Die letzten Tage im Amt

Ein Tag im „schönsten Beruf auf der Welt“: Unterwegs in Bergkamen mit Bürgermeister Roland Schäfer

Bürgermeister Roland Schäfer Bergkamen
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K(l)eine Pause: Gegessen wird mittags meist am Schreibtisch und nebenbei etwas erledigt.

Was macht der Bürgermeister der Stadt Bergkamen eigentlich so in seinem Arbeitsalltag? Nun, da er nach 22 Jahren in diesem Amt und den neun vorhergehenden als Stadtdirektor seinen Schreibtisch räumt, scheint es höchste Zeit, der Frage flugs noch einmal nachzugehen.

Bergkamen – Gemeinsamer Dienstbeginn Punkt 8 Uhr. Das ist früh für einen auf die späten Tageszeiten trainierten Zeitungsredakteur, aber unsere Verabredung für meinen heutigen Job als „Schatten“ von Roland Schäfer hat Vorrang.

Beinahe auf die Sekunde pünktlich klopfe ich an die Tür von Zimmer 103. Rosi Pietrangeli empfängt mich im Vorzimmer mit einem freundlichen „Guten Morgen“. Die Tür zum Chef steht offen, Roland Schäfer ist schon zehn Minuten da und bearbeitet seinen Computer. Er pflügt still durch die Flut von E-Mails. „200 oder 300 am Tag muss ich löschen“, sagt er. Vieles erhält er nur in Kopie aus den Abteilungen, damit er auf dem Laufenden ist, wie „sein Haus“ in Verfahren und Entscheidungen recht selbstständig agiert. Aber wo muss er reagieren, persönlich antworten? Das will sorgsam geprüft sein, bei aller Routine, die der 71-Jährige ausstrahlt.

Dies ist schon der zweite Check des Tages. Zuhause, zwischen Frühstückstisch und Kleiderschrank, hat der Verwaltungschef das erste Mal geschaut, was thematisch anliegt und der Terminkalender gebietet. „Das ist wichtig für die Kleiderfrage“, erläutert er. Heute geht’s nicht ohne Krawatte. Die spielt im Bergkamener Alltag eher hemdsärmeliger Malochertradition keine große Rolle. Aber am Nachmittag steht in Münster die Sitzung des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe an – um dessen Präsidentenamt sich Roland Schäfer vor vier Jahren ja mal beworben hatte. Da ist der Dress-Code ein anderer.

Tag beginnt mit Zeitungslektüre

Folglich regiert der Bürgermeister heute mal im feineren Zwirn. Das scheint auch die gebotene Wahl für den letzten Termin am Abend, an dem ich Schäfer – wie auch für die Sitzung in Münster – wieder von den Fersen weichen werde. Beim Lions Club BergKamen steht in der Schützenheide sein Vortrag zur Stadtentwicklung der vergangenen 30 Jahre an.

Beim Blick auf den Schreibtisch geht dem Reporter das Herz auf. Schäfer ist bekennender Zeitungsleser. Neben der Tasse Kaffee zum Start in den Tag liegen die örtlichen Ausgaben, daheim liest Schäfer auch E-Paper. Ehe es ans Tagesgeschäft geht, wirft der Bürgermeister im Büro einen Blick ins gedruckte Blatt. Was sind die Schlagzeilen? Wo ist die Verwaltung involviert? Wie ist er rübergekommen?

„Kritik muss man empfangen, ohne beleidigt zu sein“, erklärt Schäfer bei dieser Gelegenheit. Dann fällt der Satz, den der viermalige Gewinner der Bürgermeisterwahl gern bemüht dieser Tage: „Bürgermeister ist der schönste Beruf der Welt. Erst recht in Bergkamen.“

Eine ausgiebige Zeitungslektüre gehört für Roland Schäfer zum morgendlichen Ritual im Büro.

Ehe er darin schwelgen kann, durchkreuzt das Virus den Tagesplan. Die erste kritische Infektionsmarke ist an diesem Tage überschritten im Kreis Unna, die Corona-Ampel auf Gelb. Kurzfristig soll um 9 Uhr der Krisenstab tagen. Aber alle Konferenzräume samt Ratssaal sind belegt. In Schäfers Besprechungszimmer klappt’s mit dem Abstand nicht. Rosi Pietrangeli telefoniert sich durchs Haus. Schließlich verlegt das Jugendamt ein Elterngespräch an den Konferenztisch des Bürgermeisters, der kleine Sitzungssaal ist verfügbar.

Corinna Feldkamp grätscht noch schnell rein, bevor der Chef aufbricht. Sie feilt im Bürgermeisterbüro an der Power-Point-Präsentation für den Auftritt bei den Lions. Außerdem muss ein Kondolenzschreiben aufgesetzt werden. Manfred Erdtmann, als Ex-Bürgermeister von Kamen eine Institution, ist gestorben. „Denk’ bitte daran, dass ich die Ina duze“, merkt Schäfer zur Anrede der trauernden Lebensgefährtin, NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach, noch an.

Termine vor Ort

Dann also Krisenstab. Nichts, was für die Öffentlichkeit bestimmt wäre. Lageberichte aus dem Ordnungs-, Sozial-, Schulverwaltungs- und Jugendamt. Sie sind allesamt auf der Hut und doch von den Ereignissen getrieben. Schäfer fragt ab: Wo stehen wir, was müssen wir tun? Genau lässt sich das noch nicht sagen. Alles hängt an der ausstehenden Verfügung der Kreisverwaltung. Eine Geduldsprobe, die noch bis zum Nachmittag anhalten wird.

Roland Schäfer macht sich gern ein Bild von Dingen, die zu entscheiden sind. Braucht es auf der Sugambrerstraße einen Zebrastreifen oder genügen doch Piktogramme?

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt. Gestern tagte der Verwaltungsvorstand im wöchentlichen Turnus den ganzen Vormittag über. Da war für Visiten wie diese keine Zeit. Heute aber kann Schäfer sich ins Auto setzten und selbst ein Bild machen von Dingen, die auf dem Tisch liegen.

Erste Station: Parkfriedhof. „Es sind Beschwerden aufgekommen, dass Leute hier zusammen sitzen, feiern und Müll liegenlassen würden“, so Schäfer. Wir drehen eine Runde um das Mahnmal für die mehr als 400 Opfer des Grubenunglücks 1946 auf der Zeche Grimberg 3/4. Schäfer kennt sich aus mit prägenden Ereignissen wie diesem und der Geschichte „seiner Stadt“ an sich. Aber hier liegt heute nichts im Gebüsch, was ihn weiter fordern würde.

Bescheiden erscheint heutzutage die Ausstattung, die 1976 im Chefbüro topmodern war. Ein kleiner Waschtisch fürs Händewaschen und Frischmachen. Im schmalen Kleiderschränkchen Reservehemd, Sakko und Krawatte für den protokollarischen Notfall.

Die Sugambrerstraße ist das nächste Ziel. Aber weil’s auf dem Weg liegt, schauen wir noch schnell bei den alten Römern vorbei. An der Holz-Erde-Mauer, Nachbau der einstigen Befestigung eines Lagers um das Jahr 11 vor Christus, entsteht eine barrierefreie Toilette; auch für den viel genutzten Rastplatz auf der Römer-Lippe-Route. Da schaut Schäfer kurz nach dem Rechten, plauscht mit den Handwerkern und Hans Koehn. Das ist einer der engagierten Ehrenamtler, ohne die dieses Aushängeschild nicht so glänzen würde.

Sehen lassen können sich auch die Sportplätze beidseits der Sugambrerstraße samt der neuen Johanniter-Kita gleich nebenan. Doch über den Weg dorthin ist Klage aufgekommen. Trotz Fahrbahnmarkierung und Beschilderung werde Tempo 30 von vielen missachtet. In der Politik wurde der Ruf nach einem Zebrastreifen laut. Damit er in puncto Gefahrenlage fundiert mitreden kann, schaut der Verwaltungschef sich persönlich um. „Das ist etwas anderes, als nur nach den Plänen zu entscheiden.“

In der Mittagspause wird weiter gearbeitet

Zeit fürs Mittagessen. Das Wort „Pause“ wäre unzutreffend. Im Kaufland neben dem Rathaus, beim Bäcker gegenüber oder beim China-Imbiss holt Schäfer sich meist seine Energieration. Gegessen wird am Schreibtisch und nebenher etwas gelesen oder erledigt.

„Ich habe ja manchmal auch Termine, die mit einem Mittagessen verbunden sind.“ Das betrachte er dann als Pause, auch wenn’s meist bei Tisch um die Arbeit geht.

Ich überlasse den Bürgermeister seinem Salamibrötchen mit frischer Avocado und Obst als Begleitern. Der Fahrer wird ihn nach dem bescheidenen Mahl im Dienst-Audi nach Münster und zurück chauffieren. Das erlaubt Schäfer, unterwegs Akten zu studieren, sich vorzubereiten oder Telefonate zu führen.

Nur die Möbel haben mehr Dienstjahre auf dem Buckel als der Mann, der daran sitzt. Seit Bezug des Rathauses 1976 ist das Chefzimmer quasi unverändert - aber der Tisch hat ausgedient: Nachfolger Bernd Schäfer kann mit seinem Gardemaß von über zwei Metern daran nicht mal sitzen, geschweige denn arbeiten.

Apropos Akten: Dieses Sinnbild jedweder Behördentätigkeit bearbeitet der erste Mann im Rathaus zwischendurch, stapelweise und effizient. Sobald Rosi Pietrangeli neue Mappen auf dem Beistelltischchen abgelegt und sich Gelegenheit bietet, zückt Roland Schäfer den roten Stift, mit dem hier nur einer schreibt – und legt los.

 „Ich werde bis zum letzten Tage Vollgas geben. Und ich bin auch nicht von der Bildfläche verschwunden

Roland Schäfer

Wird ihm das nicht fehlen? Schäfer wiegelt ab: „Ich werde bis zum letzten Tage Vollgas geben. Und ich bin auch nicht von der Bildfläche verschwunden.“ Natürlich werde das komisch werden. „Aber man muss die Aufgabe ernst nehmen, nicht sich selber“, sagt Schäfer noch. Aber natürlich habe er sich seinen Abschied vom schönsten Beruf der Welt anders vorgestellt. All die „letzten Male“ – von Corona hinweg gefegt: das letzte Hafenfest, die Abschiedsbesuche bei der Feuerwehr, ein gebührendes Adieu bei den Partnerstädten – überhaupt die Begegnungen. „Das geht alles nicht.“

Was aber geht, ist der letzte Auftritt ab 17 Uhr vor dem Behindertenbeirat. „Rückblick auf die Entwicklung Bergkamens, mündlicher Bericht des Bürgermeisters“ ist sein Punkt. Schäfer hat’s rechtzeitig aus Münster hierher geschafft. Um 18.30 Uhr muss er in der Schützenheide reden. Er weiß die Zeit dazwischen zu nutzen für einen Parforceritt durch die Anstrengungen seiner Stadt, Menschen mit Behinderungen das Unterwegssein in Bergkamen leichter zu machen. Es sei Einiges geschafft, aber ängst nicht genug erreicht. Ausdrücklich ermuntert der Bürgermeister die Vertreter, „Politik und Verwaltung mit Ihren Anliegen ruhig ein bisschen auf die Nerven zu gehen“. Er weiß halt, wie’s funktioniert.

So hat es einmal angefangen: Heinrich Kook (links), im selben Jahr von Wolfgang Kerak abgelöster Bürgermeister von Bergkamen, nahm Roland Schäfer 1989 feierlich den Eid als Stadtdirektor ab.

Das ist auch unausgesprochenes Motto beim letzten Termin des Tages. Vortrag bei den Lions, Präsident Christian Fastenrath und der Activity-Beauftragte Markus Masuth heißen Schäfer ein letztes Mal willkommen – als amtierenden Bürgermeister, versteht sich. Lebengefährtin Barbara Hensel ist schon vor dem Referenten da, Laptop und Beamer laufen: 30 Jahre Bergkamen – Roland Schäfer braucht kein Script, er steht dafür mit Leib und Seele.

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