Werkstattbesuch in Bergkamen-Rünthe

Faszination Achtzylinder: Roland Kikenberg (61) ist Spezialist für US-Oldtimer

Roland Kikenberg (61) und Ehefrau Bianca mit einem Buick Riviera Wildcat: Seit mehr als 25 Jahren ist „US Cars Kikenberg“ in Rünthe beheimatet.
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Roland Kikenberg (61) und Ehefrau Bianca mit einem Buick Riviera Wildcat: Seit mehr als 25 Jahren ist „US Cars Kikenberg“ in Rünthe beheimatet.

Bergkamen-Rünthe ist Ziel von US-Car-Fans aus ganz Deutschland. Roland Kikenberg betreibt hier eine ganz besondere Werkstatt. Wir haben ihn und sein Team besucht.

Rünthe – Die Leidenschaft für Achtzylinder. Roland Kikenberg (61) trägt sie von klein auf in sich. „Damals hat mich ein Nachbar in seinem Opel Diplomat mitgenommen, die waren mit 5,4-Liter-V8-Corvette-Motoren der Konzernmutter General Motors bestückt“, erzählt er. Das tiefe Brummen, die unbändige Kraft von Hunderten PS – der Junge war nachhaltig beeindruckt. Er wurde Kfz-Meister, gründete später „US Cars Kikenberg“. Der Spezialist für Reparaturen, Modifikationen und Instandhaltung von amerikanischen Fahrzeugen hat sein Domizil seit mehr als 25 Jahren in Rünthe.

Es ist der Eintritt in eine andere Welt. Wer den Highway, pardon: die Industriestraße von Rünthe bis Poco runterfährt, rechts abbiegt und ganz bis zum Ende rollt, bekommt große Augen wie einst der Junge im Oberklasse-Opel.

20 Liter auf 100km US-Autos bei Roland Kikenberg in Rünthe

20 Liter auf 100km US-Autos bei Roland Kikenberg in Rünthe

Er trifft auf chromblitzende Straßenkreuzer der Marken Lincoln oder Buick, diverse Ford Mustangs, einen Polizei-Pontiac, der einst einem Restaurant als Auslieferungsfahrzeug diente, auf Chevy-Vans, wie man sie von den TV-Verfolgungsjagden des A-Teams kennt, sogar ein US-Leichenwagen parkt am Straßenrand. Alles Dickschiffe, die auf einfache Mängelbeseitigung oder Komplett-Restaurierung warten – oder darauf, in Gänze ausgeschlachtet zu werden.

Der Empfangsraum ist mit Marken-Logos und US-Flaggen geschmückt, in der Sitzgruppe liegen Fachzeitschriften. „Kaffee?“, fragt Kikenbergs Frau. Gern! „Ich bin Bianca, wir sind hier alle per Du“, sagt sie und bietet einen Platz an. Überhaupt: Die Ami-Szene in Deutschland sei wie eine große Familie, der gesellschaftliche Status des Einzelnen egal. „Zu uns kommen alle, vom Schönheitschirurgen bis zum Müllwagenfahrer“, pflichtet Mechaniker Ralf (Nierhoff) seiner Chefin bei.

Einer der dienstältesten Schrauber seiner Zunft

Roland hat 1987 in Gladbeck mit „US Cars“ angefangen, wollte sich vergrößern und fand in Rünthe das Passende. Er schätzt, dass es bundesweit rund 100 Werkstätten ähnlich seiner gibt. Die Szene sei recht groß, seine Kunden kämen aus dem weiten Umkreis, teils sogar aus Berlin oder anderen Großstädten. Er selbst sei wohl einer der dienstältesten Schrauber seiner Zunft – und beabsichtige, „bis zum Umfallen“ weiterzuschrauben.

Und wie fühlt sie sich genau an, diese Leidenschaft? Roland atmet tief durch und setzt zum Vortrag an, bricht aber ab und steht auf. „Komm, ich zeig’s Dir.“ Kurze Zeit später geht’s erneut über die Industriestraße, diesmal auf nicht gekannte, amerikanische Art. Das sonore Brummen, die unbändige Kraft von Hunderten PS – wow ...

Chevy Express, Cadillac ‘54, Mustang Mach 1 – die Werkstatt-Bühnen sind allesamt im Einsatz. Die US-Fahrzeuge, die in Rünthe auf Vordermann gebracht werden, stammen im Schnitt aus den 1960er-Jahren. „Die Besitzer hegen und pflegen sie, sind damit aber meist nur im Sommer auf der Straße“, erzählt Roland. Dann sei eine Tankfüllung Benzin allerdings schnell weggeblasen. „Unter 20 Liter läuft nichts, wenn man einigermaßen zügig unterwegs sein will.“

20.000 Euro muss man schon ausgeben

Mindestens 20.000 Euro müsse man ausgeben, um einen gut erhaltenen amerikanischen Oldtimer zu bekommen, heißt es. Besonders beliebt seien Coupés, die ohne B-Säule und Fensterrahmen auskommen. Doch Vorsicht: Solch Vehikel sollte man nie ungesehen aus dem Internet holen, denn mitunter trieben Verkäufer Schindluder.

Das gilt laut Mechaniker Ralf vor allem bei neueren Modellen, mit denen Kunden ebenfalls vorstellig würden. In den USA, erläutert er, würden Unfallwagen nach Abrechnung mit der Versicherung nicht repariert, sondern gern zur Schadensbehebung ins Ausland verkauft. Meist über Litauen kämen viele der Pkw nach Deutschland – das Gros in gutem Zustand, einige aber auch „mit mehr Spachtelmasse als Blech“ an der Karosserie und dennoch als unfallfrei deklariert. „Es ist viel Mist auf den Markt“, konstatiert Ralf.

Nachfrage zieht nach Ostern wieder stark an

Zum Kikenberg-Team zählen neben dem Chef und der Chefin, die sich ums Büro kümmert, drei erfahrene Mechaniker und neuerdings ein Auszubildender in der Werkstatt. Sie eint, dass sie, wenn nötig, improvisieren können und Ruhe bewahren, wenn’s knifflig wird. „Wir brauchen Leute, die früher am Dreirad, dann am Fahrrad, am Mofa und an ihrem Auto geschraubt haben“, verdeutlicht Bianca. Kollegen, die ausschließlich die klassische Kfz-Mechatroniker-Lehre genossen hätten, würden bei „US Cars“ nicht immer zurechtkommen.

Nach der Corona-bedingten Flaute im Frühjahr habe die Kundennachfrage seit Ostern spürbar angezogen, sagt Roland. Ersatzteile beziehe man von vier Großhändlern in Deutschland, die binnen 24 Stunden lieferten. Bei Bestellungen aus den Staaten dauere es mitunter nur wenige Tage, bis das Paket eintreffe.

„Die Technik ist so simpel, dass die Wagen fast ewig halten“

Mechaniker Ralf Nierhoff

Was die Mechaniker an den älteren US-Schlitten neben deren imposante Erscheinung so lieben: die Technik. „Die ist so simpel, dass die Wagen fast ewig halten“, sagt Ralf. Gleichwohl hätten die US-Autobauer schon früh etwa Klimaanlagen, Tempomaten und Sicherheitsfeatures in ihre Fahrzeuge eingebaut. Unterm Strich aber gelte: Je mehr Elektronik, desto schwieriger und teurer die Reparatur. Teils sei dafür auch Spezialgerät vom Hersteller nötig.

Bei Hubräumen von sieben Litern und mehr, gepaart mit dürftigen Abgaswerten, fallen für US-Fahrzeuge schnell um die 1.500 Euro Steuern im Jahr an. Heiß begehrt sind daher Autos, die mindestens 30 Jahre auf dem Buckel haben und mit billigerem H-Kennzeichen fahren können.

Der Chef öffnet den Buick Riviera Wildcat, der im Carport auf dem Hof steht. Baujahr 1964, Originalzustand. Es ist einer jener Coupés, die ohne B-Säule auskommen. Ein automobiles Schmuckstück aus der Muscle-Car-Zeit, innen mit viel Holz verkleidet, außen ausladend und wohlgeformt. Das Lenkrad – filigran gearbeitet, dazu mit Leder überzogene, üppige Sitze, Beckengurte, Automatikgetriebe, 80-Liter-Tank, keine Kopfstützen. Der Wagen gerät ins Schaukeln, als der mehr als 300 PS starke Motor anspringt. „Entscheidend ist aber das Drehmoment von knapp 500 Newtonmetern“, sagt Ralf. Beim Anfahren drücke es einen gehörig in die Rückenlehne.

Kaffee? Den gibt’s reichlich beim „US Car Service“ in Rünthe. Rechts der Chef, daneben Ralf Nierhoff, einer der Mechaniker.

Weiter zum Chevrolet-Pickup C10 Scottsdale. „Ein seltenes Exemplar von ‘77 mit kurzer Pritsche und gewaltigen Radkästen“, erläutert Roland. Er hat es komplett neu aufgebaut, samt hölzerner Ladefläche. Ein Sattler hat die Sitzbank neu bezogen. Leider sei der Besitzer des Wagens während der Arbeiten gestorben, erzählt Roland. „Wir verkaufen es jetzt für die Witwe.“ Der Preis: 45.000 Euro.

Jüngst haben sich die Kikenbergs einen Traum erfüllt. Nein, kein neues Auto. Vielmehr lebten und arbeiteten sie einige Monate auf Mallorca. Mit einem Werkstatt-Van fuhren sie Kunden ab, während Kollegen in Rünthe die Stellung hielten. Auch auf Deutschland liebster Urlaubsinsel gibt es eine Ami-Szene.

Die Corona-Pandemie hat den Traum frühzeitig beendet. Der umgebaute Service-Van steuert jetzt durch heimische Gefilde und macht – nicht wundern – auch an Häfen halt. „Motorboote haben überwiegend Achtzylinder“, klärt Roland auf.

Ob im Maschinenraum oder unter einer Haube sechs oder acht Zylinder arbeiten – der Firmenchef erkennt’s am Schnurren des Motors. „Der hört sogar, wenn ein oder zwei Pötte nicht laufen“, sagt Ralf anerkennend.

Jetzt aber runter vom Hof, in der Werkstatt wartet der Chevy Express. Der bullige US-Bus bekommt einen komplett neuen Motor. Der Familienbesuch endet. Im Golf Diesel geht’s zurück in eine andere Welt.

Schrauberfrühstück pausiert

„US Cars Kikenberg“ wird regelmäßig zum Szene-Treff. Jeden zweiten Samstag im Monat von 10 bis 13 Uhr findet auf dem Gelände Industriestraße 25 ein Schrauberfrühstück mit teils über 100 Gästen statt. Wegen der Corona-Pandemie pausieren diese Zusammenkünfte. Wann‘s wieder losgeht mit den gemütlichen Pläuschchen bei Kaffee und Kuchen, ist offen. Internet: www.kikenberg.de.

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