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Vielfalt im Fokus: „Bergkamen for all“ will als Verein Integration fördern 

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Von: Jürgen Menke

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Hevidar Yildirim und Gökhan Kabaca engagieren sich im Verein „Bergkamen for all“ für das Miteinander in der Stadt.
Hevidar Yildirim ist seit rund einem Jahr Integrationsbeauftragte der Stadt Bergkamen und Geschäftsführerin von „Bergkamen for all“. Gökhan Kabaca begleitete den Aufbau des Vereins zunächst als Hauptamtlicher für das Kommunale Integrationszentrum Kreis Unna und ist inzwischen ehrenamtlich dafür tätig. © Robert Szkudlarek

Die Stadt Bergkamen richtet ihre Integrationsarbeit neu aus. Viele Fäden laufen künftig im Verein „Bergkamen for all“ zusammen, der offen ist für bürgerschaftliches Engagement. Geschäftsführerin Hevidar Yildirim, zugleich Integrationsmanagerin der Stadt, und Leitungsteam-Mitglied Gökhan Kabaca erläutern, was die Idee hinter der Initiative ist – und dass der große Wunsch für 2023 eigene Räume sind.

Vor rund vier Jahren wurde die Einführung eines städtischen Integrationsmanagements beschlossen: Welche Idee steckte dahinter?

Yildirim: Es ging darum, die Integration voranzutreiben und Partizipation zu fördern – nicht zuletzt, um das bürgerschaftliche Engagement zu stärken.

Gab’s aus Sicht der Stadt denn Defizite?

Kabaca: Bergkamen hatte schon ein Integrationskonzept aus 2010. Es ging darum, es aufzufrischen und zu aktualisieren. Aber von Anfang an war klar, dass es nicht nur um ein Papier gehen sollte, das im schlimmsten Fall im Schreibtisch verschwindet, sondern darum, etwas Sichtbares zu schaffen, eine Art Vielfaltsnetzwerk.

Sie meinen „Bergkamen for all“ ...

Kabaca: Genau. Diesen Namen hat sich die Steuerungsgruppe gegeben, die sich Mitte 2019 gebildet hat. Darin kamen Menschen zusammen, zumeist Hauptamtliche, die das Thema Integration und Migration in Bergkamen begleiten. Uns war aber schnell klar, dass auch die Beteiligten einbezogen werden müssen. Wir wollten zum Beispiel mit Schülern sprechen, nicht über sie. Ergebnis war zum Beispiel die große Jugendkonferenz Anfang 2020 mit rund 500 Teilnehmern.

Die Einführung des Integrationsmanagements ist erst jetzt, mit der Gründung des Vereins „Bergkamen for all“, zum Abschluss gekommen: Warum hat’s so lange gedauert?

Kabaca: Das mag nach außen hin so wirken, dass es lange gedauert hat. Die Gruppe hat sich all die Zeit aber regelmäßig getroffen und zur Ideenfindung ausgetauscht, während der Corona-Zeit vor allem online.

„Bergkamen for all“ hat unter anderem bei den Wochen gegen Rassismus und bei der Interkulturellen Woche mitgewirkt, einen interreligiösen Ausflug mit Jugendlichen unternommen und einen Jugend-Blog realisiert. Der Verein soll das Engagement in die Zukunft tragen und die Arbeit verstetigen, wie es heißt. Was können wir erwarten?

Yildirim: Die Projekte laufen weiter. Dabei wollen wir vor allem bedarfsorientiert agieren. Im ersten Corona-Jahr zum Beispiel haben wir viel zur Pandemie, zu Impfungen und auch Verschwörungstheorien gemacht. Ein weiteres Thema war der Alltagsrassismus.

Hevidar Yildirim: „Es geht um die gesamtgesellschaftliche Teilhabe und das zwischenmenschliche Zusammenleben insgesamt.“
Hevidar Yildirim: „Es geht um die gesamtgesellschaftliche Teilhabe und das zwischenmenschliche Zusammenleben insgesamt.“ © Robert Szkudlarek

Sie sprechen von Bedarfsorientierung: Was brennt den Menschen in Bergkamen denn auf den Nägeln?

Yildirim: Es sind nicht nur direkte Fragen der Integration, sondern auch ganz allgemeine. Ganz aktuell möchte etwa ein Verein mehr zur deutschen Geschichte erfahren, um seine Jugendlichen darüber zu informieren. Dazu planen wir eine Veranstaltung.

Kabaca: Im Kontext zum Thema Integration/Migration wird auch viel über Toleranz gesprochen. Toleranz kann aber bedeuten, dass man einfach nebeneinander her lebt statt füreinander einzustehen. Auch diesen Gedanken und das Thema Vielfalt will „Bergkamen for all“ in die Öffentlichkeit tragen. Wir entwickeln aber keine Ideen, was für die Menschen gut ist oder nicht. Wir möchten mit den Beteiligten vorurteilsbewusst und differenziert Themen aufgreifen, die sie berühren. Aktuell können das zum Beispiel die Geschehnisse in der Silvesternacht sein oder Fragen zu Bildungschancen. Wir wissen unter anderem durch Studien, dass Kinder mit Migrationshintergrund seltener eine Gymnasialempfehlung bekommen als einheimische.

„Bergkamen for all“ will also eine Einladung sein, Fragen des Zusammenlebens aufzugreifen?

Kabaca: Richtig. Und das Mitmachen ist völlig unverbindlich. Man kann interessengebunden dabei sein, dann wieder nicht. „Bergkamen for all“ ist keine Beratungs- oder Konfliktlösungsstelle, die in Konkurrenz zu hauptamtlichen Fachkräften steht, sondern möchte das Thema Vielfalt abbilden – mit den Menschen vor Ort.

Yildirim: Er muss auch nicht alle Bedarfe decken, sondern kann anknüpfen an Angebote, die es schon gibt, oder an seine Kooperationspartner verweisen.

Auch Sportvereine oder die Flüchtlingshilfe tragen viel zur Integration bei. Braucht es da überhaupt einen weiteren Verein?

Kabaca: Wichtig ist, dass der Verein „for all“ ist, für alle, und dass Integration nicht isoliert betrachtet wird. Sie muss selbstverständlich werden, in allen Lebensbereichen. Es gibt immer wieder Berichte von Ereignissen, durch die sich Menschen veranlasst sehen, kulturelle Merkmale zu homogenisieren, unabhängig der Eigenarten des Einzelnen. Davon wollen wir weg. Nehmen wir zum Beispiel internationale Frühstücksbuffets in Schulen oder Kitas: Der Geschmack lässt sich nicht angleichen; er ist bei einer Fülle von Speisen immer individuell.

Yildirim: Mit „Bergkamen for all“ ist auch ein Platz geschaffen worden, auf dem sich Gruppen mit ihrer Integrationsarbeit verbinden können. Das trifft für Moscheegemeinden ebenso zu wie für Sportvereine und Einrichtungen wie Schulen. Alle können mitmachen.

Warum haben Sie sich überhaupt als Verein organisiert?

Yildirim: Für die Stadt kann ich sagen, dass sie eine offene Plattform schaffen und nicht als reine Verwaltung auftreten möchte. Der Verein ist die Chance, eine andere Nähe zu den Menschen zu bekommen. Hauptamtliche sollen hier mit Ehrenamtlichen zusammentreffen. Zudem sind wir gemeinnützig und können so zum Beispiel leichter an Fördergelder kommen.

Gökhan Kabaca: „Es sind nicht immer nur Kinder mit Migrationshintergrund, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, sondern auch einheimische.“
Gökhan Kabaca: „Es sind nicht immer nur Kinder mit Migrationshintergrund, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, sondern auch einheimische.“ © Robert Szkudlarek

Wie viele Mitglieder haben Sie?

Kabaca: Wir haben uns erst im Dezember konstituiert. Aktuell ist die Mitgliederzahl überschaubar. Das soll sich aber ändern. Jeder, der die Idee unterstützt und sich auch kritisch mit Integration auseinandersetzen möchte, ist willkommen. Es gibt auch keine Mitgliedsbeiträge.

Und noch keine eigenen Räume ...

Yildirim: Das stimmt. Wir hatten welche an der Präsidentenstraße in Aussicht, die Anmietung ist aber gescheitert. Nun hoffen wir, dass es bis Ende des Jahres mit eigenen Räumen klappt. Wichtig ist, dass sie groß sind, damit wir dort Veranstaltungen durchführen können. Der Ort muss auch barrierefrei und zentral gelegen sein.

Die Finanzierung wäre kein Problem?

Yildirim: Wir haben über die städtische Integrationsarbeit Mittel zur Verfügung, die wir dafür einsetzen können. Wir hoffen aber vornehmlich auf Fördergelder.

Kabaca: Über die Social-Media-Kanäle sind wir schon gut zugänglich – sei’s über Instagram, Facebook oder unsere eigene Internetseite. Man sollte sich nicht scheuen, uns zu kontaktieren oder sich unter Telefon 02307/965-132 bei Frau Yildirim zu melden.

Zurück zur Einführung des Integrationsmanagements: Der Prozess wurde vom Institut für soziale Innovation aus Düsseldorf begleitet, dessen Arbeit mit Landesmitteln finanziert wurde. Wie wichtig war die Unterstützung?

Kabaca: Es war sehr wertvoll, dass jemand von außen drauf geschaut, bei der Bestandsaufnahme geholfen und auch neue Impulse eingebracht hat. In den Arbeitsgruppen wurde kontrovers diskutiert, man hat sich aber auch immer wertgeschätzt gefühlt.

Bei der Bergkamen-for-all-Jugendkonferenz 2020 brutzelten die Teilnehmer in der „Schnibbeldisco“ leckere Gerichte.
Bei der Bergkamen-for-all-Jugendkonferenz 2020 brutzelten die Teilnehmer in der „Schnibbeldisco“ leckere Gerichte. © Linda Ehrhardt

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse bei der Erarbeitung des Integrationsmanagements?

Yildirim: Die Menschen hier sind sehr offen und haben sich aktiv beteiligt. Das hat mich positiv überrascht und stimmt mich zugleich optimistisch.

Kabaca: Wir haben gemerkt, dass wir Aktionen auch recht kurzfristig auf die Beine stellen können – eben weil die Menschen engagiert sind.

Was bedeutet Integration für Sie?

Kabaca: Sie ist vor allem ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Wenn man die deutsche Sprache spricht, ist das sicherlich ein Schlüssel zur Integrationsarbeit. Aber damit hört’s nicht auf. Wer einen fremd klingenden Namen hat und eine Wohnung sucht, bekommt vielleicht trotzdem Probleme. Grundsätzlich braucht es daher auch eine strukturelle Integration. Es geht insgesamt um die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, dem Menschen als Individuum zu begegnen und Vielfalt zu akzeptieren. Im Gespräch merken Menschen oft, dass sie mehr Schnittstellen als Differenzen haben. Und wenn man sich nicht mag, hat das nicht unbedingt etwas mit der Ethnie zu tun.

Yildirim: Integration ist nicht nur auf den Bereich der Migration beschränkt. Es geht um die gesamtgesellschaftliche Teilhabe und das zwischenmenschliche Zusammenleben insgesamt. Da darf es nicht entscheidend sein, woher man kommt.

Kabaca: Es sind ja auch nicht immer nur Kinder mit Migrationshintergrund, die die deutsche Sprache nicht beherrschen, sondern auch einheimische. Wir sprechen somit auch immer über Milieufragen, über gesellschaftliche Benachteiligungen.

Was bedarf es, damit es ausreichend engagierte Mitarbeiter im Verein gibt?

Kabaca: Wir müssen sichtbar sein, und die Menschen müssen das Gefühl haben, gehört zu werden. Wenn das gegeben ist, sind wir auf einem guten Weg. Aber nicht wir gestalten die Zukunft, sondern alle Bergkamenerinnen und Bergkamener.

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