Ausnahme-Ergebnis im Kreis Unna

Gespaltenes Bergkamen: Wahlerfolg für Grüne und 27 Prozent für AfD

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Die Grünen waren in Feierlaune auf der Wahlparty im Rathaus.

Bergkamen – Herbe Einbrüche bei der SPD, ein Höhenflug für die Grünen, die CDU rutscht in Oberaden und Weddinghofen auf Rang drei. Aber um 18.12 Uhr am Wahlabend war es das Ergebnis des ersten ausgezählten Wahllokals, das allen Anwesenden bei der Wahlparty im Rathaus den Atem stocken ließ.

Die AfD gewann das Wahllokal „Rathaus“ mit 27,14 Prozent der Stimmen und erzielte damit das beste Ergebnis im Kreis Unna. Allerdings war die Wahlbeteiligung im Rathaus mit 76 von 368 möglichen Wählern – ohne Briefwähler – sehr niedrig. Im gesamten Kreis Unna kommt die AfD gerade einmal auf 9,82 Prozent. 

Doch in Bergkamen holten die Rechtspopulisten 11,87 Prozent der Stimmen. „In Weddinghofen liegen die mit uns auf einer Höhe“, stellte Heils Ortsvorsteherin Rosemarie Degenhardt (CDU) erschüttert fest. „Das ist ein Fingerzeig“, sagte CDU-Geschäftsführerin Annette Adams. „Wir müssen in jedem Fall etwas tun.“ Dabei hatte die AfD in Bergkamen kaum Wahlkampf betrieben. 

AfD warb kaum vor Ort

Weder Plakate noch Informationsstände sprangen vor der Europawahl ins Auge, die AfD hat auch keine eigene Ortgruppe in Bergkamen. „Das Ergebnis ist eine Aufforderung unser eigenes Verhalten und unsere Politik zu überdenken“, sagte Bürgermeister Roland Schäfer. Er stellt jedoch klar, dass die europafreundlichen Parteien eine absolute Mehrheit erreicht und damit den europakritischen Stimmen eine klare Absage erteilt haben. 

Auch AfD-Kreissprecher Michael Schild aus Unna ist nicht zufrieden mit dem Ergebnis seiner Partei. Gerade die Erstwähler und jungen Menschen hätte man nicht angesprochen. Diese hätten einen „Fetisch des Klimawandels“ und deswegen Grün gewählt. Das hohe Ergebnis im Wahllokal „Rathaus“ erklärt sich Schild durch die Sozialstruktur. 

Einige Bürger fühlen sich abgehängt

„Es ist offensichtlich das persönliche Erleben von unseren Bürger, die sich nur noch von uns vertreten fühlen“, sagte der Politiker. Gegen diese Erklärung bezieht Bürgermeister Roland Schäfer klar Position: „Die AfD bietet keine Hilfe an. Ihr Wahlprogramm zeigt eine große Rücksichtslosigkeit gegenüber Schwächeren.“

Das Ergebnis zeige, dass gerade Bürger, die sich abgehängt fühlen und mit der hohen Arbeitslosigkeit Bergkamens zu kämpfen haben, anfällig für populistische Parolen seien. 

Bürgermeister Roland Schäfer moderierte die Wahlparty als Wahlleiter.

„Sie fühlen sich nicht ernst genommen von uns“, sagte Schäfer. „Wir müssen verständlicher werden, auch durch eine zugänglichere Sprache.“ Als alle Bergkamener Stimmen ausgezählt waren, hatte die SPD schon längst die Wahlparty verlassen. „Die SPD hat überall Einbrüche, aber uns hat es extrem getroffen, weil wir hier eine ganz andere Fallhöhe haben“, erklärte Fraktionsvorsitzender Bernd Schäfer. 

Die Ergebnisse der Wahl

Von über 50 Prozent im Jahr 2014 auf jetzt knapp unter 30 Prozent: „Das ist enttäuschend, auch wenn wir mit Kamen im Kreis noch immer die stärksten Ergebnisse eingefahren haben“, so Bernd Schäfer. Er macht vor allem das klare Votum der Wähler für die Grünen für die Stimmenverluste verantwortlich. Gründe dafür sieht Schäfer in der aktuellen Klimaschutzdebatte und in einer ersten Einschätzung, dass wohl viele jüngere Leute zur Wahl gegangen sind. „Dass aber die AfD so hochkommt, ist für jeden Demokraten schwer zu verdauen“, so Bernd Schäfer.

Grüne freuen sich über ihr Ergebnis

Strahlende Gesichter gab es bei den Grünen: „Wir haben nie mehr als fünf Prozent bei Europawahlen erreicht, jetzt liegen wir in einigen Stadtteilen vor der CDU“, freute sich Fraktionschef Jochen Wehmann. „Die SPD liegt in keinem Stadtteil über 30 Prozent“, stellte Harald Sparringa fest. „Das ist ein richtiger Wandel“, so Wehmann. „Wenn das eine Kommunalwahl wäre, dann käme die SPD nicht mehr an uns vorbei.“

Ob die ein Fingerzeig für die Kommunalwahl im kommenden Jahr sein wird, wird von den Parteien unterschiedlich bewertet. „Eine Kommunalwahl ist mehr eine Personenwahl“, sagt Bernd Schäfer mit Blick auf die Direktmandate. „Aber die Zeiten, in denen wir 50 Prozent plus X geholt haben, sind wohl vorbei.“ 

Für den CDU-Stadtverbandsvorsitzenden Marco Morten Pufke ist die Europawahl „auf jeden Fall ein Stimmungsbild“ für die Kommunalwahl. Durch die Klimaschutzdebatte sei im Moment eine Grundstimmung zugunsten der Grünen da. Bis zur Kommunalwahl sei es aber noch weit.

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