Besuch bei Firma Röttger in Bergkamen

Frühlingserwachen in der Pandemie: Am Gartencenter zeigt sich, was die Menschen schmerzlich vermissen

Endlich etwas Buntes noch dem grauen Corona-Winter: Regina Pachel hat, wie viele in diesen Tagen, der Wunsch nach einem Stück Normalität ins Gartencenter gebracht.
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Endlich etwas Buntes noch dem grauen Corona-Winter: Regina Pachel hat, wie viele in diesen Tagen, der Wunsch nach einem Stück Normalität ins Gartencenter gebracht.

Wer wissen will, was die Menschen in und um Bergkamen im Lockdown vermissen, erfährt einiges darüber vorm Gartencenter Röttger.

Bergkamen – Aufs große Ganze wird geschaut, wenn Bund und Länder heute wieder darum ringen, wo weiter Verzicht geboten ist, um das Virus in den Griff zu bekommen. Aber Corona hat die vermeintlich kleinen Dinge durch Entbehrung groß gemacht. Der Ruf nach Lockerungen gilt auch der einheitlichen Öffnung der Blumenläden. Der rasante Frühlingsstart nach dem Schneechaos schürt die Erwartungen zudem. Dazu ein Stimmungsbild aus Overberge:

Außer Lebensmittel kaum Einkauf möglich

„Das ist gut für die Seele“, sagt Doris Scheffer über den Einkauf, für den sie eigens aus Dortmund zum Gartencenter Röttger gefahren ist. Ihre Freundin Gisela Rothland hat sie auf dem Weg aufgegabelt. Die beiden gehen gern bummeln. „Aber im Lockdown kann man außer Lebensmittel ja nichts kaufen“, seufzt die Begleiterin.

Der Besuch im Gartencenter an der Industriestraße hat sich von der lieb gewonnenen Routine zu einem Highlight gemausert, seit sonst kaum wer öffnet. Mit den Sonnenstrahlen ist bei Rothland der Wunsch nach Blütenschmuck erwacht. Doris Scheffer hat soeben Tisch und Stühle für den Wintergarten ausgeguckt. „Wir konnten ja wenig ausgeben in letzter Zeit“, sagt sie. Außerdem bestelle sie nichts im Internet. Sehen und anfassen wollte die Kundin, was nach dem tristen Corona-Winter zuhause mehr Wohlbefinden schaffen soll.

Große Sehnsucht nach der Coronatristesse

Darum geht es bei den meisten, die sich auf dem Parkplatz auf einen Plausch mit dem Reporter einlassen. Den eiligen Herrn mal ausgenommen, der „nur schnell Moosvernichter kaufen“ will, „weil ich alles andere schon habe.“ Etwa bei Hella Borgstädt, die „nach den tristen Monaten wieder Farbe ins Leben holen will.“ Für den Vorgarten hat die Rüntherin gerade Stauden besorgt, weil das Wetter nun passt. Neulich waren es Stiefmütterchen und Primeln als Frühlingsboten. „Gut, dass das in NRW möglich ist, hoffentlich kommt das in den anderen Ländern auch“, sagt Borgstädt im Wissen um das gute Gefühl. Der Frühlingsstart erfreue sie jedes Jahr, „doch in diesem ist es besonders“.

Unter anderem, „weil man ja sonst nicht viel rausgehen kann“, wie auch Regina Pachel berichtet. Sie hat ihre Mutter Friedel Findeisen hierher chauffiert. „Wir haben auf das schöne Wetter gewartet“, erzählt die Seniorin. „Da muss man sich ranhalten, sonst ist das Schönste ja weg.“ Zumal Findeisen nicht nur sich, sondern auch anderen eine Freude machen will „nach den kalten Tagen.“ Die andere Tochter soll bedacht werden und der Enkel mit der neuen Wohnung kriegt etwas für den Balkon.

Normalität und Lebensfreude für daheim

„Ein bisschen Normalität und Lebensfreude“, verbindet Nadine Arndt gleichfalls mit ihrem Einkauf, den sie auf dem Heimweg von der Arbeit fix erledigt. Auch sie erlebt das als „Highlight, weil man sonst kaum etwas kaufen kann, weder Klamotten noch Schuhe.“ Die bunten Blumen sind für die Terrasse bestimmt, die österlichen Accessoires hat Arndt gekauft, „weil es mir wichtig ist, den Kindern etwas von den Jahreszeiten zu vermitteln und in diesen Zeiten daheim ein Wohlgefühl zu geben“.

Sie schüttelt über den Lockdown den Kopf. „Die Zahlen sind weiter hoch, obwohl alles zu ist. Von mir aus sollen sie alles wieder aufmachen. Die Geschäfte leiden, Arbeitsplätze gehen verloren.“

Unternehmen noch ohne Kurzarbeit

Letzteres hat Claudia Röttger immerhin vermeiden können. „Wir sind mit gut 50 Mitarbeitern und vier Azubis bisher ohne Kurzarbeit durch die Krise gekommen“, betont die Geschäftsführerin. Dass Schnitt- und Topfblumen, Übertöpfe und Lebensmittel seit Anfang Dezember in ihrer Branche wieder verkauft werden dürfen, hat den Umsatzeinbruch im Betrieb etwas gelindert.

„Die Leute nehmen Pflanzen und Blumen als Trostpflaster. Es geht um ein Stück Lebensqualität mit Frische und Farbe im Haus.“ Das habe der Branche kurz nach dem heftigen Wintereinbruch einen turbulenten Start beschert. Dank der Bande zu den Gärtnereipartnern in der Region seien Primeln & Co nun aber passend erblüht und verfügbar. So liefe das Blumen- und Pflanzengeschäft auf gutem Niveau. Dazu trage bei, „dass Gartencenter es möglich machen, relativ ungefährdet etwas zu unternehmen. Hier ist viel Platz, es wird gelüftet, weil Dächer wegen der Pflanzen sowieso auf sind.“

Beschränkung trifft Umsatzträger im Sortiment

Schwer wiege unter den Beschränkungen aber, dass die vor Jahresfrist unter anderen Perspektiven eingekaufte Oster- und Frühlingsdekoration im Lager bleiben muss – sofern sie nicht über den Webshop oder auf Bestellung vertrieben wird. „Auf vielleicht zehn Prozent des Üblichen“ sei der Absatz dieses wichtigen Umsatzträgers eingebrochen, so Röttger.

Chefin fordert Chance für gesamten Handel

Wenn in Berlin nun Lockerungen beschlossen werden, wünscht sich die Unternehmerin „eine maßvolle Öffnung für alle.“ Der Handel sei in bedrohlicher Schieflage. „Es ist doch unmöglich und fürchterlich, dass ich im Kaufland Socken und Unterhosen kaufen kann, ein eingesessenes Kaufhaus wie Schnückel am Nordberg aber geschlossen bleiben muss, obwohl da genug Platz ist. So sind die einzigen Nutznießer nur großen Vollsortimenter.“ Das setze dem ohnehin angeschlagenen Handel in der Stadt weiter zu.

In Bezug aufs eigene Haus will sich Röttger ihren Optimismus bewahren. Kräuter und Gartenpflanzen hat sie in der Saisonvorbereitung geordert wie sonst auch. „Und Frühling wird es ja auf jeden Fall.“

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