Die Grimberg-Katastrophe vom 20. Februar 1946

„Viele hätten überleben können“: Dr. Michael Farrenkopf zur Tragik des Grubenunglücks in Bergkamen

Dr. Michael Farrenkopf, Jahrgang 1966, ist promovierter Historiker und Leiter des montanhistorischen Dokumentationszentrums am Deutschen Bergbaumuseum in Bochum. Er ist führender Wissenschaftler für die montanhistorische Sicherheitsforschung.
+
Dr. Michael Farrenkopf, Jahrgang 1966, ist promovierter Historiker und Leiter des montanhistorischen Dokumentationszentrums am Deutschen Bergbaumuseum in Bochum. Er ist führender Wissenschaftler für die montanhistorische Sicherheitsforschung.

Am Samstag jährt sich zum 75. Mal der Jahrestag des Grubenunglücks auf der Zeche Grimberg 3/4 in Bergkamen-Weddinghofen. Das schreckliche Ereignis, das 405 Bergleute das Leben kostete und viele Familien ins Unglück stürzte, hat sich tief in das kollektive Gedächtnis der Bevölkerung eingebrannt. Bis heute ranken sich viele Legenden und Gerüchte um die Grimberg-Katastrophe vom 20. Februar 1946. WA-Autor Manuel Izdebski hat mit dem Historiker Dr. Michael Farrenkopf vom Deutschen Bergbaumuseum in Bochum gesprochen, um das Ereignis historisch einzuordnen.

Herr Dr. Farrenkopf, welche Bedeutung hat das Grimberg-Unglück für die Geschichte des Steinkohlebergbaus?
Dr. Farrenkopf: In einer langen historischen Betrachtung müssen wir das Grubenunglück auf Grimberg 3/4 als das schwerste Unglück in der Geschichte des deutschen Bergbaus einordnen. Die 405 toten Bergmänner sind die höchste Betroffenenzahl, die es jemals gegeben hat. Bedenken muss man auch die zeitlichen Umstände so kurz nach dem Krieg. Im Grunde war das noch Bergbau unter Kriegsbedingungen, denn die Zechen standen unter alliierter Kontrolle. Ohne Zweifel war Grimberg die schwerste Grubenkatastrophe im Steinkohlebergbau.
Bis heute ist die eigentliche Ursache für das Unglück nicht bekannt. Was ist denn die gängigste Theorie, oder gibt es gar neuere Erkenntnisse?
Dr. Farrenkopf: Neuere Erkenntnisse gibt es nicht, aber plausible Annahmen. Schlagwetterexplosionen waren im Bergbau gang und gäbe. Grimberg war dafür bekannt, eine gasende Grube zu sein. Schon im Jahre 1944 war es zu einer Explosion gekommen. Dabei starben 107 Bergleute, darunter viele Zwangsarbeiter. Aber tatsächlich ist das Grimberg-Unglück nicht wirklich unter einer montanhistorischen Risikoabschätzung erforscht worden.
Das größte Grubenunglück in der Geschichte des deutschen Bergbaus ist historisch bis heute nicht wirklich erforscht?
Dr. Farrenkopf: Das ist tatsächlich so. Grubensicherheitsforschung ist bisher für die Katastrophen des 19. Jahrhunderts erfolgt. Meine eigene Dissertation handelt davon. Für Grimberg hat es immer wieder mal Überlegungen gegeben, aber dabei ist es geblieben. Ich bedauere das selbst. Hinzu kommt die Frage der Quellen. Möglicherweise müsste man gucken, was man dazu in England noch findet, denn Grimberg unterstand zur Zeit des Unglücks der britischen Besatzung. Insgesamt gibt es zu den Unglücksfällen des 20. Jahrhunderts leider wenig Forschung.
In Bergkamen hat man immer erzählt, dass die Engländer kein großes Interesse an der Ursachenforschung für das Unglück hatten. Schnell sei „der Deckel draufgemacht“ worden ...
Dr. Farrenkopf: Das ist ein typischer Reflex. Auch die Bergbauunternehmer oder die Bergbehörden hatten früher nie ein sonderliches Interesse daran, solche Fälle in der Breite zu untersuchen. Die Frage der Schuld war für die Hinterbliebenen oder für die Bevölkerung viel wichtiger, um so ein schreckliches Ereignis zu fassen.
Nach dem Unglück wurde zunächst von einem möglichen Sabotageakt geredet. Wie denkt man in Fachkreisen darüber?
Dr. Farrenkopf: Die Spekulation um eine Sabotage war wohl der Stimmung dieser Zeit geschuldet. So kurz nach der Beendigung des Krieges von einer fremden Macht besetzt zu sein, befördert Gerüchte. Das war ein destabilisierendes System. Aber warum sollten sich die Deutschen das einzige Gut selbst nehmen, das sie nach dem Krieg noch besaßen und dringend zum Überleben brauchten?
Bis heute wird erzählt, dass Sicherheitsmaßnahmen zugunsten einer massiven Kohleförderung vernachlässigt wurden. Wie ordnet das der Fachmann ein?
Dr. Farrenkopf: Sicherlich bestand das Primat der Produktion. Schon ab 1941/42 wurde reiner Raubbau betrieben. Kohle war kriegswichtig. Deshalb hat man aber nicht großzügig auf Sicherheit verzichtet. Die Bergleute waren nicht dumm und wussten, was zum Schutz und zur Sicherheit zu tun ist. Wir unterscheiden den präventiven Schutz, um ein Unglück zu verhindern und den konstruktiven Schutz, um sich im Unglücksfall möglichst retten zu können. Vermutlich spielte das Bewusstsein für Sicherheit nicht mehr eine so große Rolle, wenn Bergbau unter Kriegsbedingungen stattfand. Beim Grimberg-Unglück ist die Explosion breit durch die Grube gelaufen. Die meisten Bergleute werden erstickt sein, weil sie keine Luft mehr zum Atmen hatten.
Welche Konsequenzen hatte das Grimberg-Unglück für den deutschen Bergbau?
Dr. Farrenkopf: Nach dem Ereignis auf Grimberg 3/4 wurde die Rettungslogik im Bergbau an zwei entscheidenden Stellen reformiert. Die Atemschutzgeräte der Grubenwehren, die bis dahin nur für zwei Stunden ausreichten, bekamen eine längere Haltezeit von mindestens vier Stunden. Die zentrale Konsequenz war aber die verpflichtende Einführung eines CO-Filters für alle Bergmänner und sogar für Bergwerksbesucher. Die Geräte, die auch Selbstretter genannt werden, gab es schon vor dem Ersten Weltkrieg. Sie wurden aber nicht eingesetzt, weil sie zu groß waren, obwohl im Falle eines Unglücks jeder Bergmann vor Ort noch eine Stunde hätte atmen und sich retten können. Nach dem Grimberg-Unglück wurde der Selbstretter optimiert, damit er stets am Mann getragen werden konnte. Anfang der 1950er Jahre wurde er probeweise im Bergbau getestet und dann verpflichtend. Das ist eine direkte Konsequenz aus der Katastrophe. Die Tragik beim Grimberg-Unglück ist, dass mit dem CO-Filter eine große Anzahl der verunglückten Bergleute hätte überleben können.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare