Materialknappheit macht immer mehr Betrieben zu schaffen

Bergkamener Fahrradhändler klagen über Lieferprobleme 

Lieferengpässe bei AT Cycles in Bergkamen. Filialleiter Daniel Robbert sucht nach Lösungen.
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Noch hängt einiges an den Wänden bei AT Cycles. Doch Filialleiter Daniel Robbert und seine Kollegen haben zunehmend Schwierigkeiten, benötigte Ersatzteile oder Fahrradzubehör zu bekommen.

Radfahren ist gesund, günstig und klimafreundlich. Und mit den neuen Elektroantrieben finden immer mehr Menschen in den Sattel. Radfahren boomt also. Doch der Aufschwung in der Branche wird derzeit kräftig ausgebremst. Lieferengpässe und Materialknappheit setzt auch den hiesigen Fahrradhändlern schwer zu.

Bergkamen - Die Ersatzteilebeschaffung für die Reparatur der Kundenräder stellt Daniel Robbert und seine Kollegen bei AT Cycles Bergkamen in Overberge derzeit täglich vor neue Herausforderungen. „Es gibt enorme Lieferschwierigkeiten“, berichtet der Filialleiter. Und auch bei den neuen Rädern für den Verkauf werde es langsam knapper. „Unser Hersteller hat in diesem Jahr ein großes Sortiment bestellt, sodass noch einiges vorhanden ist. Bei Neubestellungen gibt es allerdings riesige Probleme“, sagt der Fachmann.

Die Mechaniker in der Werkstatt des Fachgeschäftes an der Werner Straße müssen nun häufig nach kreativen Lösungen suchen, um die Kunden zu befriedigen. „Gerade bei den Verschleißteilen klafft ein riesiges Loch in den Regalen“, berichtet Daniel Robbert. „Wir versuchen, Ausweichmöglichkeiten zu finden.“ Einfach sei das nicht. „Wer sich als Händler nicht rechtzeitig eingedeckt hat, bekommt auch nichts mehr.“ Robbert nennt einen Extremfall: „Auf bestimmte Ketten- und Ritzelpakete, die man sonst immer auf Lager hat, müssen wir jetzt ein halbes Jahr warten.“ Tagtäglich überprüfen die Fachleute bei AT Cycles, die Bestände ihrer Lieferanten. Falls dort Ersatzteile lieferbar sind, müssen sie diese sofort bestellen. In kürzester Zeit ist nämlich auch dieser Bestand ausverkauft.

Einige Fahrradkomponenten ließen sich indes wieder instandsetzen, wenn sie kaputt sind. „Wir sind sowieso nicht diejenigen, die alles sofort erneuern. Wir versuchen, möglichst viel zu reparieren. Die Frage dabei ist nur, ob wir von den Herstellern die Einzelteile dazu bekommen“, erklärt der Experte. Bei Verschleißteilen funktioniere das aber nicht.

In Notfällen ist Kreativität gefragt

Auf der Suche nach passendem Material sei er inzwischen auf die eine oder andere Marke gestoßen, die er bislang noch nicht auf dem Schirm hatte. Wenn von diesen Herstellern Ersatzteile zu haben sind, kommen diese jetzt hier und da zum Einsatz. „Das macht man als Händler nicht unbedingt gerne. Man möchte schließlich seine Kunden nicht verärgern, wenn die Qualität nachher nicht stimmt. Es ist aber eine Notlösung, wenn zum Beispiel Teile so verschlissen sind, dass die Kunden mit dem Rad gar nicht mehr fahren können“, schildert Robbert.

In dringenden Fällen haben die Radprofis sogar schon Teile eingebaut, die sich die Kunden selbst beschafft haben, etwa aus dem Internet. In „normalen“ Zeiten wäre das kaum denkbar, immerhin wissen die Fachleute bei solchen „Fremdteilen“ nicht, ob diese den erforderlichen Ansprüchen ausreichend genügen. Und wie überall gilt: Was knapp ist, wird teuer. Das merkt auch der Bergkamener Filialleiter. „Wir haben deutliche Preiserhöhungen. Die Händler gehen andere Wege, um Teile zu beschaffen. Das kostet eben.“

Zum Glück hätten viele Kunden Verständnis und wüssten um den allgemeinen Materialmangel, der momentan so viele Branchen trifft. Gründe dafür gibt es mehrere: Zum einen ist da die Corona-Pandemie, die rund um den Globus zu Produktionsausfällen geführt hat und zu Sperrungen von bedeutenden Häfen, insbesondere in Fernost. Von dort werden besonders viele Güter verschifft.

Dazu kommen Nachwirkungen von Wirbelstürmen, Bränden und Flutkatastrophen, die Rohstoffe knapp und teuer werden lassen. Und schließlich sorgte die Havarie des Containerschiffes „Ever Given“ im Suezkanal bis in den Sommer hinein zu Verspätungen und Turbulenzen im Schiffsverkehr. Bis sich alles wieder reguliert, scheint es zu dauern – zumal die Pandemie weiter in Wellen grassiert und Umweltkatastrophen zunehmen. Daniel Robbert rechnet jedenfalls nicht mit einer raschen Erholung. „Die Saison ebbt jetzt aber ab. Ich hoffe, wir sind im Winter wieder besser aufgestellt, sodass wir im Frühjahr alle Teile am Start haben“, wünscht er sich. Trotz der angespannten Situation ist der Filialleiter noch zufrieden. „Uns geht es zurzeit trotz allem deutlich besser als anderen Branchen, zum Beispiel der Gastronomie“, stellt Daniel Robbert fest.

Jan van Payvelde, Nicolas Baßdorf und Dr. Sebastian Mai (von links) haben erst vor eineinhalb Jahren ihr Geschäft „Pure E-Bikes“ in Oberaden eröffnet.

Ähnlich sieht es sein Kollege Dr. Sebastian Mai von Pure E-Bikes an der Erich-Ollenhauer-Straße. Mai verkauft dort seit Januar 2020 gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern Nicolas Baßdorf und Jan van Puyvelde Fahrräder, vor allem mit Elektroantrieb. Mit dazu gehört jedoch der gesamte Service rund ums Rad, also genauso Reparaturen und Co. „Es fehlt tatsächlich an allen Ecken und Enden, an Rädern und Ersatzteilen. Aber ich sehe das eher als Luxusproblem. Der Boom ist ungebrochen, und man kann gut verkaufen. Die Fahrräder stehen nicht lange in den Geschäften herum“, erzählt Mai.

Begrenzte Auswahl bei neuen Rädern

Das Angebot sei aber in der Tat begrenzt. „Wenn jemand eine bestimmt Größe oder Farbe haben möchte, wird es schon schwieriger. Die Liefertermine betragen zwölf Monate und länger. Und selbst dann gibt es keine Garantie, dass das klappt“, sagt der Geschäftsführer des Fachhandels in Oberaden. Zubehör- und Ersatzteile oder Anbauten zu bekommen, sei ebenfalls problematisch. Er und seine Kollegen müssten durchaus Kunden vertrösten. „Wir möchten nicht nur Fahrräder verkaufen und die so durchschieben, auch der Service ist uns wichtig“, betont Mai.

Wie die Overberger Kollegen gehen die Drei bei Pure E-Bike durchaus mal alternative Wege, um ihren Kunden zu helfen. „Wenn jemand mit einem im Internet gekauften Teil zu uns kommt, bauen wir das notfalls auch ein“, gibt der Fachmann an. Im Netz seien vier oder fünf riesige Internetshops aktiv, die den dünnen Teilemarkt zusätzlich abgrasen. „Sie bestellen in großen Stückzahlen. Da bekommt man dann noch einiges“, weiß Mai. „Wir möchten natürlich lieber über unsere Großhändler bestellen.“

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