Wir haben nachgefragt

Nur Trash beim ESC? Das sagen lokale Experten zum Musik-Spektake​l

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Für Deutschland treten Laura Kästel und Carlotta Truman als Pop-Duo „Sisters“ an.

Jedes Jahr aufs Neue sitzen Millionen Fernsehzuschauer in ganz Europa vor dem Fernseher. Wenn in der ARD die Eurovisionshymne erklingt und TV-Kommentator Peter Urban das Wort ergreift, weiß man: Es ist wieder Eurovision Song Contest. Was sagen eigentlich die lokalen Experten dazu?

Auch am Samstagabend bei der 64. Auflage in Tel Aviv wird vor dem Fernseher wieder mitgesungen, mitgetanzt und natürlich herrlich über die verschiedenen Beiträge gelästert werden.  

Wir haben in Bönen und Bergkamen nachgefragt, wie unsere Musikexperten (und Journalisten) das Spektakel sehen und was sie sich von der Show erhoffen. Wer gewinnt zwölf Punkte aus Bergkamen und Bönen?

Das ist die Jury:

Björn Dagl: Der 36-jährige Bergkamener ist Sänger der Ska-Punk Band Awesome Scampis, die seit mehreren Jahren in in Clubs und auf Festivals spielt.

Maria Dinh: Die 20-Jährige aus Bergkamen spielt Gitarre und singt seit sie 14 ist. Seit einigen Monaten tritt sie in Kneipen und Bars auf.

Raphael Balke: Der 20-Jährige ist Mitglied der Bergkamener WA-Redaktion. Bis auf einige Stunden Blockflötenunterricht in jungen Jahren hat er nichts in seiner musikalischen Vita vorzuweisen.

Katharina Bellgardt: Als Teil der Bergkamener WA-Redaktion hat die 31-Jährige natürlich auch eine Meinung zum ESC, schließlich wird dieser jedes Jahr mit Freunden gesehen.

Christine Branner Jespersen: Die Dozentin am Bönener Musikkarussell war unter anderem Vocalcoach bei der Casting-Show „The Voice of Germany“.

Josephine Klein: Die Schülerin des MCG in Bönen ist Sängerin der Band „Hollowing“.

Reinhard Potschinski: Der Musiker und Gitarrenlehrer veranstaltet die Konzertreihe „Musik aus aller Welt“ in der evangelischen Kirche Flierich.

Sabine Miermeister: Die Initiatorin der Bönener Musikreihe „Extrakult“ ist mit dem ESC aufgewachsen.

Anne Suermann: Die Pädagogische Leiterin des Musikkarussells in Bönen tippt auf Frankreich.

So sehen es die Buchmacher

Und was meinen Sie? Alle Lieder im Schnelldurchlauf:

Wer kriegt die meisten Punkte?

Björn Dagl: Meine 12, 10 und 8 Punkte gehen an...: 12 Punkte an Spanien, endlich mal wieder ein Song mit Bläsern, der nach vorne geht. 10 an Azerbaidjan: Schön poppig, wenn auch sehr generisch. 8 an Österreich, sehr angenehmer ruhiger Pop-Song.

Maria Dinh: Meine 12 Punkte gebe ich der Schweiz und Luca Hänni. 10 gehen an die Niederlande und Duncan Laurence. 8 gebe ich Italien, Mahmood.

Raphael Balke: Meine 12 Punkte gehen an Aserbaidschan. Mir gefällt die Energie des Songs. 10 Punkte gehen an Tschechien, das Lied macht gute Laune. 8 Punkte gebe ich Norwegen, weil ich den samischen Gesang super witzig finde.

Die norwegische Band KEiiNo hat auch samischen Gesang in ihrem Song.

Katharina Bellgardt: Für mich ist Malta die Nummer 1, modern und tanzbar. 10 Punkte bekommt Spanien, ein netter Sommerhit. Und 8 Punkte gehen an Tschechien, das Lied macht gute Laune.

Christine Branner Jespersen: Irland (Wiedererkennungswert pur und schöne Melodie), Malta (technisch viele verschiedene Elemente, coole Beats), Schweden (toller Gospeltouch).

Josephine Klein: 12 Punkte gebe ich an den Song „friend of a friend“ von Lake Malawi aus der Tschechischen Republik. Das Lied hat eine gewisse Leichtigkeit und man wird nur so durch den Song getragen. Oto Nemsadze mit dem Lied „sul tsin iare“ aus Georgien gebe ich 10 Punkte. Ich verstehe zwar kein Wort, aber der Sänger hat eine sehr ausdrucksstarke und mitreißende Stimme. 8 Punkte gebe ich Leonora mit „Love is Forever“ aus Dänemark geben, da sie bei ihrem Auftritt auf dem Fliericher Riesenstuhl sitzt.

Reinhard Potschinski: Here are the results of the Potschinski Jury: Lettland 12, Irland 10, Schweden 8.

Sabine Miermeister: Für mich ist bei der Punktevergabe maßgeblich, was musikalische Qualität, aber auch Authentizität hat. Insofern entscheide ich mich für 12 Punkte für Irland (sehr schöne Stimme), 10 für Armenien (glaubhafte Power) und 8 für Frankreich (herrlich pathetisch).

Anne Suermann: Meine höchste Punktzahl geht nach Dänemark: Unspektakulär, einfach mit Freude und leichtem Schwung gesungen! 10 Punkte würde ich Spanien geben. Der Song und der Rhythmus stimmen mich auf den Sommer ein und macht einfach gute Laune. 8 Punkte an die Tschechische Republik.

Deutschland landet auf Platz...: 

Für Deutschland treten Laura Kästel und Carlotta Truman als Pop-Duo „Sisters“ an.

Björn Dagl: Deutschland… ich sag es ungern, aber ich sehe Deutschland wieder mal ziemlich weit hinten. Der Song hat mich nicht nur gelangweilt, ich wollte dass er vorbei ist. Viel zu bemüht.

Maria Dinh: Ich denke, dass Deutschland nicht weit kommen wird. Eventuell ein Platz mit einer eins davor, ich schätze Platz 17. Die Sisters sind nicht schlecht. Es gibt meiner Meinung nach aber Länder, die mit ihrer Song-Auswahl mehr zeigen und abheben.

Raphael Balke: Deutschland kommt unter die letzten sechs. Aber das ist ja fast schon Tradition. Am Ende fließen Tränen, alle sind geschockt, dass sowas passieren konnten und dann heißt es wie jedes Mal: Nächstes Jahr, da schaffen wir es ganz sicher...

Katharina Bellgardt: Auf jeden Fall im letzten Drittel. Meistens ist der ESC ja vor allem Spektakel – und das können wir traditionell nicht gut. Da bleibt nur Gefühl und das kommt für mich im Song nicht rüber.

Christine Branner Jespersen: Leider nicht Top 10. „Frauenpower“ ist super, aber die Melodie der Strophe eignet sich weder zum Mitsingen noch ist ein mitreißender Beat vorhanden.

Josephine Klein: Ich denke, dass Deutschland mittelmäßig abschneiden wird. „Sisters“ hebt sich nicht von der Masse ab, klingt aber auch im Vergleich zu den anderen Liedern nicht schlecht.

Reinhard Potschinski: Irgendwo im Mittelfeld, für ganz hinten gibt es dieses Mal bessere Kandidaten.

Sabine Miermeister: Der Beitrag ist gut gesungen, aber nicht herausragend und weniger berührend als letztes Jahr der eigene Song von Michael Schulte. Daher vermute ich einen Platz im unteren Drittel.

Anne Suermann: Ich vermute, dass wir uns mit einem der letzten Plätze zufriedengeben müssen. Wäre schön, wenn der Spruch mal zuträfe: Die Letzten werden die Ersten sein.

Diesen musikalischen Standard hat der ESC...: 

Björn Dagl: Leider sind die meisten Songs ohne Seele, oder Wiedererkennungsmerkmale. Mal ehrlich, wer erinnert sich noch an die Songs der letzten zwei bis drei Jahre? Natürlich sind die Künstler alle top ausgebildet, die Produzenten haben super Arbeit geleistet, aber die Musik hört doch keiner wirklich, oder? Es geht hier rein um die Show, um das Event!

Maria Dinh: Der ESC ist ein gutes Zusammenspiel aller Länder. Die meisten Länder tragen englische Lieder vor. Da die Sänger für ihr eigenes Land auftreten, sollten sie auch in ihrer Muttersprache singen. Wenn ein Lied gewinnen sollte, dessen Song etwas langsamer und altmodischer ist, hat der ESC wieder die Bedeutung für mich zurückgewonnen. Heute sind englische Texte und viel Beat die Bedingung zum Sieg.

Raphael Balke: Am ehesten trifft es wohl „gewöhnungsbedürftig“. Hits produziert der ESC kaum. Deshalb fände ich es super, wenn auch bekannte Musiker zugelassen würden.

Katharina Bellgardt: Nun ja, so richtig geht es ja nicht um Musik, mehr ums Gefühl. Die Musik tritt ja eh oft in den Hintergrund – dafür sind die Auftritte oft viel zu verrückt.

Bilal Hassani vertritt Frankreich mit dem Lied „Roi“.

Christine Branner Jespersen: Die Qualität der Beiträge sind sängerisch oft einwandfrei, wobei sie oft übertrieben stimmgewaltig (Israel) sind, mit viel Drama (Albanien), Exzentrizität (Griechenland) und hohen, langen Tönen (Australien, Russland). Viele Songs sind leider etwas überproduziert (Finnland) durch viel Hintergrundgedöns und Beats (Spanien), welche die Magie eines Songs untergraben.

Josephine Klein: Die meisten Lieder, die beim ESC vorgetragen werden, sind Pop-Lieder und unterscheiden sich kaum.

Reinhard Potschinski: Kann es sein, dass die alle Angst haben zu gewinnen? Einige Teilnehmer geben sich jedenfalls redlich Mühe, nicht aus Versehen vorne zu landen.

Sabine Miermeister: Mein Favorit der letzten fünf Jahre war Salvador Sobral (Sieger 2017), der sich musikalisch top und mit ganz viel Seele präsentiert hat. Damit fiel der Titel aus dem Rahmen der anderen Beiträge. Und gerade die Andersartigkeit ist oft ein Kriterium für den Sieg. Der Standard ist durch die technischen Möglichkeiten in puncto Präsentation sehr hoch geworden.

Anne Suermann: Musikalisch würde ich es nicht überbewerten. Die Bandbreite dessen, was wir zu hören bekommen, ist musikalisch überschaubar. Aber es geht ja um das Ganze und vor allen Dingen um den Unterhaltungswert. Und anders kann ja auch mal ganz erfrischend sein – ob es gefällt oder nicht!

Meine Meinung zum ESC: 

Björn Dagl: Wenn man den ESC als Party sieht, bei dem es nicht unbedingt auf die Musik ankommt, kann es ein großer Spaß sein.

Maria Dinh: Der ESC ist eine gute Sache, um Sänger aus anderen Ländern zu sehen und zu hören.

Raphael Balke: Auch wenn sich der ESC „Song-Contest“ schimpft, sind es doch vor allem die Charaktere, die Shows und das drumherum, das überzeugt. Wer auf ein wenig Trash, Kostüme und Lästerei steht, ist hier genau richtig.

Katharina Bellgardt:: Der Eurovision Song Contest ist für mich gelebtes Europa mit wilden Kostümen. Privat höre ich gerne Punk und Rock – die Musik vom ESC ist mir oft zu künstlich und überproduziert. Aber: Es ist eine riesige Party, die man am besten mit Humor nimmt.

Christine Branner Jespersen: Ich bin im Sinne der Völkerverständigung ein absoluter Supporter. Oft ist ja die Präsentation entweder sehr landestypisch oder eben gar nicht, aber einfallsreich auf jeden Fall. Ich amüsiere mich auch gerne über die Plagiate. Dieses Jahr fallen mir auf: Weißrussland als Britney Spears („Hit Me Baby“), und Tschechien als Ed Sheeran („She Played The Fiddle“).

Der Sänger Mahmood kämpft für Italien um den Sieg.

Josephine Klein: Ich persönlich bin kein Fan des ESC, da ich eher Metal und Rock höre.

Reinhard Potschinski: Die können das unmöglich alles ernst meinen. Vielleicht ist das Ganze ja doch nur eine gigantische Parodie – man ist eigentlich in der ständigen Erwartung, dass plötzlich Hape Kerkeling mit einem lauten „HURZ“ auf die Bühne springt.

Sabine Miermeister: Ich bin mit dem ESC groß geworden und habe ihn sehr lange aufmerksam verfolgt, weil er Trends in der europäischen Popmusikkultur zeigt. Bis zu Lenas Sieg haben wir hin und wieder sogar im Garten ESC-Parties veranstaltet. Seit der Ausweitung auf 41 Nationen verfolge ich oft nur noch die Votings und höre mir den Siegertitel an.

Anne Suermann: Man kann es sich anschauen, muss es aber nicht. Es gäbe sicherlich die Möglichkeit, musikalisch etwas höhere Standards einzurichten.

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