewalt. Die Mitarbeiterinnen bieten Entlastungsgespräche, Beratungen zur Verarbeitung von Gewalterlebnissen oder begleiten Opfer zu Ämtern, Polizei und Gerichten. Die Beratungsstelle richtet sich an Frauen und Mädchen ab 14 Jahren. Sozialer Status, kulturelle Herkunft oder sexuelle Orientierung spielen keine Rolle. Die Beratung ist kostenlos, Mitarbeiterinnen wahren die Schweigepflicht. Die Beratungsstelle ist montags und mittwochs von 11 bis 12 Uhr und dienstags und donnerstags von 15 bis 16 Uhr telefonisch unter 02303/82202 erreichbar.

Auch die gemeinsamen Kinder instrumentalisiert ihr Ex-Mann. „Ich sei gierig und zu faul zum Arbeiten. Meine Kinder sollten sich nicht alles von mir gefallen lassen“, erinnert sich Hannah K. an Textnachrichten, die ihr Ex-Mann an die Kinder sendete. Die Manipulation habe dazu geführt, dass das ältere Kind Jahre nach der Trennung zurück zum Vater zog. „Das war das Schlimmste, was je in meinem Leben passiert ist. Dass mein Kind zurück in die Höhle des Löwens geht“, so Hannah K.

Eine von vielen Situation, in der Hannah K. auf Hilfe der Frauenberatungsstelle Unna vertraute. „Hier konnte ich über meine Sorgen sprechen.“ Die Mitarbeiterinnen gaben ihr Tipps, begleiteten sie zu Gerichtsterminen. „Das war sehr wichtig für mich.“

Heute fühle sich Hannah K. frei. Zum ersten Mal seit langer Zeit. „Ich kann meine Meinung ohne Angst vertreten. Ich habe liebe Menschen um mich und eine wunderbare neue Beziehung, die sich ganz leicht anfühlt.“ Sie sei zufrieden und habe noch viele Ziele und Perspektiven im Leben. „Alle Erlebnisse haben mich stark gemacht. Meine Welt ist jetzt herzlich, hell und offen.“

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