Kunstwerke auf der Haut

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Künstlerin Gesine Marwedel (links) zeigt die Kunst des Bodypaintings an Modell Diana Schneider. ▪

BERGKAMEN ▪ Der Pinsel gleitet sanft über die Haut. Von der Stirn über die Wange bis hin zum Dekolleté. Diana Schneider hält still – und lächelt. Nicht, weil die Haare kitzeln. „Das ist ein ganz angenehmes Gefühl“, versichert sie. Würde die 27-jährige Violinistin nicht gerade stehen – sie könnte auf der Stelle einschlafen.

Tatsächlich passiert es immer wieder, dass die Modelle ihre Augen schließen, wenn Gesine Marwedel zu Werke schreitet. „Wachen sie auf, erkennen sie sich im Spiegel kaum wieder“, schmunzelt die 25-jährige Künstlerin aus Dortmund. Die Besucherinnen des Frauensalons weihte sie jetzt in die Geheimnisse des Bodypaintings ein.

Obwohl die Körperkunst häufig zu Werbezwecken eingesetzt wird, handelt es sich um keine neue Erscheinung. Schon in der Steinzeit wurde sie angewandt – für Opferrituale und Totenzeremonien. „Damals kam sogar Blut zum Einsatz“, weiß Marwedel.

Heute setzen die Künstler auf hautfreundliche Farben. Geblieben ist die Leinwand: Sie atmet, redet, verspürt Hunger und muss zwischendurch auch mal zur Toilette. Gesine Marwedel verwandelt die entblößten Körper in kunstvolle Gemälde. Über den linken Oberschenkel einer Frau spannt sich eine Brücke, über den Rücken eines Mannes jagt ein Tiger.

„Die Ideen kommen einfach“, sagt die Künstlerin. Manchmal bei der Lektüre eines Buches, manchmal beim Spaziergang in der Natur. Sechs Stunden Zeit hat die junge Dortmunderin auf Wettbewerben, um mit dem Pinsel alle Körperbereiche zu erfassen. Bis in die Ohren dringt sie vor. Ihre Kunst ist kurzlebig, nur für den Augenblick. Währt unter Umständen sogar nur zwanzig Sekunden, wie bei der Frau, die sich zu einem Flamingo verrenkt. Was bleibt, ist die Erinnerung – und ein Foto. Die Bilder zerfließen unter der Dusche, rinnen allmählich in den Abfluss. „Ich bin froh, dass ich nicht dabei sein muss“, gesteht Marwedel.

Dann und wann integriert sie Applikationen wie Latex, Glitzer, Pailletten und Haarschmuck. Zu Karneval und Halloween herrscht bei ihr Hochsaison. Doch auch sonst kommen die Kunden. Schwangere, deren Babybauch zu einer Weltkugel mutiert, Bräute, die ihrem Zukünftigen einen Porsche zur Hochzeit schenken – als Motiv auf ihrem Rücken.

Die Klientel ist überwiegend weiblich. Die Verwandlung liegt den Frauen einfach mehr, meint Gesine Marwedel. Doch es gibt auch noch einen ganz praktischen Grund: die Rasur. „Frauen kommen bereits nach zehn Minuten aus dem Bad, Männer brauchen dafür zwei Stunden“, schmunzelt die Künstlerin.

Anfangs malte sie klassisch auf Leinwand – mit Öl und Acryl. Mit einem Gesicht begann ihre Laufbahn als Bodypainting-Künstlerin. Es folgte ein Oberkörper. „Danach ist alles explodiert“, blickt die 25-Jährige zurück. Thailänder haben sie entdeckt und mit der Weltelite der Körperkünstler bekannt gemacht. Inzwischen gehört sie selbst dazu. Bei den Weltmeisterschaften im Sommer in Österreich landete sie auf Platz 13.

Die Modelle dürfen nicht zimperlich sein. Diana Schneider erfreute die Frauensalon-Besucherinnen mit virtuosen Geigenklängen. Für Marwedel stand sie zuvor bereits zweimal Modell. Einmal bei sengender Hitze. Sechs Stunden lang. „Mit ausreichend Trinken ging das“, meint sie gelassen. Obwohl die Modelle in der Regel nur mit String bekleidet sind, fühlen sie sich nicht nackt. „Die Farbe wirkt wie eine Schutzschicht“, betont Gesine Marwedel, die auch als Sprach- und Kreativtherapeutin tätig ist.

Sie setzt die Körperkunst in ihrer Arbeit mit den Patienten ein, hat erst im Juni ein Buch dazu veröffentlicht. Gerade nach Amputationen, bei Vernarbungen und Verbrennungen könne Bodypainting helfen, mit dem eigenen Körper wieder in Einklang zu kommen. Die Betroffenen greifen dann selbst zur Farbe – und ihr Selbstwertgefühl wächst mit jedem Klecks. ▪ rw

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