Mit Händen und Füßen musizieren

Die Orgel hat in den Bergkamener Gotteshäusern eine große Bedeutung

Organistin Cornelia Fork an der Orgel
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Organistin Cornelia Fork schätzt die moderne Technik in der Orgel der Elisabethkirche.

Was wäre ein Gottesdienst ohne Orgel? Die Martin-Luther-Gemeinde in Rünthe erhielt ihre 1983. Organistin Cornelia Fork bringt das Instrument zum Klingen auch wenn in der Pandemie nur selten Gelegenheit ist, ihr zuzuhören.

Bergkamen – Die Orgel gehört zur Kirche wie das Amen. Dieses größte aller Instrumente braucht sehr viel Raum, so viel, dass die Orgelbauer zu den Kirchen fahren, um sie zu vermessen. Sie werfen einen Blick auf die Wandverkleidung, beziehen Teppiche ein und müssen bei der Kalkulation auch das Budget der Kirche berücksichtigen. Preislich liegt eine neue Orgel bei rund 200 000 Euro und weit darüber. Dafür ist so eine Orgel eine Anschaffung für eine sehr lange Zeit. Die Orgel der Christuskirche der Martin-Luther-Gemeinde stammt aus dem Jahr 1983. Und doch erinnert man sich beim Hersteller Rensch in Baden-Württemberg sofort. „Ach, die Orgel in Rünthe. Die ist sehr klein.“

Sophie Ihne ist Pfarrerin in der Martin-Luther-Gemeinde und hat in der Jugend selbst Orgel gespielt. „Wenn man die gesamte Kirche für sich hat und man mit ihrem Klang die Kirche füllt, das hat etwas Beeindruckendes“, sagt sie.

Doch das Spielen will gelernt sein. Während beim Klavier immerhin beide Hände unterschiedlich schnell, mit mal mehr und mal weniger Kraft in verschiedene Tasten greifen, kommen bei der Orgel noch die Füße hinzu. „Die spielen unabhängig von den Händen“, erklärt die Pfarrerin. „Das muss man schon üben.“

Ein Tasteninstrument ist die Orgel dennoch nicht. Sie zählt zu den sogenannten Aerophonen, denn durch das Ziehen der Register und das Bedienen der Manuale, also der Tasten, die bei der Orgel in zwei oder drei Reihen übereinander liegen, und Pedale, werden die Orgelpfeifen geöffnet und Luft strömt hindurch, die den Klang auslöst. „Früher gab es jemanden, der den Blasebalg bedienen musste“, erklärt die Pfarrerin. „Heute übernimmt das ein Generator.“

Die Orgel in der Christuskirche wirkt schlicht, klingt aber sehr imposant.

Ein Jahr dauert es, bis eine Orgel fertig gebaut ist. Einmal im Jahr wird sie gewartet und in größeren Abständen auseinandergebaut und repariert. Für die Orgel in der katholischen Elisabethkirche in der Kirchengemeinde Heilig Geist steht dieser Termin demnächst an. Organistin Cornelia Fork ist dafür dankbar, denn in einer Kirche sind die Lüft- und Heizbedingungen generell schwierig, in der Coronazeit haben sie „ihre“ Orgel besonders belastet. Deshalb sei es nötig, so manches bewegliche Teil auszutauschen.

Alle Register ziehen mit 2891 Pfeifen

Fork spielt seit 20 Jahren Orgel und hat bis heute viel Freude daran. Das liegt auch daran, dass die Orgel in der Elisabethkirche mit Baujahr 1993 schon eine recht moderne ist. Zwar ist ihre Bauweise Vorbildern des französischen Orgelbaumeisters Cavaillé-Coll, einem der bedeutendsten Orgelbauer des 19. Jahrhunderts, nachempfunden; bei der Elektronik waren die Orgelbauer aber sehr fortschrittlich. So verfügt das gewaltige Instrument über eine mechanische Spieltraktur und 64 Setzkombinationen für die insgesamt 39 Register, die sich vorab wie bei einem Computer an acht Speicherorten sichern lassen.

Das erleichtert das Spiel der insgesamt 2891 Pfeifen deutlich, die von winzig bis riesig groß sind. Für das klassische Spiel im Gottesdienst werden aber nur sechs bis acht Registerkombinationen eingesetzt, die entsprechend der Liturgie vorprogrammiert werden. Nur wer „alle Register zieht“, schöpft alle Möglichkeiten der Orgel aus. Das macht deutlich, woher diese Redewendung stammt.

Streicher, Trompeten und „Engelsgesang“

Das gilt auch für die Orgelpfeifen, die aufgereiht nach ihren Größen im Inneren der Orgel zu sehen sind: „Die stehen da wie die Orgelpfeifen.“ Dass sie so stehen, hat einen Grund. Die Orgel ahmt Streicher, Trompeten, Violinen Flöten und den menschlichen Gesang nach, wie Fork erklärt. Hinzu kommt der „Engelsgesang“, bei dem eine leichte Schwebung, so der Fachausdruck, hörbar ist. Und doch soll die Orgel in der Kirche den Gesang nur begleiten und unterstützen.

Der Weg zur Orgel führte für Ihne und Fork über das Klavier. Beide können sich aber vorstellen, dass Vorkenntnisse nicht zwingend erforderlich sind. Wichtiger seien Durchhaltevermögen und Freude an der Musik. Wer das Spielen auf der „Königin der Instrumente“ lernen will, ist in beiden Kirchen willkommen, unabhängig vom Alter. Wichtig ist nur, dass die Interessenten so groß ist, dass sie mit den Füßen das Pedal erreichen. Ein Vorteil des Orgelspiels ist, dass keine Anschaffungskosten für das eigene Instrument anfallen. Geübt und unterrichtet wird in der Kirche.

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