Digitales Lernen an Bergkamener Schulen

Distanzunterricht: Schulen ziehen erste positive Bilanz, aber einige Kinder „verlieren wir“

Wegen des Distanzunterrichts bleibt der Schulhof der Willy-Brand-Gesamtschule derzeit leer. Immerhin funktionieren die erarbeiteten Konzepte zum digitalen Lernen in Bergkamen nach Angaben der Direktoren.
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Wegen des Distanzunterrichts bleibt der Schulhof der Willy-Brand-Gesamtschule derzeit leer. Immerhin funktionieren die erarbeiteten Konzepte zum digitalen Lernen in Bergkamen nach Angaben der Direktoren.

Distanzunterricht taugt schon jetzt zum Unwort des Jahres. Keiner mag ihn so richtig, weil viele Dinge, die im Lernen in der Schule einfach so mitlaufen, nicht möglich sind, vor allem natürlich der persönliche Kontakt. Nach einer Woche ziehen die Direktoren in Bergkamen aber zumindest ein positives Fazit.

Bergkamen – Die Schulen und Lehrer haben sich angepasst, im vergangenen Jahr Arbeitsgruppen erstellt und Konzepte entwickelt, sich mit den Eltern beziehungsweise deren Vertretern und den Schülern ausgetauscht. Außerdem investierten die Kollegien viel Zeit, um sich fortzubilden. So soll das, was 2020 im Lockdown noch rumpelte, auf stabilere Füße gestellt werden. Die einhellige Meinung: Die gemachten Erfahrungen – auch aus den Zeiten, in denen Klassen in Quarantäne waren – helfen nun, wo die Schüler erneut von zuhause aus arbeiten müssen.

„Es läuft recht gut. Ich finde schon, dass es immer besser wird“, meint Bärbel Heidenreich, Direktorin am Gymnasium. „Wir entwickeln uns ständig weiter“, ergänzt Jörg Lange. Immer noch sei aber viel Improvisation nötig. Der Direktor der Realschule Oberaden lobt wie seine Kollegen die Schüler und das Engagement der Eltern. „Da kann ich nur den Hut vor ziehen.“

Als „zu 80 Prozent hervorragend“ beschreibt Dr. Jennifer Lach von der Gesamtschule den digitalen Start ins Jahr. Hier wurde am Mittwoch mit dem Unterricht begonnen, die Tage zuvor zur Absprache zwischen Lehrern und Schülern genutzt. „Unser Konzept zahlt sich aus, wir haben eine gute Struktur, die gelobt wird“, freut sie sich. Maria Büse-Dallmann, zuständige Dezernentin der Bezirksregierung Arnsberg, möchte es sogar dem Ministerium als Musterbeispiel zuschicken.

Seit den Herbstferien sitze das Kollegium an dem „Mammutprojekt“ zum digitalen Lernen, so Lach. Kernaspekte waren die Kommunikation der Beteiligten, die Übermittlung der Unterrichtsinhalte und die Leistungsmessung. „Das sind die vulnerablen Bereiche“, sagt Lach.

Technische Ausstattung nicht überall gleich

Jörg Lange zieht ebenfalls ein positives Fazit, schränkt aber mit einem „unter den gegebenen Bedingungen“ ein. So gut aufgestellt wie das Gymnasium ist die Realschule und deren Schülerschaft nicht. Er berichtet von Kindern und Jugendlichen, die sich ein Endgerät mit ihren Geschwistern teilen müssen oder mit dem Mini-Bildschirm des Handys an den Videokonferenzen teilnehmen müssen. „Wir freuen uns auf die geplanten iPads, darauf warten wir dringend“, sagt Lange über die Geräte, die bei Bedarf von den Schulträgern zur Verfügung gestellt werden sollen.

Lach macht sich ebenfalls Sorgen. „Es gibt Kinder, die wir verlieren“, sagt sie klipp und klar. Manche könnten die Lehrer gar nicht erreichen, andere versuchten irgendwie, mit dem Smartphone dem Unterricht zu folgen. Bei ein paar Schülern rufe man mittags an und klingele die Eltern aus dem Bett.

Einheitlichkeit ist wichtig

Ein wichtiges Thema am Gymnasium war die Kommunikation, weshalb das Kollegium darauf achtet, dass alle einheitlich Kontakt aufnehmen. „Das haben die Eltern immer wieder eingefordert“, spricht Heidenreich von einer gewünschten Erleichterung. Auch Strukturen wären im Distanzunterricht wichtig. So erhalten die fünften und sechsten Klassen Wochenpläne, während die Siebener bis Neuner diese selbstständig erstellen sollen.

Von Vereinheitlichung spricht auch Realschulrektor Lange. Eine wichtige Regel: Um 15.30 Uhr wird das digitale Gerät – zumindest für den Schulbetrieb – aus der Hand gelegt. Damit soll ein fester Feierabend für beide Seiten sichergestellt werden.

Für Grundschulkinder ist Distanzunterricht schwieriger

Bedeutend schwieriger ist aufgrund des Alters der Distanzunterricht an den Grundschulen. „Wochenpläne, das würden unsere Kleinen gar nicht hinkriegen“, sagt Rektorin Heike Prochnow von der Freiherr-von-Ketteler-Schule in Rünthe. Der Stundenplan, Materialien und weitere Informationen werden für die Klassen auf „Padlet“ eingestellt, Arbeitsblätter liegen aber auch in der Schule zur Abholung bereit. Für Videokonferenzen wird „Jitsi“ benutzt. „Am Montag brach einiges zusammen“, berichtet Prochnow wie auch andere. Anschließend hätten ihr Lehrer und Elternvertreter aber positive Rückmeldungen zum im Vorfeld vorgestellten Konzept gegeben.

Die Videokonferenzen werden in Rünthe in Kleingruppen aufgeteilt, der Unterricht der Klassen findet also zeitversetzt statt. Bei den i-Männchen verzichtet die Ketteler-Schule auf Distanzunterricht, stattdessen werde viel mit analogen Materialien gearbeitet. Der Montag diene dabei zum Austausch, erläutert Prochnow: „Die Erstklässler sind massiv darauf angewiesen, dass die Eltern sie begleiten.“

Soziales Miteinander soll auch digital gefördert werden

Alle Schulen legen Wert darauf, dass die sozialen Kontakte nicht auf der Strecke bleiben. Über Jitsi können sich die Ketteler-Schüler auch nachmittags verabreden. Das Gymnasium hat beispielsweise die Stunden „Soziales Lernen“ weiter fest im Stundenplan verankert. Auch an der Gesamtschule seien gerade in den unteren Stufen die zwischenmenschlichen Komponenten wichtig. Da guckt zwischendurch einmal ein Kuscheltier in die Kamera, berichtet Lach. Die Lehrer bekommen per Video die Gelegenheit, herauszufinden, wie es den Schülern geht, und sollen auch explizit darauf achten. Acht Schüler seien derzeit in der Notbetreuung, einige davon sogar extra einbestellt, da sie sonst nicht zu erreichen seien, so Lach.

Bei einigen Grundschülern seien die technischen Voraussetzungen ebenfalls nicht gut. Von den 21 Kindern in der Notbetreuung kämen einige aus diesem Grund. Die anderen, weil die Eltern nicht zuhause bleiben können. „Mal tageweise, mal nur stundenweise, je nach Bedarf. Die Eltern handeln da sehr verantwortungsbewusst“, sagt Prochnow. In der Schule stehen derzeit ein ipad und ein Laptop zur Verfügung.

Kein Wlan und mangelnder Upload

In der pädagogischen Betreuung sind am Gymnasium momentan nur vier bis fünf Schüler. Manche der Lehrer unterrichten vom Arbeitsplatz aus. An der Gesamtschule stellte sich das aufgrund einer zu geringen Upload-Geschwindigkeit als schwierig heraus. Auch an der Realschule macht ein nicht vorhandenes Wlan und ein überhaupt schlechtes Internet laut Lange dieses Vorgehen unmöglich. In dieser Woche war dort niemand in der Notbetreuung, mit Ausnahme zweier sonderpädagogisch betreuter Kinder.

„Wir hangeln uns durch. Wichtig ist, dass wir die Kinder überhaupt erreichen“, fasst Prochnow den aktuellen Status zusammen. „Wir hätten die Schüler lieber hier in Präsenz, gerade die Abschlussklassen“, spricht Heidenreich wohl für alle.

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