Diskussion um Zukunft von Haus Aden

Kritik an Förderturm-Gutachten: „Kosten bewusst in die Höhe getrieben“

Das Schachtgerüst Haus Aden soll nach Willen des Geschichtskreises versetzt werden und so erhalten bleiben. Das wäre zu teuer, sagen SPD und Grüne mit Blick auf das seit Mittwoch bekannte Gutachten.
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Das Schachtgerüst Haus Aden soll nach Willen des Geschichtskreises versetzt werden und so erhalten bleiben. Das wäre zu teuer, sagen SPD und Grüne mit Blick auf das seit Mittwoch bekannte Gutachten.

Das „Nein“ von SPD und Grüne zur Versetzung des Schachtgerüsts Haus Aden ruft beim Geschichtskreis Haus Aden/Grimberg 3/4 große Enttäuschung hervor. Zudem formuliert dessen Sprecher Volker Wagner deutliche Kritik an dem von der Stadt in Auftrag gegebenen Gutachten. Dies gehe in keiner Weise auf die Vorschläge ein, die die Aktiven zur Rettung des Förderturms unterbreitet hätten. Der Kampf scheint noch nicht aufgegeben.

Bergkamen – Das Schachtgerüst in Oberaden sei „ein Identitätsbauwerk von historischen Ausmaßen“, heißt es in einer von Wagner verfassten dreiseitigen Pressemitteilung. Es sei ein Zeichen dafür, was die Stadt Bergkamen einst groß gemacht habe, eine „Säule der Demokratie“ und schaffe „ein Gefühl von Heimat“. So etwas reiße man nicht einfach so ab.

Vom Inhalt des Gutachtens sei man „bestürzt“, so Wagner. Bei den aufgeführten Kosten könne man denken, sie seien bewusst in die Höhe getrieben worden. Als Beispiel nannte er die prognostizierten Ausgaben für den Grundstückskauf in Höhe von 200.000 bis 300.000 Euro. Das Areal sei 4000 Quadratmeter groß, für den Förderturm genügten aber 1000 – und eigentlich bräuchte es gar keinen Grunderwerb.

Als „Tor“ zur künftigen Wasserstadt Aden könnte der Turm dienen, so die Hoffnung.

Die RAG will den Förderturm verschrotten, wenn ihn niemand haben will. Das Bauwerk soll einem Maschinenhaus zur Grubenwasserhaltung weichen. Laut Machbarkeitsstudie müssen insgesamt drei Millionen Euro für eine Versetzung veranschlagt werden. Wegen der hohen Summe in Zeiten unsicherer Haushaltslage und angesichts anderen drängenden städtischen Aufgaben lehnen SPD- und Grünen-Fraktion, die die Mehrheit im Stadtrat bilden, das Vorhaben ab – obwohl sie einen Erhalt des Bauwerks im Grunde genommen begrüßen und das Engagement des örtlichen Geschichtskreises gut heißen.

Das bekräftigte die SPD nochmals in einer Pressemitteilung von Freitag (siehe unten). Ausdrücklich weist Fraktionschef Rüdiger Weiß darauf hin, „dass sich die SPD-Fraktion der Bedeutung des Bergbaus für Bergkamen sehr deutlich bewusst ist“. Gleichwohl sei man überzeugt, dass ihm bereits eine vielfältige Würdigung zuteil werde. „Die SPD-Fraktion wird sich trotz der in diesem Sachverhalt getroffenen Entscheidung weiterhin für die Bewahrung der Bergbautradition einsetzen.“ Wo ein Wille sei, ist auch ein Weg, meint dagegen der Geschichtskreis. In seiner Stellungnahme geht er auf drei Punkte ein.

Kritikpunkt 1: Instandsetzung

Hierbei gibt es laut Wagner preisgünstigere Lösungen als die im Gutachten aufgezeigten – sowohl was die Sanierung angeht, als auch das Prozedere der Versetzung. Für einen Anstrich des Metalls könnten demnach Industriekletterer eingesetzt werden; dafür fielen – wie in einem vor einem Jahr eingereichten Kostenvoranschlag aufgeführt – rund 26.000 Euro an Arbeitslohn an. Die vorgesehene Behandlung durch Sandstrahlung koste hingegen mehr als 100.000 Euro, weiß Wagner.

Er zeigt sich auch verwundert, dass der Förderturm in kleinere Einzelteile zerlegt werden soll und dann – wie er von der Stadt erfahren habe – auf dem Monopol-Gelände zwischengelagert werden soll. Das führe zu einer „immensen Kostenexplosion“. Eine Zerlegung in größeren Teilen sei möglich, Krankapazitäten vorhanden – und auf dem 55 Hektar großen Areal der künftigen Wasserstadt Aden sollte genügend Platz zum Lagern des demontierten Gerüsts vorhanden sein. All das rechne der Gutachter aber nicht durch.

Kritikpunkt 2: Standort

Der Geschichtskreis und darüber hinaus die IG BCE-Ortsgruppe, deren Vorsitzender Wagner auch ist, möchte das Schachtgerüst zu einem „Tor zur Wasserstadt“ machen, durch das man dann auch hindurchschreiten und -fahren kann und das begehbar bleibt, um sich das künftige Vorzeige-Quartier auch von oben aus betrachten zu können. Ein optimaler Standort ist demnach die Abfahrt des Kreisverkehres von der Jahnstraße. Damit wäre der Ankauf eines Grundstücks schlicht überflüssig.

„Wir können hier etwas Einzigartiges schaffen, das nirgendwo anders zu finden ist“, meint Wagner. Zur Kostenreduzierung könne die komplizierte Verstrebung der mittleren Korbführung weggelassen werden und durch einen im Turm sitzenden Raum etwa für Veranstaltungen und Präsentationen ergänzt werden.

Unterm Strich könne das Schachtgerüst zu einem „touristischen Anziehungspunkt“ entwickelt werden, meint Wagner. Nicht zuletzt im Zuge der IGA 2027 wäre es „ein Aushängeschild der Region“. Mit dem Erhalt des Turms würde nicht nur die Arbeit der Bergleute gewürdigt, sondern auch auf die Bedeutung des Bergbaus in Bergkamen hingewiesen.

Kritikpunkt 3: Schacht Monopol

Durch die Unterschutzstellung dieser Anlage in Mitte sei bereits ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungskultur geleistet worden, argumentieren Verwaltung, SPD und Grüne. Ein dauerhafter Erhalt dieses Schachtes ist nach Ansicht des Geschichtskreises aber alles andere als gesichert. So sei es geradezu naiv zu glauben, dass über die Industriedenkmal-Stiftung ausreichend Mittel dafür generiert werden könnten.

Viele ihrer Projekte könne die Stiftung schon jetzt nicht mehr finanzieren, und auch sie sei von öffentlichen Gelder angewiesen, verdeutlicht Wagner. „Wer da glaube, dass morgen einer um die Ecke komme mit zehn Millionen im Koffer, um Monopol in Bergkamen zu restaurieren, der glaube auch, dass ein Zitronenfalter Zitronen falte“, fügt er hinzu. Am Ende habe Bergkamen von einst neun Schachtgerüsten womöglich gar keines mehr.

„Wir können hier etwas Einzigartiges schaffen, das nirgendwo anders zu finden ist“, sagt Volker Wagner, Sprecher des Geschichtskreises (links). Im Bild von 2014 ist er zusammen mit der damaligen NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft zu sehen, die den Barbara-Stollen besuchte. Rechts: Willi Null von der IGBCE-Ortsgruppe Oberaden.

„Wir haben jetzt und auch nur jetzt die Chance, den Schacht 2 Haus Aden zu erhalten“, appelliert Wagner an die Politik. Wahrscheinlich begännen schon in drei Wochen die Abrissarbeiten. Für die Versetzung selbst müsse das Zeitfenster wieder geöffnet werden, damit in Ruhe mit Fachleuten über die weiteren Schritte gesprochen werden könne. Der Geschichtskreis könne entsprechende Experten vermitteln.

Noch könne die Stadt den Turm von der RAG übernehmen und retten, sagt Wagner. Sollte das Projekt am Ende scheitern, verfüge sie immer noch über 75.000 Euro Schrottwert.

Im Wortlaut: Die Pressemitteilung der SPD zum Förderturm

„Am Montag, den 1.02.2021, wurde allen Fraktionen die Machbarkeitsstudie zur Umsetzung, Sanierung und Instandhaltung des Schachtgerüstes Haus Aden 2 durch die Verwaltung der Stadt Bergkamen zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse der Machbarkeitsstudie wurden der SPD-Fraktion durch die Verwaltung in zwei Fraktionssitzungen umfassend erläutert. Darüber hinaus wurden Gespräche mit dem Geschichtskreis Haus Aden/ Grimberg 3/4 geführt, der sich bekanntlich für den Erhalt des Schachtgerüstes ausgesprochen hat.

Nach Austausch und Bewertung aller Informationen sowohl der Machbarkeitsstudie, als auch der Position des Geschichtskreises sind wir am Ende eines mehrstündigen Diskussions- und Beratungsprozess zu der Entscheidung gelangt, dass die SPD-Fraktion einem Erhalt des Schachtgerüsts Haus Aden 2 nicht zustimmen kann.

„Ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass sich die SPD-Fraktion der Bedeutung des Bergbaus für Bergkamen sehr deutlich bewusst ist. Es gibt in unserer Fraktion kein Mitglied, welches nicht direkt durch Beschäftigung/ehemalige Beschäftigung im Bergbau oder indirekt durch Großvater, Vater, Bruder, Onkel, Schwager usw. bei dieser Entscheidung persönlich betroffen ist. Auch in unseren mehrstündigen Diskussionen hat diese Verbundenheit großen Raum eingenommen. Am Ende ist jedoch die Weiterentwicklung der gesamten Stadt in den Blick zu nehmen. Aus diesem Grund haben wir uns letztlich gegen einen Erhalt des Schachtgerüstes Haus Aden 2 entscheiden müssen“, begründet Rüdiger Weiß die Entscheidung der SPD-Fraktion.

Ausschlaggebend für unsere Entscheidung waren die aus der Machbarkeitsstudie hervorgehenden, durch einen Kredit zu finanzierenden Gesamtkosten von 3 Mio. Euro, die den städtischen Haushalt über Jahre mit jährlich 142 T. Euro belasten würden und in denen noch keine weiteren Unterhaltungskosten berücksichtigt sind.
Vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung anstehender wichtiger Investitionen im Stadtgebiet wie z.B. dem Neubau der Jahnschule oder des Feuerwehrgerätehauses in Oberaden und weiterer erforderlicher Investitionen für Kinder- und Bildungseinrichtungen ist für die SPD-Fraktion ein solches finanzielles Engagement in Höhe von 3 Mio. Euro eine nicht zu vertretende Inanspruchnahme der Leistungsfähigkeit des städtischen Haushaltes.

In diesen Erwägungen haben wir die unsichere finanzielle Situation der Stadt Bergkamen berücksichtigt, da die Haushaltsplanung allgemeinen haushaltswirtschaftlichen Risiken aus der konjunkturellen und gesamtwirtschaftlichen Entwicklung unterliegt, die Einflüsse, durch die Corona-Pandemie ausgelöst, werden den städtischen Haushalt in den nächsten Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit negativ beeinflussen.

Des Weitern ist die SPD-Fraktion überzeugt, dass dem Bergbau in Bergkamen eine vielfältige Würdigung zuteil wird, beispielsweise durch den unter Denkmalschutz stehenden Förderturm der Zeche Monopol/ Grimberg 1/2, der Halde Großes Holz oder den im Stadtgebiet zu findenden Bergbaurelikten. Das Thema „Erinnerungskultur“ hat die SPD-Fraktion im Zusammenhang mit der Entwicklung unserer Stadt vom Damals zum Heute im Blick.

An dieser Stelle würdigen wir das große Engagement des Geschichtskreises Haus Aden/ Grimberg 3/4: der nicht nur im Stadtmuseum, sondern auch am Stadtmuseum eine dauerhafte Heimat hat. Das geschieht durch vielfältige gelungene Aktionen und Präsentation wie etwa einem Unter-Tage-Streckennachbau, einem Schildausbau mit einem Strebpanzerteilstück inklusive Kettenstück oder einer Unter-Tage-Diesellok mit Personenwagen.

Die SPD-Fraktion wird sich trotz der in diesem Sachverhalt getroffenen Entscheidung weiterhin für die Bewahrung der Bergbautradition einsetzen.“

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