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Gas-Krise?! GSW billigen Anteils-Erhöhung an Trianel-Kraftwerk in Hamm trotzdem

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Von: Jürgen Menke

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Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Hamm-Uentrop kam in den ersten sechs Monaten des Jahres auf 1100 Betriebsstunden.
Das Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Hamm-Uentrop kam in den ersten sechs Monaten des Jahres auf 1100 Betriebsstunden. Arbeitet es bis Ende 2022 in diesem Umfang weiter, läge die Auslastung Ende 2022 bei 27,5 Prozent. © Reiner Mroß

Das Gas wird infolge des Ukraine-Kriegs knapp. Für manch Versorger kein Grund, sich vom Energieträger zu lösen. Im Gegenteil. Es geht um das Trianel-Kraftwerk in Hamm.

Kreis Unna/Hamm – Investitionen in ein GuD-Kraftwerk muten derzeit anachronistisch an angesichts des Erdgasmangels, eines befürchteten Lieferstopps aus Russland und des erklärten Ziels, bei der Stromproduktion auf diesen Energieträger zu verzichten. Doch genau das empfehlen die Gemeinschaftsstadtwerke (GSW) Kamen, Bönen, Bergkamen ihren Anteilseignern – und haben ihre guten Gründe dafür.

Votum der Politik

Es geht um weitere Anteile am Trianel Gas- und Dampfturbinenkraftwerk in Hamm-Uentrop. Am Betreiber, der Trianel Gaskraftwerk Hamm, sind die GSW sowohl direkt beteiligt als auch indirekt: mit 0,83 Prozent über die Trianel GmbH. Diese möchte ihre Beteiligung am Kraftwerk von derzeit rund 6,12 Prozent auf etwa 11,01 Prozent aufstocken, indem sie zwei Unternehmen aus den Niederlanden ihre Kommanditanteile (insgesamt etwa 4,89 Prozent) abkauft.

Die beiden Abgaskamine ragen 60 Meter in die Höhe.
Die beiden Abgaskamine ragen 60 Meter in die Höhe. © Henrik Wiemer

Der Aufsichtsrat der GSW hat dem Geschäft bereits zugestimmt. Doch auch die drei Anteils-Kommunen sind aufgerufen, sich zu positionieren. Kamen und Bönen (einstimmig, ohne Diskussion) haben bereits ja gesagt, die Abstimmung im Rat der Stadt Bergkamen erfolgt noch.

Option seit 2018

Der Kauf weiterer Anteile steht seit dem Jahr 2018 im Raum. Damals hatte die Trianel GmbH, an der Dutzende von Stadtwerken beteiligt sind, „kostengünstig“, wie es heißt, ein Optionsrecht für die Übernahmen aus den Niederlanden erworben. Die Karte wird nun ausgespielt, inmitten der größten Energiekrise seit Langem.

Doppelter Vorteil

In der Beschlussvorlage für den GSW-Aufsichtsrat, die den jeweiligen Ratsmitgliedern in Auszügen vorliegt, heißt es: „Die im Kraftwerk verwendete hochmoderne Gas- und Dampfturbinentechnologie kombiniert sowohl hohe wirtschaftliche als auch besonders umweltfreundliche Vorteile.“

Beitrag zur Energiewende

Und weiter: „Die Marktlage für Gaskraftwerke hat sich in letzter Zeit nicht zuletzt durch den beschlossenen Kohleausstieg sowie die europäisch wie national definierten Ziele zum Klimaschutz (EU Green Deal, Klimaneutralität 2045) erheblich verbessert.“ Darüber hinaus ist von einem „größeren Beitrag zur Energiewende“ die Rede, da moderne Gaskraftwerke „eine unverzichtbare Brückentechnologie auf dem Weg zur Klimaneutralität“ darstellen würden.

Auch das klingt angesichts der politischen Großwetterlage nicht eben zeitgemäß. Auf Nachfrage jedoch lösen sich die vermeintlichen Widersprüche ein wenig auf.

Verwerfungen „temporär“

So sieht die Trianel GmbH die Verwerfungen an den Energiemärkten für die Wirtschaftlichkeit von Gaskraftwerken „als temporär oder endlich“ an. „Wir glauben an die Perspektive für Gaskraftwerke, deren Bedeutung durch den Kohle- und Atomausstieg zunächst weiter zunehmen dürfte“, heißt es. Im Falle eines Embargos für Gas bestehe durchaus die Möglichkeit einer Betriebseinschränkung, allerdings werde diese „zeitlich begrenzt“ sein, so die Prognose. Und: Mittelfristig werde das Stromversorgungssystem durch den Kern- und Kohleausstieg weiterhin auf Gaskraftwerke angewiesen sein.

Zudem weist Trianel darauf hin, ab Herbst 2022 die Weichen dafür stellen zu wollen, dass das Kraftwerk „Wasserstoff-ready“ wird, künftig also auch mit klimafreundlichem Wasserstoff betrieben werden könnte.

Das Trianel-Kraftwerk in Zahlen

Nettoleistung des Kraftwerks: 800 Megawatt

Anzahl der Kraftwerksblöcke: 2 x 400 Megawatt

Bauphase: 2005 bis 2007

Elektrischer Wirkungsgrad: 57,7 Prozent

Jährliche Betriebsdauer: bis zu 8000 Stunden

Jährliche Stromerzeugung: bis zu 6,9 Mio. MWh

Jährlicher Erdgaseinsatz: bis zu 12,9 Mio. MWh

Bebaute Fläche: 13 Hektar

Investitionsvolumen: rund 450 Mio. Euro

Höhe des Abgaskamins: 60 Meter

Aus dem Betrieb des Kraftwerks in Hamm-Uentrop erwarte man „wie in den letzten Jahren weitere substanzielle Gewinnausschüttungen“, von denen auch die Gesellschafter profitieren könnten, heißt es. Größere Risiken, so ist es der Vorlage für den Bönener Gemeinderat zu entnehmen, stellten für das Unternehmen etwa die Trianel Windkraftwerk Borkum dar sowie das Trianel Kohlekraftwerk Lünen.

9,3 Millionen Euro

Mit dem Kauf neuer Anteile am GuD-Kraftwerk erhöht die Trianel GmbH ihre Kapitaleinlage von knapp 5,2 Millionen Euro auf über 9,3 Millionen. Zur Umsetzung der Pläne soll die Trianel Energiebeteiligung GmbH & Co. KG gegründet werden. Auch dazu bedarf es der Zustimmung der Anteilseigner beziehungsweise der beteiligten Kommunen.

Für Spitzenlasten

Das Uentroper GuD-Kraftwerk läuft nicht dauerhaft, sondern deckt Spitzenlasten ab. Es wird hochgefahren, wenn etwa Wind und Sonne zu wenig Strom liefern. „Wir hatten im ersten Halbjahr 1100 Betriebsstunden“, berichtet Unternehmenssprecherin Ingela Marré. 8000 sind binnen eines ganzen Jahres möglich. Bleibt es bis Ende 2022 beim bisherigen Betriebsumfang, käme die Anlage auf eine Auslastung von 27,5 Prozent. Schon damit lässt sich offenbar am Ende Gewinn machen.

„Geringe Einflussmöglichkeit“

Bei den GSW heißt es auf Nachfrage, dass die eigene Einflussmöglichkeit und die der kommunalen Eigentümer wegen der geringen Beteiligungsquote der GSW an der Trianel „sehr begrenzt“ sei. In der nächsten Gesellschafterversammlung Ende September werde „der Beteiligungsvorgang abschließend beschlossen“. Die Städte Kamen und Bergkamen sind mit jeweils 42 Prozent an den GSW beteiligt, Bönen mit 16 Prozent.

Umstrukturierung

Laut GSW möchten die beiden niederländischen Unternehmen ihre Anteile an der Trianel Gaskraftwerk Hamm veräußern, da sie sich umstrukturiert haben und vor allem als Netzbetreiber tätig sind und nicht mehr in der Stromerzeugung.

Mit 11,01 Prozent wird die Trianel GmbH eine vergleichsweise hohe Beteiligung am Uentroper Kraftwerk haben. „Es gibt aber noch höhere“, berichtet Trianel-Sprecherin Marré.

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