100 Politik-Interessierte auf Schacht-III-Parkplatz

Eher sachlich als kühn, dennoch kurzweilig: Die Kandidaten-Runde in Rünthe

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Vier Kommunalpolitiker bewerben sich bei der Kommunalwahl am 13. September um das Amt des Bürgermeisters. Beim „Aktionskreis Wohnen und Leben“ in Rünthe stellten (von links) Werner Engelhardt (BergAuf), Thomas Grziwotz (Bündnis 90/Die Grünen), Thomas Heinzel (CDU) und Bernd Schäfer (SPD) ihre Pläne für Bergkamen vor. Rund 100 Interessierte kamen.

Rünthe – Wer einen harten politischen Wettstreit erwartete, wurde enttäuscht: Die Elefantenrunde mit den vier Bürgermeisterkandidaten für Bergkamen am Montag in Rünthe war eher von Sachlichkeit geprägt denn von ausgeprägter Kampfeslust der Amtsanwärter. Aber auch das hatte seinen Reiz.

Kommunalpolitik interessiert. Das war die erste Lektion des Abends. 60 Stühle hatte der Gastgeber, der „Aktionskreis Wohnen und Leben“, auf dem neuen Parkplatz am Schacht-III-Gebäude aufgestellt, in vorgeschriebenem Corona-Abstand. Sie alle waren besetzt. Dazu verfolgten noch rund 40 Stehgäste das mehr als zweistündige Geschehen. Auffällig: Die Zuhörer gehörten vor allem den älteren Generationen an.

Der Polit-Talk unter freiem Himmel war klar strukturiert: Zunächst stellten sich die Kandidaten in Fünf-Minuten-Statements einzeln vor, dann gab Moderator Karlheinz Röcher vom Arbeitskreis Themen vor, die dem einladenden Verein wichtig sind. Etwas munterer wurde es gegen Ende, als die Bürger Fragen stellen konnten.

Redezeit nach Stoppuhr: Keiner der Bürgermeisterkandidaten sollte übervorteilt werden.

Eine davon war die nach der Unterstützung der örtlichen Vereine – und diese führte zu einem der wenigen konkreten Versprechen des Abends. Bernd Schäfer (SPD) kündigte an, im Rathaus eine zentrale Anlaufstelle zur Beratung von Ehrenamtlern zu schaffen, falls er gewählt werde. Die Spitzenkandidaten der drei Oppositionsparteien im aktuellen Stadtrat hingegen verwiesen des Öfteren auf abgeschmetterte Anträge in der Vergangenheit.

Thomas Heinzel (CDU) etwa erneuerte die Forderung seiner Partei, zur Senkung der vergleichsweise hohen Abwassergebühren in Bergkamen endlich die kalkulatorischen Zinsen von aktuell 6,25 Prozent zu reduzieren. Grünen-Vertreter Thomas Grziwotz sprach sich für ein Ende des Flächenfraßes aus, damit Bergkamen als grüne Stadt Lebensqualität behalte. Werner Engelhardt von BergAuf meinte mit Blick auf die Umwandlung von Ex-Bergbau- in Wohnflächen an den Standorten Haus Aden und Grimberg 3/4, die Stadt dürfe sich nicht mehr zum „Erfüllungsgehilfen der RAG“ machen, die an dieser Entwicklung bestens verdiene.

Der Klimaschutz

Das Thema ist längst kein grünes mehr. In der Vorstellungsrunde erklärten es alle Kandidaten zu einem ihrer Schwerpunkte und sprachen sich für die Stärkung von Radverkehr und ÖPNV aus. Besonders Schäfer und Heinzel verwiesen später aber auch auf die Verantwortung des Einzelnen. Sie sollten sich etwa nach Fördergeldern zur Modernisierung ihrer Heizung erkundigen oder auch das eigene Mobilitätsverhalten reflektieren.

Der Ausbau von erneuerbaren Energien war einer von mehreren Punkten, die der Aktionskreis ansprach – und mit klaren Vorstellungen versah. So können sich die Aktiven die Nutzung der Halde „Großes Holz“ zur Stromgewinnung vorstellen, wobei auch Genossenschaftsmodelle umgesetzt werden könnten. Dieser Vorschlag fand lediglich bei Engelhardt Anklang, dem keine großen Windräder, dafür aber „vertikale Anlagen“ vorschweben.

Die anderen Kandidaten plädierten dafür, dass die Halde des RVR ausschließlich Freizeit- und Erholungsstätte bleibt. Schäfer sprach die Sanierungen städtischer Gebäude an („Nur das Rathaus ist noch eine große Dreckschleuder“), Heinzel nannte die Beteiligung der Gemeinschaftsstadtwerke (GSW) zum Beispiel an Offshore-Anlagen einen richtigen Weg, Grziwotz sieht nach Stilllegung des Kohlekraftwerks in Heil an diesem Standort Chancen für die Wasserstoff-Technologie. „Wir müssen wohl noch sehr dicke Bretter bohren“, lautetet Röchers Schlussfolgerung.

Der Marktplatz in Rünthe

Der Aktionskreis richtete auch den Blick auf die Stadtteilentwicklung und insbesondere auf den brachliegenden Marktplatz Rünthe, der nicht weitere 20 Jahre so aussehen sollte wie heute. Dafür habe die Politik zu sorgen, meinte Röcher.

Diese allerdings spielte den Ball am Montag an den Eigentümer Vivawest weiter. Das Unternehmen sei selbst gefordert, für die Beseitigung der Altlasten im Boden zu sorgen, um wie geplant Wohnbebauung zu ermöglichen, hieß es. Die Stadt, einst Verkäuferin der Fläche, könne nur aktiv werden, sofern sie am Ende nicht draufzahle.

Das Gewerbe

Mehrfach wurde bedauert, dass mit der Ansiedlungen von Logistikunternehmen in Bergkamen nur vergleichsweise wenige Arbeitsplätze geschaffen werden konnten. Gleichzeitig wiesen die Kandidaten auf die begrenzten Flächen für Neuansiedlungen hin. Einem neuen Gewerbegebiet zwischen Rünthe und Overberge erteilten Schäfer, Heinzel und Grziwotz eine Absage. Heinzel kann sich dafür „nicht störendes Gewerbe“ in der Marina-Nord (frühere Gärtnerei Storbeck) vorstellen, Schäfer nicht. Er verwies auf Pläne im Zusammenhang mit der IGA 2027, wonach die Fläche der Freizeitnutzung dienen soll. Bekanntlich gibt’s unter anderem die Idee, dort Ferienhäuser zu errichten.

Das Freizeitbad

Bei diesem Thema redete sich Engelhardt leicht in Rage. Er wehre sich dagegen, im Zusammenhang mit Bädern immer nur von Kosten zu sprechen, schließlich seien sie Teil der Daseinsvorsorge und immer weniger Kinder könnten schwimmen. Dass der Rat mit den Stimmen von SPD und CDU den GSW kurz vor Ende der Legislaturperiode bis zu 27 Millionen Euro Zuschuss für einen Bad-Neubau bewilligt hat, bezeichnete er als „skandalös“ – und die erhoffte Einsparung durch das gewählte Steuersparkonstrukt als „Trickserei“. Mit ihm an der Verwaltungsspitze werde im Rathaus ein anderer Wind wehen, kündigte Engelhardt an.

Am Ende des Abends blieb der Erkenntnis, dass alle Kandidaten das Beste für Bergkamen wollen, ihre Wege dorthin aber doch unterschiedlich sind. Und es waren die Anwärter selbst, die darauf hinwiesen, dass die wichtigen Entscheidungen nicht im Büro des künftigen Bürgermeisters fallen, sondern im Stadtrat – bei den Kommunalwahlen am 13. September also die Stimme für den jeweiligen Kandidaten im Wahlbezirk wichtig ist.

Der „Aktionskreis Wohnen und Leben Bergkamen e.V. als Gastgeber der Talk-Runde hatte weitere Unterstützung aus dem Ort. So half der SuS Rünthe bei der Herrichtung des Parkplatzes für die Veranstaltung mit, die örtlichen Schützen kümmerte sich um der Versorgung der Gäste mit Getränken und der TLV Rünthe brachte seine Stoppuhr mit. Nur selten musste Moderator Karlheinz Röcher die Bürgermeisterkandidaten ermahnen, sich an ihre jeweilige Redezeit zu halten.

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