Anlieger entsetzt über Pläne der Stadt

Streit um Bäume in der Bergkamener Siedlung Schönhausen nimmt Fahrt auf

Die Hansemannstraße unter dem dichten und prägenden Platanendach der Siedlung Schönhausen. Wie viel Grün bleibt?
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Die Hansemannstraße unter dem dichten und prägenden Platanendach der Siedlung Schönhausen. Wie viel Grün bleibt?

„Umbau des Gehölzbestandes in der Wohnsiedlung Schönhausen“ - harmlos klang der Punkt auf der Tagesordnung des Umweltausschusses. Faktisch war das ein Stich ins Wespennest.

Bergkamen – Die meisten Bewohner der Siedlung Schönhausen werden ihren üppigen, weil über 100 Jahre alten Bestand an Platanen vor den ehemaligen Zechenhäusern nicht ohne Widerstand hergeben. Das war zu ahnen, ist nun aber gewiss, seit die Verwaltung am Donnerstagabend mit ihrer „Konzeption für den Umbau des Gehölzbestandes“ für 1,5 Millionen Euro in zunächst nur zwei „Modellstraßen“ der Kolonie im Umweltausschuss vorstellig wurde. „Wir fühlen uns überrumpelt“, klagte Reiner Zolper im Namen der Siedlergemeinschaft Schönhausen. Und: „Sie schaffen uns da eine reine Wüste.“

Befürworter meiden den öffentlichen Auftritt

Befürworter der Pläne, die ausladenden und weit wurzelnden Bäume wegen der von ihnen ausgehenden Schäden an dem historischen Ziegelgemäuer wie auch den Versorgungsleitungen an etlichen Stellen zu fällen, meldeten sich in der vom Ausschuss ermöglichten Aussprache mit den knapp 20 Zuschauern auf den Rängen der Römerberg-Turnhalle nicht zu Wort. „Ich bin froh, wenn der Baum vor unserem Haus endlich wegkommt“, war einer der Sätze, die nur im Eingang vor den dort ausgehängten Plänen in Einzelgesprächen fielen.

Die Versicherung der Stadt macht Druck

Dass die Bäume den Häusern, Pflasterflächen und Leitungen bis hin zur potenziellen Lebensgefahr durch beschädigte Gasanschlüsse zusetzen, bestreitet im Grunde niemand. Wohl aber wird um Ursache und Folgewirkung im Bergsenkungsgebiet, Gefahrenlage, aktuelle Klima-aspekte und die richtigen Schlüsse daraus noch hart gerungen werden. Zumal sich die Stadtverwaltung mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, in dem mindestens 20 Jahre währenden Drängen der Schönhausener nach einer Lösung für Risse im Haus und verstopfte Kanalanschlüsse einfach nichts unternommen zu haben – bis ihr der Gemeindeversicherungsverband (GVV) wegen der vielen Schadensregulierungen nun auf die Füße gestiegen sei. Letzteres bestätigte die Verwaltung durchaus.

Beschluss ausgesetzt: Erst reden die Bürger

Dies und mehr wird Thema einer Bürgerversammlung sein, die von der Verwaltung abzuhalten ist, ehe die Beratung in den politischen Gremien der Stadt weiter geht. So hat es der Ausschuss einstimmig auf Initiative der CDU-Fraktion entschieden. Die vorgesehene Beschlussfassung wurde ausgesetzt, damit kommt das Problem erst zum Ende des Sommers wieder auf den Tisch.

Verwaltung veröffentlicht Unterlagen online

„Wir haben von jeher vorgehabt, damit in eine Bürgerversammlung zu gehen“, beteuerte Thomas Reichling, Amtsleiter Planung und Tiefbau. Die Unterlagen würden in Kürze auch allesamt ins Netz gestellt. Deshalb schlug er vor, eingedenk der Pandemielage online eine Bürgeranhörung zu organisieren und dort eingehende Beiträge auszuwerten. Das behagte dem Ausschuss unter Vorsitz von Thomas Grziwotz (Grüne) aber nicht. Dennis Riller (SPD) mahnte zwar, in direkter Konfrontation drohe eine Polarisierung, auch in der Siedlung. Aber es blieb dabei: Versammlung.

83 Bäume sollen fallen: Kein Kahlschlag?

„Was wir hier tun, gehört zu unseren Aufgaben. Vergnügungssteuerpflichtig ist das nicht“, betonte Reichling die von der Stadt ausgemachte Notwendigkeit. Als alternativlos erläuterten auch sein Mitarbeiter Frank Golz und der beauftragte Landschaftsarchitekt Dieter Hartleif den Eingriff, für den sie das schon grassierende Schlagwort „Kahlschlag“ nicht gelten lassen wollen.

Schmale Bäume und Sträucher geplant

Angesichts der eigens erstellten Animation eines Fluges durch die neue Hansemann- und Russelstraße mit reichlich Licht und der nackten Zahlen gab es dafür auf den Rängen aber Gelächter. Von 51 Platanen der Allee Hansemannstraße sollen 42 abgeholzt werden. 14 Säulen-Feldahorne sollen dafür gepflanzt werden, dazu 22 blühende Großsträucher. Von 48 Bäumen der Russelstraße sollen sieben übrig blieben, dafür elf Hainbuchen und 19 Großsträucher gesetzt werden. In den Beeten sollen Heckenrosen für blühenden Schmuck sorgen.

Zwei Straßen als Versuchsobjekt

„Abgestufte Bepflanzung mit Leitbäumen“ heißt das auf Planer-Deutsch. An den Enden soll der Altbestand „Baumtore“ bilden. „Eine Farce“ nannte Zolper die Präsentation. „Ein paar Kakteen“ stünden da statt der üppigen Bäume. Die beiden für die Erprobung ausgesuchten Straßen seien „ja nur die Piloten für die viel größere Siedlung. Was passiert mit uns, wenn das in die Hose geht?“

Siedlergemeinschaft Schönhausen hört Mitglieder an

„Wenn das durchgeht, wird unsere Siedlung Schönhausen nicht mehr die alte sein.“ Davon ist Christel Göhling so fest überzeugt wie willens, das zu verhindern. Die Vorsitzende der Siedlergemeinschaft Schönhausen hat schon manchen Strauß ausgefochten. 1977 zog sie in die Kolonie der ehemaligen Zeche Grimberg 3/4. Wie der Pütt sollte auch die Siedlung dem Erdboden gleich gemacht werden. Aber die beharrlichen Bewohner wendeten das Blatt. Anfang der 1980er Jahre begann die Privatisierung – und bald darauf das Ringen darum, was die Eigentümer bei Reparaturen auf ihre Kappe nehmen mussten, und wofür der Bergbau oder die Stadt noch aufkamen. Jetzt will Göhling die etwa 120 Mitglieder zügig versammeln und abfragen, wie sie zu dem massiven Eingriff stehen. „Einige sehen nur, dass der Baum vor ihrem Haus Schäden macht. Das verstehe ich. Aber man muss doch aufs Ganze sehen.“ Dafür will der Vorstand die Augen öffnen. Außerdem habe es die Stadt bei der Präsentation mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Etwa mit der Aussage, dass der Bergbau für Schäden nicht mehr aufkomme. „Da ist einiges klar zu stellen.“

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