Stadt erstellt Konzept

Erinnern – aber an was und wie? Von Stolpersteinen, Heldentoden und Bergbau-Pfaden

Erinnerungsstätten könnten etwa mit Verlegung von Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig neu geschaffen werden
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Erinnerungsstätten könnten etwa mit Verlegung von Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig neu geschaffen werden.

Orte, Ereignisse, Personen: Die Stadtverwaltung erstellt auf Anregung der Politik ein Konzept zur Erinnerungskultur in Bergkamen. Bis es vorliegt, sollen die Bemühungen zur Verlegung von Stolpersteinen ruhen. Auch das aktuelle Erinnern soll hinterfragt werden – etwa in Weddinghofen, wo eines Bürgers gedacht wird, der im Zuge des Völkermords an den Herero und Nama 1904 einen – so wörtlich – „Heldentod“ gestorben sei. Derweil schlägt die SPD die Entwicklung einer App für einen Bergbau-Pfad durch die Stadt vor.

Bergkamen – Die Erarbeitung des Konzepts wurde am Dienstag im Kulturausschuss einstimmig beschlossen. Die Anregung kam von der CDU. Dessen Fraktionsvorsitzender Thomas Heinzel, der zugleich Ausschussvorsitzender ist, konstatierte, dass in der Bürgerschaft zu wenig Kenntnis über die eigene Geschichte vorhanden sei – etwa zur Bummannsburg in Rünthe, einer historischen Wallanlage, oder zum Konzentrationslager Schönhausen der Nationalsozialisten, in dem auch Menschen aus Bergkamen inhaftiert worden waren. Gemeinsames Erinnern schaffe Identität, meinte Heinzel, und könne zu einem wichtigen Faktor in der Außendarstellung der Stadt werden.

Die Verwaltung war in Person von Marc Alexander Ulrich angetan vom Vorschlag. Der Kulturdezernent verdeutlichte, dass nicht nur geklärt werden müsse, woran erinnert werden solle, sondern auch, welche Mittel sich dazu eigneten. Zudem brachte er eine wissenschaftliche Begleitung bei der Erstellung des Konzepts ins Gespräch. Das sei „nicht in vier Wochen gemacht“, sollte aber „bis Jahresende fertig“ sein.

Stolpersteine:

Die Verlegung von Stolpersteinen hatte im Dezember der „Aktionskreis Wohnen und Leben“ angeregt – und auf Basis der Recherchen des gebürtigen Rünthers Manuel Izdebski auch gleich sieben frühere Mitbürger benannt, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind und an die erinnert werden soll. Nach Ansicht Ulrichs wird jedoch nicht in allen Fällen den Richtlinien entsprochen, die der Künstler Gunter Demnig für sein Stolperstein-Projekt vorgegeben hat. Zudem, so der Dezernent, sollte mit der möglichen Verlegung gewartet werden, bis das Erinnerungskonzept erstellt ist – um es darin einzubetten. Von diesem Fahrplan zeigte sich Karlheinz Röcher, der Vorsitzende des Aktionskreises, in der Einwohnerfragstunde wenig begeistert – vor allem mit Blick auf die Schüler des Städtischen Gymnasiums, die der Aktionskreis zur Begleitung der Stolperstein-Verlegung hat gewinnen können.

Konkret möchte sich die Anti-Rassismus-AG der Schule mit dem Holocaust und der Verfolgung von Oppositionellen während der Nazi-Zeit auseinandersetzen. Lehrer Jan Groesdonk hatte gehofft, dass er unverzüglich damit beginnen kann. Mit der Situation jetzt sei er „wenig glücklich“. Röcher hatte noch an die Politiker appelliert, sich in der Sache nicht ausbremsen zu lassen.

Die Gedenktafel am Ehrenmal in Weddinghofen sollte womöglich überdacht werden.

„Heldentod“:

Davon ist auf einer Gedenktafel die Rede, die am Fuße des Ehrenmals zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten angebracht ist. Es steht auf dem Ernst-Flüß-Platz an der Kreuzung Schulstraße/Goekenheide. Der „Heldentod“ ist auf zwei Weddinghofer bezogen, die im Kampf gegen Frankreich 1870/71 gefallen sind, zudem taucht er im Zusammenhang mit dem Aufstand der Herero und Nama im früheren Deutsch-Südwestafrika auf, dem heutigen Namibia.

In der Sitzung des Kulturausschusses wies Timo Putzer, beratendes Mitglied der Linken, darauf hin, dass beim genannten Aufstand gegen die deutschen Kolonialherren Zehntausende Einheimische getötet oder in eine Wüste gedrängt wurden, wo sie qualvoll verdursteten. Das Wort Heldentod passe nicht in die Zeit. Putzer betonte, dass es ihm nicht um die Person gehe, an die in Weddinghofen erinnert werde, sondern darum, das Geschehen historisch einzuordnen.

Die deutsche Kolonie auf dem Gebiet des heutigen Namibia existierte von 1884 bis 1915. Der Aufstand der Einheimischen gipfelte in der Schlacht am Waterberg am 11. August 1904. Seit 2015 erkennt die Bundesregierung die damaligen Ereignisse als Völkermord an, Entschädigungen an einzelne Hinterbliebene lehnt sie aber ab.

Der Förderturm Haus Aden 2 wird absehbar verschwinden, sein Abriss könnte aber später in einer Smartphone-App für Einheimische und Touristen dokumentiert werden.

Bergbau-Pfad:

Die SPD musste zuletzt viel Kritik einstecken, da mit ihren Stimmen eine Versetzung des Schachtgerüsts Haus Aden 2 in städtischer Regie abgelehnt und damit das Aus für den Förderturm besiegelt wurde. Wohl deshalb bemüht sie sich, die Erinnerung an den Bergbau neu zu beleben. Das soll nach ihrem Antrag mit einer App fürs Smartphone geschehen.

Mit ihrer Hilfe „sollen verschiedene Exponate, Ausstellungen und Denkmäler rund um das Thema Bergbau in Bergkamen zu einem Bergbau-Pfad verbunden werden“, schlagen die Sozialdemokraten vor. Zu den Wegen, Orten und Gebäuden sollen demnach „authentische Zeitzeugenberichte, Fotos und Videodokumentationen die Entwicklung Bergkamens zu einer der größten Bergbaustädte in Europa und anschließenden Wege in den Strukturwandel begleiten.

Die Idee ist nicht neu; auch aus der Stadtverwaltung heraus ist sie zuletzt formuliert worden. Bis zur möglichen Beratung in der kommenden Sitzung des Kulturausschusses werde die SPD-Fraktion noch eine ausführliche Begründung zu ihrem Antrag liefern, kündigte Ratsherr Dieter Mittmann an.

Bürgerbeteiligung

Grünen-Fraktionschef Thomas Grziwotz regte an, Bergkamens Bürger zu befragen, wo die Stadt Schwerpunkte beim Erinnern setzen soll. Dem Vorschlag konnten im Grunde alle zustimmen, allerdings soll dies erst in einer späteren Phase der Konzepterstellung geschehen.

Kulturdezernent Ulrich betonte, dass für die Verwaltung zunächst der gewählte Stadtrat und seine Ausschüsse die Bürgervertretungen seien. Bei subjektiven und emotionalen Themen wie der Erinnerungskultur bestehe immer die Gefahr, dass sich nur jene Bevölkerungsgruppen Gehör verschafften, die große Affinität oder auch Widerwillen verspürten.

Ähnlich äußerte sich Ulrich hinterher auch in Richtung des Aktionskreises und bat um Geduld, bis das Thema Stolpersteine wieder auf der Tagesordnung erscheint.

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