Ehrenamtliche Helfer gesucht

Gisela Mensching arbeitet seit Jahren im Kinder- und Jugendhospizdienst

Gisela Mensching
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Gisela Mensching betreut inzwischen das zweite Kind für den Hospizdienst.

Der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst Kreis Unna könnte seine wichtige Arbeit nicht machen ohne seine ehrenamtlichen Helfer. Jetzt sucht er wieder Mitarbeiter und bietet einen Vorbereitungskurs an. Gisela Mensching aus Bergkamen ist seit Jahren dabei und erzählt von ihrer Arbeit.

Rünthe – Donnerstags hat Gisela Mensching keine Zeit. Die Bergkamenerin ist verabredet. Seit vier Jahren besucht die Mitarbeiterin des Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Kreis Unna (AKHD) an diesem Wochentag ein kleines Mädchen. Die beiden gehen spazieren, hören Musik, genießen das Zusammensein. Manchmal liest die 73-Jährige vor oder singt für ihre Zuhörerin. Einstimmen kann die Kleine nicht. Sie kann nicht sprechen – ebenso wenig wie lesen, laufen oder alleine essen. Das Kind ist mehrfach behindert. Gisela Mensching findet dennoch einen Weg, um sie zu erreichen. Die Stunden mit ihr sind für sie ganz besonders kostbar.

„Das könnte ich nicht“, sagen viele

„Das könnte ich nicht“ ist dabei oft das Erste, was sie hört, wenn sie von ihrem Ehrenamt erzählt. Dann muss die Bergkamenerin aufklären. „Die meisten denken bei Hospizarbeit an sterbende Kinder.“ Im Gegensatz zum Hospizdienst für Erwachsene, die in der letzten Phase ihres Lebens begleitet werden, ist es beim Kinder- und Jugendhospizdienst aber eher selten, dass Kinder in der Betreuung sterben. Die meisten haben lebensverkürzende Krankheiten, für die es keine Heilung gibt. Oft werden die Mädchen und Jungen sowie teils ihre Familien bis ins Erwachsenenalter hinein von den Ehrenamtlichen begleitet. Und nicht immer betreuen die Mitarbeiter die kranken Kinder.

Vorbereitungskursus für ehrenamtliche Mitarbeiter

Der Ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst (AKHD) Kreis Unna begleitet seit 2004 lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche mit ihrer Familie. Zurzeit kümmern sich die fast 70 überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiter um 52 Kinder, Jugendliche und Familienangehörige. Sie begleiten sie in der Regel für drei bis fünf Stunden in der Woche. Ihr Ziel ist es, die Betroffenen praktisch zu unterstützen und die Familien im Alltag zu entlasten. Doch auch im Büro und in der Öffentlichkeitsarbeit des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes wird Hilfe benötigt. Vor ihrem Einsatz erhalten die Ehrenamtlichen eine Ausbildung.

Ein neuer Vorbereitungskursus für ehrenamtliche Mitarbeiter beginnt am Mittwoch, 3. November, in Unna. In circa 80 Unterrichtsstunden mittwochsabends von 18 bis 21 Uhr sowie an einigen Terminen freitags von 18 bis 21 Uhr und samstags von 10 bis 17 Uhr werden die Teilnehmer bis Ende Februar für ihren Einsatz geschult. In dem Kursus geht es unter anderem um die Grundlagen der Kinderhospizarbeit, rechtliche Hintergründe, Trauer und Kommunikation. Die Teilnahme ist kostenlos. Willkommen sind Frauen und Männer ab 18 Jahren. Alle Interessierten sind vorab zum Informationsabend am Dienstag, 21. September, um 18 Uhr, in die Räume des AKHD an der Gabelsberger Straße 5 in Unna eingeladen. Es gelten die 3-G-Regeln.

Weitere Informationen gibt es unter den Telefonnummern 0 23 03/94 24 90 und 0 23 03/9 62 74 62 sowie per E-Mail an Unna@deutscher-kinderhospizverein.de.

„So wie die Familien Wünsche äußern können, so dürfen die Mitarbeiter ebenso sagen, mit welcher Aufgabe sie sich am wohlsten fühlen“, erklärt Andrea Welsch. Sie ist Koordinationsfachkraft beim AKHD und organisiert die Einsätze. Manche Ehrenamtliche unterstützen den Hospizdienst etwa ausschließlich in der Öffentlichkeitsarbeit, an Informationsständen oder im Büro. Andere möchten die Mütter und Väter der kranken Kinder entlasten oder sich den Geschwistern widmen. Jede Hilfe ist gleich wichtig. „Die Situation ist schließlich für die ganze Familie belastend“, stellt Andrea Welsch fest.

Seit zwölf Jahren dabei

Gisela Mensching hat sich nach dem Vorbereitungskursus für die Begleitung eines Geschwisterkindes entschieden. Das war vor zwölf Jahren. Ihr Schützling kam damals gerade in die Schule. Wie stark ihm die Krankheit seiner Schwester zusetzte, war für sie deutlich zu spüren. Deshalb wollte die Rüntherin ihm gerne ein Stück Unbeschwertheit schenken, eine Pause von seiner fordernden Aufgabe als großer, Rücksicht nehmender Bruder. Die Ehrenamtlerin holte den Jungen von der Schule ab, half bei den Hausaufgaben, ging mit ihm spazieren oder spielte mit ihm Gesellschaftsspiele. Ab und zu gesellte sich ihr Enkelsohn dazu, und die beiden Kinder fuhren mit dem Skateboard oder tobten auf dem Spielplatz.

Schnell wurde Gisela Mensching in die Familie integriert. Das hatte für sie sehr schöne Seiten, aber auch einige schattige. „Die Eltern mussten sich erst mal damit abfinden, ein lebensverkürzend erkranktes Kind zu haben. Und man bekommt natürlich alles mit – alle Probleme“, stellt sie fest.

Ein Geschwisterkind bis zum Teenageralter betreut

Die ehemalige Verwaltungsangestellte spürte, wie wichtig die Begleitung für die Familie war. Für die junge Mutter wurde sie zum Beispiel schnell zur Vertrauten, zur „Ersatzmutti“. Und ihr junger Schützling freute sich offensichtlich jedes Mal über die Treffen. „Es ist ein gutes Gefühl, Zeit zu schenken, die die Eltern nicht haben“, stellt die Bergkamenerin fest. Auch mit der kranken Schwester verbrachte sie Zeit. „Ich bin dann mit beiden Kindern auf den Spielplatz gegangen“, erzählt die Rentnerin. Das Mädchen wurde ansonsten von einer ehreamtlichen Kollegin begleitet, die beiden waren zu zweit in der Familie eingesetzt.

Als der Sohn ins Teenageralter kam, hatte die Hozpizmitarbeiterin aber das Gefühl, dass er nur ihr zuliebe die Verabredungen einhielt. „Ich kann mit einem 14-Jährigen nicht immer Skipbo, ein Kartenspiel, spielen. Das ist ihm zu langweilig.“ Nach Rücksprache mit der Familie und dem AKHD beendete sie schließlich nach sieben Jahren die Begleitung. Kontakt hält die Bergkamenerin aber bis heute mit der Familie.

Jetzt betreut sie ein siebenjähriges Mädchen

Gisela Mensching meldete sich anschließend für die nächste Betreuung. Dieses Mal wollte sie ein Kind begleiten, das in der Lebensarche Königsborn lebt, einer Einrichtung für schwerst mehrfach behinderte Kinder- und Jugendliche. „In einer Familie bekommt man hautnah alles mit. Das hat mir einige schlaflose Nächte bereitet“, berichtet die 73-Jährige. Das ist bei den Bewohnern der Lebensarche anders.

Ihr jetziger Schützling ist mittlerweile sieben Jahre alt. Das Mädchen verbringt die Wochenenden Zuhause bei ihrer Familie, unter der Woche lebt sie in der Einrichtung. Sie wurde mit einer genetisch bedingten Entwicklungsstörung geboren. Doch auch wenn das Kind nicht sprechen kann, weiß Gisela Mensching inzwischen ganz genau, was ihr gefällt. Kleine Gesten, die Mimik und leuchtende Augen verraten es ihr. „Sie hört unglaublich gern Musik“, schildert sie. „Und ich merke ganz genau, wie es ihr geht.“ Hat das Mädchen einen guten Tag, ist die Senioren gleichfalls glücklich. „Ich freue mich immer, wenn die Pfleger zu ihr sagen ‘Du hast aber gute Laune’, wenn ich mit ihr von einem Spaziergang zurückkomme.“ Die Eltern der Siebenjährigen sind dankbar, dass ihre Tochter diese liebevolle Begleitung bekommt. Sie stehen mit Gisela Mensching in engem Kontak.

Das Ehrenamt ist eine Bereicherung

Das Ehrenamt empfindet die 73-Jährige als echte Bereicherung. „Ich finde es richtig gut, mit meiner Zeit etwas Sinnvolles zu machen. Ich habe das noch nie bereut.“ Zum Hospizdienst kam sie 2009 durch einen Zeitungsartikel. Darin wurde ein neuer Vorbereitungskursus für künftige Mitarbeiter angekündigt (siehe Kasten). Die Rentnerin wollte etwas Sinnvolles in ihrer freien Zeit tun, Gutes bewirken. „Als ich den Aufruf vom Hospizdienst gelesen habe, habe ich sofort gedacht, dass das etwas für mich wäre.“ Ihre erwachsenen Töchter waren hingegen zunächst skeptisch. „Sie konnten sich wenig darunter vorstellen“, berichtet Gisela Mensching. Jetzt steht die ganze Familie hinter ihrem Einsatz. „Sie finden es richtig gut.“

Im Ruhestand zu sein, ist übrigens keine Voraussetzung für das Ehrenamt. „Wir haben viele Berufstätige unter den rund 70 Mitarbeitern“, berichtet Andrea Welsch. Die Helfer können selbst entscheiden, wie viel Zeit sie in die Hospizarbeit stecken können und wollen. In der Regel sind es drei bis fünf Stunden pro Woche. Wer nur zwei Stunden erübrigen kann, ist ebenfalls willkommen. Darüber hinaus bieten die Organisatoren einmal monatlich Treffen für die Ehrenamtlichen an, in denen sie sich austauschen können, Probleme besprechen oder Ideen vorstellen. Wer fachliche Unterstützung benötigt, kann sich zudem jederzeit an das Team wenden.

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