Zum ersten Mal seit über 70 Jahren keine Maikundgebung in Oberaden

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Es ist die größte Maikundgebung in der Region. Auch im vergangenen Jahr zogen Hunderte über die Straßen von Oberaden. In diesem Jahr fallen die Protestmärsche aus.

Bergkamen – Alles war vorbereitet: Die Genehmigung war da, das Sicherheitskonzept stand, der Marschweg war klar und der Redner gebucht. Doch erstmals seit über 70 Jahren wird es am 1. Mai keine Maikundgebung in Bergkamen-Oberaden geben.

„Es wäre die 72. ununterbrochene Maikundgebung gewesen“, sagt Wilhelm Null, Vorsitzender der IG BCE-Ortsgruppe Oberaden und seit Jahren eine der treibenden Kräfte hinter der Kundgebung. Bedauern klingt in seiner Stimme mit, denn die Maikundgebung in Oberaden ist nach wie vor die Größte in der Region und mehr als eine Tradition. Die erste Kundgebung nach dem Zweiten Weltkrieg fand im Jahr 1948 statt. 

„Damals noch an der weißen Kirche“, sagt Null, und meint damit das heutige Martin-Luther-Zentrum. Die Freiluftveranstaltung wurde bald ins Zelt verlegt, das erst auf dem Gelände der heutigen Römerbergsporthalle stand, später auf dem Festplatz an der Bruktererstraße aufgebaut wurde. An dieser Stelle sprach der damalige Bundeskanzlerkandidat Gerhard Schröder 1998 als letzter – und auch schon nicht mehr im Zelt, sondern vor tausenden Zuhörern von einer Bühne herab. Ein Jahr später zog die Veranstaltung in die Römerbergsporthalle um. 

Teilnehmerzahlen seit Jahren rückläufig

Auch wenn der 1. Mai immer für DGB-Veranstaltungen genutzt wurde, war der Deutsche Gewerkschaftsbund in Oberaden stets außen vor. Hier war die IG Bergbau treibende Kraft, inzwischen ist es die IG BCE. Doch, so gibt Null selbstkritisch zu, der harte Kern stammt immer noch aus dem Bergbau, obwohl Bergkamen mit Kraftwerk und Chemie-Park längst zum Chemie- und Energie-Standort geworden ist. „Vielleicht haben wir in der Ortsgruppe den Fehler gemacht und zu sehr die Bergbau-Tradition gepflegt“, überlegt Null. Doch eine so gewachsene Gemeinschaft wie die IG Bergbau war die IG Chemie nie, und das ließ sich nach dem Zusammenschluss nicht adaptieren. 

Willi Null bleiben in diesem Jahr nur die Erinnerungen an die vergangenen Veranstaltungen, an Auftritte von SPD-Größen wie Gerhard Schröder, Johannes Rau oder Peer Steinbrück.

Obwohl die IG BCE in den vier Bergkamener Ortsgruppen mehr als 3000 Mitglieder hat, kommt nur noch ein Bruchteil zur Maikundgebung. „Heute ziehen die jungen Leute lieber mit dem Bollerwagen rum“, weiß Null. In diesem Jahr ist aber auch das nicht möglich. „Es ist schon sehr ungewohnt. Zum ersten Mal seit bestimmt 50 Jahren weiß ich nicht, was ich am 1. Mai machen werde“, sagt Null traurig, denn: „Der 1. Mai in Oberaden war nie nur politisch oder gewerkschaftlich. Das war immer ein Fest. Da wurde auch die Gemeinschaft gelebt.“ 

Erst Recht, als man am Vorabend noch in den Mai getanzt war. Doch auch heutzutage wurde nicht nur bei Erbsensuppe diskutiert, an den Ständen präsentierten sich auch Vereine, Parteien, Organisationen. „Früher waren die Vereine sogar am Programm beteiligt“, erinnert sich Null. Ministerpräsident Johannes Rau, die Bundeskanzlerkandidaten Gerhard Schröder und Peer Steinbrück, Wolfgang Clement, Thomas Oppermann, Franz Müntefering, Rudolf Scharping oder Heiko Maas: Viele große Namen zierten jährlich die Plakate der Maikundgebung. 

MLPD hat Kundgebung angemeldet

So still wie bei Eugen Drewermann erlebte Null die Halle aber nur einmal. Dass es solch prominente Redner gab, war Urgestein Bernhard Grüner sowie später dem IG BCE-Bezirksleiter Norbert Römer zu verdanken. Dieses Jahr bleibt nur die Erinnerung an die Märsche vom Zechentor oder Museumsplatz zur Kundgebung. 

„Ich hatte überlegt, die Strecke allein mit der roten Fahne abzumarschieren“, sagt Willi Null, aber der Aktion der MLPD, die für Freitag um 10.30 Uhr eine kleine Versammlung auf dem Museumsplatz in Oberaden angemeldet hat, will er sich nicht anschließen.

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