Immer wieder Probleme

Gefahr für andere: Polizei und Politik warnen vor „Elterntaxis“ an Schulen in Bergkamen

Parkplätze parkende Autos Elterntaxis an Schulen
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Auch an der Ketteler-Grundschule in Rünthe (rechts) gibt es einen ausgeprägten automobilen Hol- und Bringeverkehr. Eltern wollen ihre Kinder schützen, sorgen aber für potenziell neue Gefahren.

Immer wieder kommt es vor den Bergkamener Schulen zu brenzligen Situationen, weil viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen. Ein Polizist plädiert nun dafür, den eigenen Kindern mehr zuzutrauen.

Bergkamen – Lässt sich durch zeitweise Straßensperrungen die Verkehrssicherheit an Schulen erhöhen? Diese Frage wurde jetzt in der Politik erörtert. Anlass waren Berichte über Mütter und Väter, die ihre Kinder mit teils schweren Autos direkt bis zur Schule bringen, dabei Verkehrsregeln missachten und so eine Gefahr für andere darstellen. Auch an der Freiherr-von-Ketteler-Grundschule in Rünthe kennt man das Problem.

Sitzung des Ausschusses für öffentliche Sicherheit und Ordnung am Dienstag: Eindrucksvoll schildert Rainer Gayer, seit 17 Jahren Bezirksbeamter der Polizei und für Bergkamen-Mitte zuständig, aus seinem Arbeitsalltag: „Die Gesellschaft hat sich gewandelt“, sagt er. „Und mit ihr die Kinder.“ Diese seien längst nicht mehr so sportlich und agil wie früher, nicht zuletzt infolge der häufigen Handy-Nutzung.

Längere Gehwege zur Schule – das ist laut Gayer heutzutage die Ausnahme. Stattdessen würden Schüler auch weiterführender Schulen von den Eltern zum Unterricht chauffiert – mit dem Ergebnis, dass sich Beinaheunfälle vor den Bildungseinrichtungen häuften.

Thema wird bereits mit Eltern von Kita-Kindern diskutiert

„Noch ist nichts Schlimmeres passiert“, sagt Gayer. „Glücklicherweise.“ Und: Er habe durchaus Verständnis für die Sorge von Eltern, dass ihrem Nachwuchs auf dem Weg zur Schule etwas zustoßen könnte. Sie gänzlich vor Gefahren fernzuhalten, sei gleichwohl kein kluger Weg. Zum einen würden den Kindern die Chance genommen, den Umgang mit diesen Gefahren zu lernen. Zum anderen entstünden neue.

„Wie bringen wir die Menschen dazu, nicht nur an sich selbst zu denken, sondern auch an andere?“ Diese gesellschaftliche Grundsatzfrage stelle sich auch beim Schulweg, sagt Gayer. Die Polizei sei dazu übergegangen, das Thema bereits mit Eltern von Kita-Kindern zu erörtern. Mit den Heranwachsenden werde derweil gerade zum Schuljahresbeginn trainiert, wie man sicher über die Straße kommt, auf was man im Verkehr achten muss.

Im Alltag gibt’s restriktivere Maßnahmen – auch auf die Gefahr hin, dass Eltern laut schimpfen, pöbeln, beleidigen. Da schreiben Polizei und auch städtisches Ordnungsamt Knöllchen, wenn etwa die Vorfahrt missachtet oder „mal kurz“ auf dem Gehwege geparkt wird, nach dem Motto: Dauert ja nicht lange.

Kinder fit für den Schulweg machen

„Das Problem sind nicht die sicheren Schulwege, sondern Eltern, die den Schulweg unsicher machen“, sagt Gayer – und zeigt auch die Grenzen seiner Arbeit auf: Was tun, wenn man zig Vergehen in nur wenigen Minuten beobachtet? Mit dem neuen Bußgeldkatalog, der teils deutlich höhere Strafen für Raser und Falschparker vorsieht, werde sich im Bewusstsein der Angesprochenen vielleicht etwas ändern, hofft der Polizeibeamte.

Das Problem sind nicht die sicheren Schulwege, sondern Eltern, die den Schulweg unsicher machen.

Rainer Gayer, Bezirksbeamter der Polizei

Auch Ordnungsdezernentin Christine Busch sagt, dass Sorgen um Töchter und Söhne ihre Berechtigung hätten. „Man fragt aber schon, warum die, die hinterm Steuer sitzen, nicht bemerken, dass sie selbst eine Gefahr darstellen.“ Busch plädiert wie Gayer dafür, die Kinder fit zu machen, damit sie den Schulweg selbst bewältigen können – oder sie im Zweifel gehend oder Rad fahrend zu begleiten. Wenn es auf Schulwegen etwa größere Baustellen gebe, reagiere die Stadtverwaltung schnell und übernehme für begrenzte Zeit Kosten für eine Busnutzung. „Es gibt auch Mütter, die im Bademantel im Auto sitzen“, schildert Busch. Das sei vordergründig belustigend, aber am Ende eher „traurig“.

Die Möglichkeit von Straßensperrungen bringt in der Sitzung Harald Sparringa ins Gespräch. „So etwas gibt es in Frankreich“, berichtet der Grünen-Ratsherr. Gayer sagt, damit würde das Problem der Elterntaxis womöglich nur verlagert. Einen Königsweg, so wird schnell klar, gibt es im Umgang mit Helikopter-Eltern, die alles unter Kontrolle haben und jedwedes Risiko für ihre Kinder vermeiden wollen, nicht. „Ich beobachte auch Eltern, die in Pausen am Schulhof stehen aus Angst, den Kindern stößt etwas zu“, berichtet Gayer im WA-Gespräch.

Probleme auch in Rünthe

Brenzlige Verkehrssituationen vor der Haustür kennt auch Heike Prochnow, Leiterin der Ketteler-Schule. Sie ist jüngst von sich aus aktiv geworden, hat das Ordnungsamt der Stadt verständigt, das nun regelmäßig im Bereich Rünther Straße überprüft, ob Autos richtig parken. Nach den Herbstferien will Prochnow ein Schreiben der Stadt an die Eltern weiterreichen, in dem um Rücksicht auf alle Schüler gebeten wird.

Größere Probleme mit Falschparkern setzen laut Prochnow vor allem zu Schuljahresbeginn ein, bis Weihnachten beruhige sich die Lage dann meist. „Gerne werden auch die Lehrerparkplätze an der Schlägelstraße zugestellt“, schildert die Schulleiterin. „Ich bringe das Kind nur schnell weg, heißt es dann, wenn man die Betroffenen anspricht.“ Dass der Unterricht dadurch womöglich erst verspätet beginnen kann, werde gar nicht zur Kenntnis genommen.

Ob Regen oder Sonnenschein – das Wetter habe nur begrenzten Einfluss auf die Praxis automobiler Helikopter-Eltern, macht Gayer deutlich. Am Ende des Unterrichts sei das Problem zumeist noch größer als morgens. „Dann warten alle, bis es klingelt, und gerne werden auch noch längere Gespräche geführt, derweil das Auto anderen im Weg steht.“

In der hiesigen Politik plädieren alle dafür, Kindern Zutrauen zu schenken, statt sie in Watte zu packen. Das helfe auch, Selbstsicherheit zu erlangen. „Meine Kinder haben nicht die Schule genossen, sondern die Schulwege“, schilderte Thomas Heinzel (CDU). Man sollte dem Nachwuchs Eigenverantwortung und Spaß gönnen.

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