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Gasumlage gibt’s im Zweifel zurück – Unternehmen wegen Energiekrise vor großen Problemen

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Von: Jürgen Menke

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Gas und Strom werden immer teurer, die Menschen haben Angst vor dem Winter.
Erdgas und Strom werden immer teurer, die Menschen haben Angst vor dem Winter. © dpa, Heike Lyding

Im Zweifel Geld zurück – so heißt es bei den Gemeinschaftsstadtwerken (GSW) Kamen, Bönen, Bergkamen zur umstrittenen Gasumlage. Derweil leiden nicht nur Privat-Haushalte unter der Energiekrise.

Kreis Unna/Bergkamen – Sollte die umstrittene Gasumlage wegfallen, wollen die GSW ihren Kunden zu viel gezahltes Geld im Zuge der Jahresabrechnung Anfang 2023 zurückerstatten. Dies kündigte der Geschäftsführer der Gemeinschaftsstadtwerke Kamen, Bönen, Bergkamen, Jochen Baudrexl, am Dienstag beim Energie-Gespräch der CDU Bergkamen an. Großes Thema waren dabei auch die zunehmenden Probleme von Unternehmen, angesichts der gestiegenen Preise überhaupt Energieversorger für Gas und Strom zu finden.

Schon eingepreist

Die Gasumlage in Höhe von 2,419 Cent pro Kilowattstunde ist bereits in den neuen, ab Oktober geltenden GSW-Preisen berücksichtigt und führen zu höheren Abschlägen. Falls die Abgabe gestrichen wird, fließt das Geld an die Kunden zurück. Allerdings, führte Baudrexl, aus, müsse das Preisblatt für Neukunden geändert werden. Das schließe eigentlich auch ein Informationsschreiben an alle 22.000 Haushalte ein, die von den GSW mit Gas versorgt werden.

Zum Energie-Gespräch der CDU Bergkamen kamen etwa 40 Zuhörer: (v.l) Fraktionsvorsitzender Thomas Heinzel, Referent und GSW-Geschäftsführer Jochen Baudrexl sowie Stadtverbandsvorsitzender Marco Morten Pufke.
Zum Energie-Gespräch der CDU Bergkamen kamen etwa 40 Zuhörer: (v.l) Fraktionsvorsitzender Thomas Heinzel, Referent und GSW-Geschäftsführer Jochen Baudrexl sowie Stadtverbandsvorsitzender Marco Morten Pufke. © Menke

Baudrexl bedauerte, dass Änderungen bei Umlagen stets mit aufwändigen und teuren Kundeninfos einhergehen müssten. Die Politik könne dieses Ärgernis durch neue Vorgaben beseitigen, tue es aber bis dato nicht. Stattdessen müssten die Energieversorger, darunter rund 900 Stadtwerke im ganzen Land, teils mit quartalsweise wechselnden Umlagehöhen rechnen, was den bürokratischen Aufwand noch einmal erhöhe. „Nachhaltigkeit sieht anders aus.“

„Gasmangellage möglich“

Das Energie-Gespräch fand am Abend im neuen Veranstaltungsraum des Stadtmuseums statt. Referent Baudrexl ging angesichts der vom Überfall Russlands auf die Ukraine ausgelösten Energiekrise vor allem auf die Angst vieler Bürger ein, im Winter frieren zu müssen.

Ja, eine Gasmangellage in Deutschland sei möglich, meinte Baudrexl. „Ich will aber nicht darüber spekulieren, wie wahrscheinlich sie ist“, fügte der GSW-Geschäftsführer hinzu. Es gebe zu viele Unbekannte, um belastbare Prognosen zu erstellen. Nicht auszuschließen sei, dass „temporär in unterschiedlichen Regionen“ kein Gas zur Verfügung stehe.

Ziel muss es sein, 2030/35 zumindest die Privatkunden zu 100 Prozent mit eigenerzeugtem Strom aus regenerativen Quellen zu versorgen.

Jochen Baudrexl, GSW-Geschäftsführer

Womöglich werde der Winter 2023/24 aber noch schlimmer, so Baudrexl, weil die Gasspeicher dann gar nicht mehr mit russischen Gas gefüllt werden könnten. Bis vor Kurzem sei zumindest reduziert Energie aus dem Osten durch die Pipelines geflossen. Sollten die Speicher voll werden, reiche die Menge für schätzungsweise zwei kalte Monate aus.

Anhand von Schaubildern erläuterte Baudrexl, wie stark die Preise für Gas und in der Folge auch für Strom in die Höhe geschossen sind – und wo die Risiken für die Stadtwerke liegen. Die Branche gehe etwa davon aus, dass rund 15 Prozent der Bürger („Nicht nur Hartz-IV-Empfänger“) die höheren Kosten für Energie nicht stemmen könnten. Hier müsse die Politik schnell Lösungen finden – auch, damit die Energieversorger nicht gezwungen würden, Anschlüsse zu sperren, was niemand wolle.

Deutlich höhere Abschläge

Trotz der vielen Unbekannten: Baudrexl legte auch Schätzungen vor, wonach sich die Abschläge für GSW-Privatkunden in 2023 gegenüber 2021 fast verdoppeln werden – bei Ein- und Zwei-Personen-Haushalten von 176 auf 320 Euro im Monat für Gas, Strom und Wasser, bei Drei- und Vier-Personen-Haushalten von 269 auf 502 Euro. Auch die Fernwärme- und Wasser-Kunden der GSW müssten mit höhere Abschlägen rechnen, da die Preise hier an Indexwerten gekoppelt seien, die ebenfalls in die Höhe schnellten.

Vor enormen Problemen stünden angesichts der Energiekrise auch die Unternehmen, verdeutlichte Baudrexl. Nicht nur, weil sie laut den aktuellen Vorgaben beim Gas nachrangig bedient würden. Sondern weil sie teils Schwierigkeiten hätten, neue Versorger zu finden, wenn Verträge ausliefen.

Auf der Suche nach Versorger

Die Wirtschaftsförderung habe ihm davon berichtet, sagte Baudrexl. Auch die GSW seien dazu übergegangen, zumindest außerhalb ihres Versorgungsgebietes keinen neuen Industriekunden zu werben. Zu hoch sei das Ausfallrisiko. Im Gegensatz zu Privat-Haushalten hätten energieintensive Unternehmen keinen Anspruch auf eine Grundversorgung. Für derlei Kunden werde Energie auch nicht langfristig beschafft, sondern kurzfristig, je nach Bedarf. Bei den aktuellen Preisen könne es rein rechnerisch Steigerungen von über 300 Prozent binnen zwei Jahren geben.

Der langfristig angelegte Einkauf ist laut Baudrexl der Grund, warum GSW-Privatkunden trotz steigender Kosten immer noch vergleichsweise geringe Preise für ihre Energie zahlten. Bei der Beschaffung für 2024 sei man angesichts der derzeitigen Lage aber noch zurückhaltend. Es könne sein, dass sich die Preise von Grundversorgern und Markt-Akteuren, die sich kurzfristig eindeckten, mit der Zeit wieder anpassten.

„Sind solide finanziert“

Im Zuge der Energiekrise mussten bereits einige Stadtwerke in Deutschland die Segel streichen. Auf die GSW sieht Baudrexl dieses Schicksal nicht zukommen. Im Gegenteil: „Wir sind solide finanziert“, meinte der Geschäftsführer und verwies darauf, dass von den einst 100 Millionen an Verbindlichkeiten nach dem Unternehmensstart im Jahr 1995 bereits 60 Millionen abgebaut worden seien und die Eigenkapitalquote auf 39 Prozent angewachsen sei. Die GSW seien „eine Erfolgsstory“. Die Anteilseigner agierten überdies verantwortungsvoll: „Die pressen uns nicht aus.“

Von der Politik wünscht sich Baudrexl unter anderem Ausfallbürgschaften, Rettungsschirme auch für Stadtwerke, den Abbau bürokratischer Hürden und eine Änderung des aktuellen Strommarkt-Designs, bei dem der am teuersten produzierte Strom den Preis bestimmt (Merit-Order). Unverständlich ist für ihn, warum es nicht auch beim Strom eine temporäre Senkung der Mehrwertsteuer auf 7 Prozent gibt.

Die Zukunft

„Ziel muss es sein, 2030/35 zumindest die Privatkunden zu 100 Prozent mit eigenerzeugtem Strom aus regenerativen Quellen zu versorgen“, sagte Baudrexl. Die Produktion müsse nicht zwangläufig vor Ort stattfinden, schon jetzt seien die GSW über den Trianel-Verbund an Offshore-Windparks und anderen Anlagen beteiligt. Wenn der Ausbau der „Erneuerbaren“ in Deutschland gut voranschreite (in Bergkamen sei das Potenzial für Fotovoltaik am größten), würden auch wieder die Preise sinken. Beim Gas sei damit nicht zu rechnen. „Hier wird LNG-, also Flüssiggas, das preistreibende Gas“, lautete die Prognose. Bei der Fernwärme sei über die Nutzung von Geothermie, Solarthermie und die Nutzung von Grubengas nachzudenken.

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