Öffnung am 1. März

Friseure in Bergkamen haben bereits jetzt volle Terminbücher

Friseur Ralf Insinger Haareschneiden Haare waschen
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Friseurmeister Ralf Insinger will ab 1. März zunächst die Kunden bedienen, die vor der Schließung seines Salons in Rünthe im Dezember nicht mehr dran gekommen sind.

Ab 1. März dürfen Friseure wieder öffnen. Am ersten Tag nach der Entscheidung standen die Telefone in den Bergkamener Friseursalons bereits nicht mehr still.

Rünthe – Am frühen Donnerstagnachmittag brauchte Ralf Insinger erst mal eine Pause und vor allem frische Luft. Bis dahin hatte der Friseurmeister aus Rünthe durchgängig telefoniert. Ab 8 Uhr klingelte der Apparat, nur durch Gespräche unterbrochen. Die meisten seiner Kunden können es kaum erwarten, endlich wieder einen frischen Haarschnitt zu bekommen. Bis Insinger seinen Salon an der Schachtstraße in zweieinhalb Wochen wieder betreiben darf, ist immerhin fast ein Vierteljahr vergangen, seit er zuletzt die Schere in der Hand hatte.

„Wenn ich erst am 1. März ans Telefon gegangen wäre, hätte ich den ganzen Tag nur telefoniert“, schätzt der Saloninhaber. Da er aber jetzt bereits Termine für die Zeit nach dem Lockdown vergibt, kann er an diesem Tag gleich richtig loslegen. Es ist ein Montag, wenn die Friseure im Land nach dem aktuellen Beschluss der Bund-Länder-Konferenz am Mittwoch ihre Türen wieder öffnen dürfen. Klassisch der freie Tag in der Branche, in der samstags regulär gearbeitet wird.

Viel Frust über politische Entscheidungen

Insinger und seinen Mitarbeitern machen in diesem Fall eine Ausnahme und am Montag, 8. März, ebenfalls. „Sonst kommen wir nicht mehr hinterher“, denkt der 68-Jährige an die starke Nachfrage nach Schnitten, Haarfarben und Co. Einige Stammkunden hat er sogar selbst angerufen, um ihnen einen Termin Anfang kommenden Monats anzubieten. „Diejenigen, die im Dezember nicht mehr dran gekommen sind, sind dann zuerst an der Reihe.“

Nachvollziehen, warum der zweite Lockdown seine Branche getroffen hat, kann Insinger noch immer nicht. „Nach dem ersten Lockdown im Frühling haben die Politiker gesagt, wenn sie gewusst hätten, wie gut das bei den Friseuren läuft, dann hätten sie sie gar nicht zugemacht. Und dann mussten wir im Dezember doch wieder schließen“, wundert sich der Handwerksmeister. Für ihn war das Hygienekonzept in den Salons schlüssig und sicher. „Ich denke, beim Friseur haben sich die Wenigsten angesteckt – wenn überhaupt.“

Für ihn und seine Kollegen waren die vergangenen elf Monate hart, und zwar nicht nur während der Lockdowns. „Nachdem wir im Sommer wieder öffnen durften, mussten wir uns sehr einschränken“, erklärt der Rünther. Von seinen acht Stühlen im Geschäft durften zum Beispiel maximal nur vier gleichzeitig besetzt sein. Das bedeutet: weniger Einnahmen.

Sorge um junge Kollegen

Die Fixkosten liefen unterdessen weiter, Steuern mussten gezahlt werden – auch für ein Gewerbe, das zur Pause gezwungen wurde. „Zwar habe ich damals 9000 Euro Soforthilfe bekommen, doch was mir niemand vorher gesagt hat: 7000 Euro musste ich anschließend wieder zurückzahlen, weil ich in den folgenden Monaten dafür zu viele verdient habe.“

Für den aktuellen Ausfall, der nicht zuletzt die beiden wichtigen Geschäftswochen um Weihnachten und Silvester beinhaltet, hat Ralf Insinger bis dato keinen Cent gesehen. „Bei mir ist noch nichts angekommen, weder die Dezember-, noch die Januar- oder Februar-Hilfe.“

Die jungen Leute, die vielleicht erst vor ein, zwei Jahren ein Geschäft eröffnet haben, tun mir wirklich leid.

Ralf Insinger, Saloninhaber

Der Friseurmeister ist seit vielen Jahren im Geschäft. „Aber die jungen Leute, die vielleicht erst vor ein, zwei Jahren ein Geschäft eröffnet haben, tun mir wirklich leid“, so der Rünther. Die hätten schließlich kaum Rücklagen bilden können, mit denen sie sich nun über Wasser halten könnten. „Sie müssen schwarzarbeiten, um zu überleben“, hat Insinger Verständnis dafür, wenn sich ein junger Kollege nicht an geltendes Recht hält. Die Situation zwinge die Betroffenen förmlich dazu. „Und dann setzen sich die Leute ins Fernsehen mit gemachten Haaren. So viel zum Thema Solidarität“, kann sich der Fachmann die Kritik an Politikern, Moderatoren Prominenten und Fußballspielern nicht verkneifen. „Als Friseur kann ich erkennen, wer sich die Haare selber geschnitten hat und wo ein Profi dran war. Da ist sich eben jeder selbst der Nächste.“

Dass harte Einschnitte unumgänglich sind, wenn das Virus besiegt werden soll, ist für Ralf Insinger absolut richtig, selbst wenn es wehtut. Kleckerweise die Geschäfte zu schließen und zu öffnen, sei aber keine Lösung. „Wenn es wirklich um das Virus gegangen wäre, denn hätte man am 1. November die gesamte Wirtschaft für vier Wochen herunterfahren und alles komplett schließen müssen. Dann wäre es erledigt gewesen“, denkt Insinger. So seien er und viele andere in einen „schönen“ Zwangsurlaub geschickt worden.

Staatshilfen bleiben aus

Der Friseurmeister hat den zum Beispiel dazu genutzt, sein Treppenhaus zu renovieren. „Man kann sich schon beschäftigen, aber für die Kollegen, die keine Rücklagen haben, ist das bitter. Von den Gastronomen mal ganz abgesehen“, fühlt der 68-Jährige mit den Betroffenen. Und auch seine Rücklagen seien irgendwann erschöpft.

Zumindest für ihre Branche sei der aktuelle Beschluss von Bund und Ländern nun aber eine gute Nachricht, findet Jörn Moschinski, Inhaber des Haarstudios Moschinski & Markhoff an der Töddinghauser Straße in Bergkamen und Beisitzer im Vorstand der Friseurinnung Unna. „Wir freuen uns, auch wenn ein bisschen Frust mit dabei ist, weil es doch noch bis zum 1. März dauert und nicht schon in der kommenden Woche wieder losgehen kann.“ Die Kunden würden bereits fleißig anrufen und Termine vereinbaren. „Schön, dass sie auf uns gewartet haben – wir warten auch auf sie“, so der Friseurmeister. „Wir sind optimistisch, dass sich alles zum Guten wendet.“

Wir freuen uns, auch wenn ein bisschen Frust mit dabei ist.

Jörn Moschinski, Friseurmeister

Natürlich hat Moschinski gleichfalls unter der Situation in den vergangenen Monaten gelitten. „Der erste Lockdown hat sechs Wochen gedauert, jetzt haben wir seit Dezember geschlossen. Bis März sind es dann vier Monate, die wir innerhalb eines Jahres geschlossen hatten. So viele Rücklagen kann man gar nicht bilden, um das abzufedern“, sagt der Bergkamener. Das Jammern habe er sich jedoch abgewöhnt. „Es bringt nicht. Man kann auf alle schimpfen, auf die Politiker, auf die Virologen, auf die Impfungen. Wir können es aber dennoch nicht ändern.“ Es sei sicher ärgerlich, dass die versprochenen Hilfen vom Staat ausblieben. „Und wenn sie erst im Mai oder Juni kommen, dann wird es für einige zu spät sein“, vermutet der Handwerksmeister. „Aber es ist ,nur’ Geld. Da geht die Gesundheit vor.“

Jörn Moschinski rät Kollegen, das Gespräch mit der Bank zu suchen, wenn die Schuldenlast drückt. „Das kann manchmal Wunder bewirken.“ Die Kosten liefen nun mal weiter. „Mieten, Strom, Heizung, Steuern, Kranken- und Rentenversicherungen müssen bezahlt werden. Es bleibt abzuwarten, inwieweit man uns da entgegenkommt“, sagt der Saloninhaber.

„Wir sollten jetzt trotzdem nach vorne blicken. Es muss ja weitergehen.“

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