Erstes Kanalschiff fuhr unter kaiserlicher Flagge

Dammaufhöhung an der Südseite des Kanals in Rünthe im Sommer 1935. Hinten rechts einige Häuser der Kolonie Rünthe-West. Auf dem Gelände links entstand nur wenige Jahre später der Klöckner-Hafen, heute der Sportboothafen Marina Rünthe.
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Dammaufhöhung an der Südseite des Kanals in Rünthe im Sommer 1935. Hinten rechts einige Häuser der Kolonie Rünthe-West. Auf dem Gelände links entstand nur wenige Jahre später der Klöckner-Hafen, heute der Sportboothafen Marina Rünthe.

BERGKAMEN - Auf den Tag genau vor 100 Jahren fuhr das erste Schiff auf dem Datteln-Hamm-Kanal durch Rünthe. Es war der 18. Juli 1914, als ein Boot unter kaiserlicher Flagge durch das Wasser glitt. „Eine offizielle Freigabe des Gewässers oder gar eine Eröffnung“, kennt Stadtarchivar Martin Litzinger eine geschichtliche Außergewöhnlichkeit, „hat es niemals gegeben.“

Bereits 1912 hatte man mit dem Bau der Wegstrecke zwischen Heil, Rünthe und Sandbochum begonnen. „Ende 1913 war der Kanal dann soweit fertig, dass das Wasser einlaufen konnte“, weiß der Stadtarchivar. Bis heute wird der Kanal in Hamm aus der Lippe gespeist. Ein Grund, warum die Wasserstraße im Volksmund schnell „Lippe-Seiten-Kanal“ hieß, der andere lag in der räumlichen Nähe zur Lippe und seiner Orientierung am Flusslauf. „Die offizielle Bezeichnung war aber immer Datteln-Hamm-Kanal, der Name Lippe-Seiten-Kanal eher eine volkstümliche Schöpfung.“

Heute ist der Kanal in Rünthe, vor allem durch die Marina, nicht mehr aus dem Ortsbild wegzudenken. Dass es einmal eine Zeit ohne ihn gab, davon zeugen noch Straßennamen: Einst war die Salzstraße durchgängig, durch den Kanalbau wurde sie getrennt. Deshalb gibt es heute die Nördliche und die Südliche Salzstraße.

Die Inbetriebnahme des Wasserweges im Juli 1914 sollte zunächst „auf Probe“ erfolgen, um Missstände aufzudecken. Eine offizielle Einweihung mit Kaiser-Besuch und die Freigabe für den allgemeinen Schiffsverkehr sollte später erfolgen. Doch der Erste Weltkrieg verhinderte alle Pläne und so wurde der Kanal nie seiner Bestimmung übergeben. Das stört seit 100 Jahren aber niemanden. Es ist schlicht eine Kuriosität in der Historie.

Gebaut wurde der Kanal, um das Ruhrgebiet besser für die Industrie zu erschließen. Auch die Nordwanderung des Bergbaus unterstützte die Pläne, denn die Lippe war zu der Zeit längst nicht mehr so schiffbar, wie es nötig gewesen wäre. „Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die Eisenbahn das Verkehrswesen revolutioniert, jetzt sollten die Flüsse ebenfalls stärker genutzt werden“, weiß Litzinger. „Und weil für die Industrie im Ruhrgebiet eine Anbindung an die Nordsee von großem Interesse war, wurden ab 1870 große Anstrengungen unternommen, um künstliche Verbindungen und Wasserstraßen dorthin zu schaffen, um die Wirtschaft zu fördern.“

Zunächst wurde der Dortmund-Ems-Kanal gebaut, dann dessen Nebenkanäle Rhein-Herne- und Datteln-Hamm-Kanal. „Anders wäre der Bau auch nicht verständlich gewesen“, sagt Litzinger. Ursprünglich sollte der Datteln-Hamm-Kanal sogar weiter bis Wesel und Lippstadt gebaut werden. Pläne, die man nach dem Ersten Weltkrieg auch noch weiterverfolgte, aber mit deren Umsetzung man in Hamm-Uentrop schließlich doch aufhörte, da es keinen weiteren Bedarf für die Strecke mehr gab.

Für Rünthe bedeutete der Bau des Kanals im wahrsten Sinne des Wortes einen Einschnitt. Nicht nur die Salzstraße wurde geteilt. Lange hatten die Planungen gebraucht, zog sich doch vor allem der Grunderwerb für den Streckenverlauf hin. „Für die Grundstücke wurden aber gute Preise bezahlt“ weiß Litzinger. In Rünthe waren die Bauern Schulze-Heil (heutige Ökostation) und der Hof Keinemann einige Meter weiter Richtung Rünthe am stärksten vom Grundstücksankauf betroffen. Problematisch war für sie, dass sie durch den Kanal von ihren Feldern getrennt wurden. Daher legten sie besonderen Wert auf den Bau von Brücken. Im weiteren Verlauf des Kanals Richtung Sandbochum mussten auch die Höfe Schulze-Wedeling, Schulze-Bögge (heute Forellenhof), Schulze-Elberg und Lippmann Flächen hergeben. „Der Verkauf war aber nur eine Frage des Geldes. Aufhalten können hätte dieses Bauvorhaben niemand“, sagt der Stadtarchivar.

Mit dem eigentlichen Bau hatten die Rünther wenig zu tun. Die umfangreichen Erdarbeiten wurden von Fremdeinsatzkräften aus Italien, Polen, der Slowakei, Holland oder Rumänien erledigt, insbesondere aber von Kroaten. Deutsche Arbeiter blieben in der Minderheit. Die Bauaufsicht hatte das Königliche Kanalbauamt in Lünen und selbst Häfen gab es damals nur in Hamm und Lünen.

Jenseits der Kanaltrasse lag aus Sicht des damaligen Rünther Dorfes nur der Friedhof. Der war aber über die Rensing-Brücke in der Nähe des gleichnamigen Gasthauses gut zu erreichen, weshalb die 4325 Menschen, die 1914 in Rünthe lebten, schnell ihren Frieden mit der Wasserstraße machten. Bis plötzlich ein Todesfall zu beklagen war: Ein 18-jähriger Bergkamener ertrank bei einem Badeunfall am 20. Juni 1914. Die Heimatzeitung schrieb damals „in Folge anhaltenden Regens war der Kanal zum Zeitpunkt des Unfalls etwa zwei bis drei Meter mit Wasser gefüllt“.

Das Bild des Kanals war zur damaligen Zeit jedoch ein anderes als das heutige. Die Wasseroberfläche lag etwa 80 Zentimeter bis einen Meter unterhalb der Geländeoberfläche, erst viel später erhielt der Kanal aufgrund der Bergsenkungen seine Spundwände. „Der heutige Wasserspiegel ist in etwa da, wo früher die Geländekante war“, erklärt Litzinger. - tat

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