Bergbau-Erinnerungen

Ruß und Schweiß im Schacht III: Ein Ortsbesuch im neuen Fitnessstudio

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Vergangenheit und Zukunft: Hartmut Maatz und seine Frau Edith besuchten seine alte Wirkungsstätte, den Schacht III, mit der Familie. Urenkel Noah ist beeindruckt von der Waschkaue, in der die Trainingsfläche des Studios entstehen soll.

Rünthe - Der Putz ist abgeschlagen, der rote Backstein noch fahl vom Staub und doch zu erkennen. Im April eröffnet die Fitness-Kette Limitless im Schacht III ein neues Studio.

„Kaum vorstellbar, wie sehr sich hier alles verändert hat“, sagt Hartmut Maatz ehrlich erstaunt. Mit Schiebermütze und verziertem Stock geht er durch das Gebäude. Es ist für ihn eine Wiederkehr – an seine ehemalige Arbeitsstätte. 

Vor knapp 20 Jahren war Hartmut Maatz das letzte Mal in der Waschkaue der ehemaligen Schachtanlage Werne III. Damals feierte ein Freund von den Knappen für einen Geburtstag. Schacht III war damals schon zum Kulturzentrum umgebaut.

Nach der Schicht im Schacht entsteht etwas Neues

Maatz ist mittlerweile 84 Jahre alt. 38 davon hat er als Bergmann „in der Grube“ verbracht, im Schacht unter Tage. Jetzt entsteht in Schacht III ein Fitnessstudio, das die Geschichte weiternutzt. 

„Wir wollen den Bergbau als Motto aufgreifen“, sagt Limitless-Geschäftsführer Mirko Kinzel. So soll etwa der Eingang zur Sauna an einen Stollen erinnern und eine Lore Schacht III ist das zwölfe Studio der Limitless-Kette von Kinzel und seinen Partnern Jan-Nic Erbeck. 2016 haben sie sich mit Limitless selbstständig gemacht. „Wir wollen eine große Fitnesskette erschaffen und diese aufziehen wie ein Modelabel“, sagt Kinzel. 

Galerie

Limitless soll einen eigenen, unverwechselbaren Stil haben – mit historischen Elementen der Standorte. Bei der Neueröffnung in Chemnitz etwa greift die DDR-Vergangenheit auf – mit goldenen Karl-Marx-Statuen. 

Auf dem Smartphone zeigt Peter Schwedalke (li. Bild, rechts) vom Geschichtskreis Oberaden, woher die Lohnbescheide von Maatz eine Zeit lang kamen: der Zeche Alte Haase in Sprockhövel

Wie der alte Kumpel Maatz haben auch Volker Wagner, Hermann Wedemeyer und Peter Schwedalke vom Geschichtskreis Haus Aden/Grimberg 3/4 des Stadtmuseums Bergkamen im Bergbau gearbeitet. Sie setzen sich für das historische Erbe des Bergbaus im Ruhrgebiet ein und betreuen die Bergbau-Abteilung des Museums mit dem Barbara-Stollen. 

Erinnerungen werden wach

Im Schacht III werden Erinnerungen bei den Bergmännern im Ruhestand wach. Wagner, Wedemeyer und Schwedalke arbeiteten nicht mehr auf dem Zechengelände von Schacht III – doch sie alle waren unter Tage. Und die Bergbau-Vergangenheit von Nordrhein-Westfalen ist ihnen nach wie vor wichtig. „Kohle und Stahl haben dieses Land groß gemacht“, sagt Wagner. „Noch heute gibt es hunderttausende Bergleute hier.“ 

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Hartmut Maatz läuft langsam durch die Räume der ehemaligen Waschkaue. Alles ist staubig, die Betreiber haben neue Wände hochgezogen, alte Fliesen und Mauerwerk freigelegt. „Hier war die Marken-Bude, dort der Raum für die Sanitäter“, sagt er und zeigt auf den Eingangsbereich vor der Treppe. „Und hier war das Büro vom Bauleiter und kein Fahrstuhl.“ 

Schacht ist kaum wieder zu erkennen

Der Schacht III ist kaum noch wiederzuerkennen, sagt Maatz. Und doch gibt es mitten im Umbau Anzeichen, flüchtige Erinnerungssplitter von früheren Zeiten. „Ich habe in den 50er Jahren hier gearbeitet. Damit ich heiraten konnte, hat ein Kumpel eine doppelte Schicht gemacht. Sonst hätte ich nicht freibekommen“, erzählt der 84-Jährige und lächelt seine Frau Edith an. Sie sind seit 61 Jahren ein Ehepaar. 

Mit 16 kam Hartmut Maatz zur Zeche, geboren ist er in Schlesien. „Mit 18 war ich alt genug, um unter Tage zu fahren“, sagt er. Dort ist er lange geblieben. 48 Jahre war er in der Grube. Jetzt besichtigt er den Schacht III mit seiner Familie. Mit dabei Ur-Enkel Noah. „Auf Zeche kommst du nicht mehr“, sagt der stolze Urgroßvater zum staunenden Jungen. Der 84-Jährige hat in Werne, in Rünthe und Hamm gearbeitet. Bergbau hat die Familie geprägt.

Die Fliesen bleiben, der Rest wird zum schicken Fitnessstudio. Die Kette Limitless sucht sich historische Bauten aus und arbeitet mit passenden architektonischen Details. So soll eine Lore als Getränkeanlage verwendet werden.

 „Meine Mutter sagte immer zu mir: ,Nimm einen Mann von der Zeche, dann haben wir immer Kohle’“, erzählt Maatz’ Tochter Ute Höll. „Mittlerweile heizen wir mit Gas.“ Seit 55 Jahren wohnt die Familie in Bergkamen. In der ehemaligen Steiger-Kaue stehen Mitarbeiter des Fitnessstudios und verkleiden sich als Bergleute. Sie schwärzen sich mit Grillkohle die Gesichter, ihre Kleidung ist blütenweiß – und dann noch die Schuhe: Mit seinem Gehstock sticht Hartmut Maatz sanft auf die Gummistiefel ein. 

Umbau von Schacht III in Rünthe - Hartmut Maatz erzählt

„Das sind die verkehrten Schuhe, mit denen hat man keine Sicherheit“, sagt er. Bergbau dient heute auch zum Werben. Das Interesse am neuen Schacht III ist groß, obwohl es in Bergkamen bereits drei weitere Fitness-Studios gibt. „Der Markt ist noch lange nicht satt“, sagt Mirko Kinzel. Wie viele Anmeldungen es bereits schon gibt, will er nicht sagen. „Aber der Zulauf ist sehr gut, allein schon, weil es der Schacht III ist“, sagt der Geschäftsführer. Wo früher Schlägel und Eisen auf Erz auf Kohle schlugen, stemmen bald Muskeln eiserne Gewichte. Ruß und Staub gehen, der Schweiß kommt wieder.

Wann eröffnet das Studio?

Wann das Fitnessstudio eröffnet, darüber wollen die Limitless-Geschäftsführer Mirko Kinzel und Jan-Nic Erbeck keine genaue Auskunft geben. Geplant ist noch immer Ende April, der Umbau läuft.

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