Steag bewirbt sich um Stilllegungsprämien des Bundes

Mitarbeiter in Bergkamen bangen um ihre berufliche Zukunft

Die Steag GmbH betreibt das Kraftwerk in Bergkamen-Heil.
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Was mit der Anlage in Heil nach einer möglichen Stilllegung passiert ist noch offen. Möglicherweise will die Steag sie für andere Zwecke nutzen.

Bergkamen – Sechs Monate lang stiegen weder Rauchgas noch Wasserdampfwolken in den Himmel über Heil. Die Steag hatte das Kraftwerk Bergkamen von April bis September aus wirtschaftlichen Gründen außer Betrieb genommen und keinen Strom ins Netz eingespeist, wie das Unternehmen mitteilt. Jetzt laufen die Turbinen zwar wieder – aber wie lange noch?

Das Unternehmen hat sich jedenfalls um Stilllegungsprämien des Bundes beworben und hofft, gleich in der ersten Runde des Verfahrens zum gesetzlich beschlossenen Kohleausstieg zumindest mit einem seiner vier Steinkohle-Kraftwerksblöcke in NRW zum Zuge zu kommen. Ob der Standort in Heil dabei ist und den Zuschlag bekommt, soll eine Jury der Bundesnetzagentur in den nächsten Wochen entscheiden. Bis dahin muss die rund 150 Mitarbeiter zählende Belegschaft in Heil noch um die Zukunft ihres Betriebes bangen und damit in Ungewissheit über ihr eigenes berufliches Schicksal leben.

„Die Stimmung bei den Kollegen ist sehr angespannt. Sie wissen nur, dass die Steag ein Gebot für die erste Versteigerung abgegeben hat. Mit welchem Kraftwerksblock sich das Unternehmen an der Stilllegungsauktion beteiligt, wissen sie nicht“, sagt Bernd Hagemeier. Der Vorsitzende des Konzernbetriebsrates und der Arbeitnehmervertretung in Heil wird als Mitglied des Steag- Aufsichtsrates zwar informiert sein, darf aber nichts dazu sagen. „Da ist zwischen allen Beteiligten absolutes Stillschweigen vereinbart. Das gilt auch für mich“, betont er. „Das ist für unsere Kollegen bis zum 1. Dezember leider wie Glaskugel gucken“, ergänzt Hagemeier.

Laut Pressemitteilung der Steag GmbH kommen aktuell überhaupt nur zwei Kraftwerke des Essener Stromversorgers für die Teilnahme an dem Verfahren zum Kohleausstieg infrage: Das sind die Standorte in Herne und Bergkamen. Die erst 2013 in Betrieb genommene Anlage Walsum in Duisburg bleibt bei den Schließungen vorerst außen vor.

Erste Auktionsrunde läuft

Während das Unternehmen in Heil seit 2016 nur noch elektrische Energie erzeugt, wird im Heizkraftwerk Herne auch Fernwärme ausgekoppelt. Die vier Kraftwerksblöcke der Steag im Saarland und alle übrigen Kohlekraftwerke südlich des Mains sind laut Auskunft der Bundesnetzagentur von der ersten Stilllegungsauktion ausgeschlossen. Der Auftaktrunde zur Abschaltung werden bis 2027 voraussichtlich noch sieben weitere Folgen.

Sollte die Steag GmbH schon in der ersten Auktionsrunde den Zuschlag für die staatlichen Fördergelder zum Kohleausstieg bekommen, werden spätestens ab Juli 2021 keine (gereinigten) Rauchgase aus dem 284 Meter hohen Schornstein und Wasserdampfwolken aus dem riesigen Kühlturm am Himmel zu sehen sein. „Nach der Bekanntgabe des Auktionsergebnisses am 1. Dezember müssen die ausgewählten Kraftwerke das gesetzlich verankerte Kohleverfeuerungsverbot innerhalb einer Frist von sieben Monaten umsetzen“, sagt Fiete Wulff, der Pressseprecher der Bundesnetzagentur. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass die nächste Auktionsrunde bereits am 4. Januar beginnt.

Tarifvertrag ist Voraussetzung für die Bewerbung

Um den vom Auslaufen der Kohleverstromung betroffenen Beschäftigten eine berufliche Zukunft zu bieten oder den älteren Mitarbeitern ab 58 Jahren einen sozial verträglichen Übergang in den Ruhestand zu ermöglichen, haben die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE) und die Steag ein engmaschiges Sicherheitsnetz gespannt, so IGBCE-Pressesprecher Lars Ruzic. Ein solcher Tarifvertrag ist für die Unternehmen Voraussetzung, um sich um Fördergelder bewerben zu können. Im Fall der Steag ist darin unter anderem der Ausschluss von betriebsbedingten Kündigungen und die Aufstockung des staatlichen Anpassungsgeldes auf 80 Prozent des letzten Nettoentgeltes enthalten. Was nach dem Ende der Kohleverstromung mit den Kraftwerksgebäuden und dem Gelände passiert, ist laut Auskunft des Steag-Sprechers Daniel Mühlenfeld noch völlig offen. Es sei möglich, dass das Unternehmen den Standort auch künftig noch für andere Zwecke nutzen will. Gleichzeitig ist der Standort über die Projektliste des Kreises Unna und seiner Kommunen für die Kompensation der wegfallenden Arbeitsplätze und Steuereinnahmen mit den Förder-Millionen des Bundes in den Fokus gerückt.

Lastkähne haben möglicherweise schon im April zum letzten Mal überhaupt in dem angegliederten Kohlehafen am Datteln-Hamm-Kanal festgemacht. Schiffsverkehr fand dort seitdem wegen der sechsmonatigen Sommerpause nicht mehr statt. Das gilt laut Auskunft von Daniel Mühlenfeld auch weiterhin, weil nach Wiederaufnahme des Betriebes zu Monatsbeginn derzeit hinreichend Brennstoff vor Ort lagert, sodass eine Nachversorgung aktuell nicht notwendig ist, erläuterte er auf Anfrage. Der Abtransport von Asche finde per Lkw statt.

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