Bergleute zwischen Trauer und Wut

Die letzten Tage von Haus Aden 2: Stadt dokumentiert Abriss / Geschichtskreis spricht von Wortbruch

Haus Aden 2: Die vorbereitenden Arbeiten für die Demontage des Förderturms laufen. Vor gut zwei Wochen hatte der Stadtrat den Erhalt des Bauwerks wegen Kosten in Höhe von drei Millionen Euro abgelehnt.
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Haus Aden 2: Die vorbereitenden Arbeiten für die Demontage des Förderturms laufen. Vor gut zwei Wochen hatte der Stadtrat den Erhalt des Bauwerks wegen Kosten in Höhe von drei Millionen Euro abgelehnt.

Die Stadt Bergkamen lässt den Abriss des Schachtgerüsts Haus Aden 2 filmisch dokumentieren. Derweil will der Geschichtskreis Haus Aden/Grimberg 3/4 seine Aufmerksamkeit auf den dann letzten von einst neun Fördertürmen im Stadtgebiet richten, auf Neu-Monopol. Dessen dauerhafter Erhalt sei trotz des Denkmalschutzes längst nicht gesichert, meint Volker Wagner als Sprecher der Aktiven.

Bergkamen – Vom Abriss sollen – auch per Drohne – Fotos und Videoaufnahmen gemacht werden, berichtet Christiane Reumke, Sachgebietsleiterin Stadtplanung. „Wir brauchen sie für das nationale Städtebauprojekt, um den Wandel hin zur Wasserstadt Aden darzustellen.“ Im Zuge des Projekts soll das geplante neue Grubenwasserhebewerk der RAG mit Fördergeldern des Bundes architektonisch aufgewertet werden.

Möglich sei es auch, die Abriss-Bilder auf der Internetseite der künftigen Wasserstadt zu zeigen, ergänzt Reumke. Nicht zuletzt bestehe nach wie vor die Überlegung, einen Bergbau-Rundgang in Bergkamen zu schaffen. Wer ihn beschreite, könnte dann an den neuralgischen Punkten über sein Smartphone Infos zur Bergbau-Geschichte der Stadt abrufen – und dabei auch das Ende des Förderturms Haus Aden in Augenschein nehmen.

Gegenüber der RAG will die Stadt laut Reumke erneut ihr Interesse bekunden, die vier Seilscheiben des Schachtgerüsts zu übernehmen. Konkrete Vorschläge für eine Verwendung gebe es allerdings noch nicht. „Die bleiben erst einmal liegen.“

Neu-Monopol: Dem künftig letzten Förderturm in Bergkamen will der Geschichtskreis Haus Aden/Grimberg 3/4 nun seine volle Aufmerksamkeit schenken. Das Gerüst steht wie das dortige Maschinenhaus unter Denkmalschutz, für die Grubenlüfter hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe den Antrag dazu gestellt.

Die RAG will in Kürze mit dem Abriss des Schachtgerüsts beginnen. Geschichtskreissprecher Wagner möchte sich das Schauspiel weder live noch später in Bildern anschauen. Zu viele Erinnerungen seien mit seiner „Mutterschachtanlage“ verbunden, meint der Kumpel im Vorruhestand. „Das wäre, als wenn man zu seiner eigenen Beerdigung geht.“

1982 hat der heute 54-Jährige auf Haus Aden angefangen, dort alle Arbeitskämpfe mitgemacht, bis zur Stilllegung 2001 war er dabei. Seine weiteren beruflichen Stationen: das Bergwerk Ost in Hamm und die Revierarbeitsgemeinschaft für kulturelle Bergmannsbetreuung.

Das wäre, als wenn man zu seiner eigenen Beerdigung geht.

Volker Wagner zur Frage, ob er sich den Abriss des Zechenturms anschauen wird

Bei Wagner, Bergmann in dritter Generation, ist die Empörung über den Ratsbeschluss vor knapp zwei Wochen groß. Mit der Mehrheit von SPD, Grünen und FDP und dem Hinweis auf zu hohe Kosten hatte sich das Gremium gegen eine Übernahme und Versetzung des Förderturms in städtischer Trägerschaft ausgesprochen.

Die Bürger in Bergkamen zu befragen, ob ihnen der Förderturm drei Millionen Euro wert ist – diesem Vorschlag der CDU konnte Wagner viel Positives abgewinnen. Doch dann habe sich mit der SPD ausgerechnet auch jene Partei gegen den Turm gestellt, die einen Erhalt immer befürwortet habe. Von ihr fühle man sich verschaukelt. „Ja, wir werfen der Politik Wortbruch vor.“

Den bevorstehenden Abriss begleitet der Geschichtskreis zwar nicht wort-, aber gleichwohl tatenlos. „In normalen Zeiten hätten wir natürlich Protestaktionen durchgeführt“, sagt Wagner. Angesichts der Corona-Pandemie seien diese aber nicht zu verantworten.

Haus Aden 1: Der Förderturm wurde bereits 2005 gesprengt.

Von den Seilscheiben, die gerettet werden sollen, will Wagner nichts wissen. Sie könnten als „Trophäe“ herhalten für diejenigen, die den Abriss nicht verhindert hätten, meint er sarkastisch. Für eine angemessene Erinnerung an Haus Aden und den Bergwerksstandort in Oberaden taugten sie indes nicht.

Bleibt noch Neu-Monopol (Grimberg 1/2) in Mitte. Zwar ist es erklärtes Ziel der Politik, diesen Förderturm zu erhalten, mit der Erfahrung von Haus Aden aber hat sich beim Geschichtskreis Skepsis breitgemacht. „Was ist, wenn den Worten wieder keine Taten folgen?“, fragt Wagner.

Neu-Monopol mit seinen vier übereinander angeordneten Seilscheiben gehört ebenfalls der RAG und steht nach wie vor unter Bergaufsicht. Der darunter liegende Schacht hat noch eine Funktion, er dient als Revisionsschacht für die Wasserhaltung. „So schnell wird die Stadt den Förderturm nicht übernehmen können“, sagt Wagner. Eine Übernahme durch die Industriedenkmal-Stiftung NRW wäre aus seiner Sicht zwar wünschenswert, finanzielle Fragen zur Sanierung blieben aber weiterhin ungeklärt.

Stadt will Standort stärken

Der Stadt ist laut Planerin Reumke bewusst, dass sie zunächst keinen Zugriff auf Neu-Monopol hat. Gleichwohl wolle man den dortigen Standort auch mit Blick auf die Bergbaugeschichte bewahren und stärken. So sei im Handlungskonzept „Bergkamen mittendrin“ vorgesehen, dass sich auch Gewerbebetriebe auf der Freifläche östlich des Förderturms ansiedeln können. Das Areal soll dann nicht über die Rathenaustraße erschlossen werden, sondern über eine neue Straße ab dem Kreisverkehr Erich-Ollenhauer-/Leibnizstraße/Zweihausen.

Neben dem Förderturm Neu-Monopol steht auch das Maschinenhaus unter Denkmalschutz. Die Grubenlüfter sind nach Meinung des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe ebenfalls schützenswert. Laut Reumke hat der LWL einen entsprechenden Antrag gestellt, in einem ersten Schritt werde aktuell der Eigentümer um eine Stellungnahme gebeten.

Der Geschichtskreis sieht mit dem Abriss von Haus Aden die große Chance vertan, ein identitätsstiftendes Bauwerk zu sichern und Bergbaugeschichte erlebbar zu machen. Nahezu erbost ist Wagner darüber, wie rigoros der Vorschlag zurückgewiesen wurde, das Gerüst als begehbares Tor zur Wasserstadt zu nutzen und somit auch für Touristen interessant zu machen. Während in Bergkamen unter anderem Sicherheitsbedenken angeführt würden, werde in Herne-Wanne wie selbstverständlich eine Straßenunterführung für den dortigen Förderturm Pluto geplant.

Erinnerungskultur: Ein Konzept soll her

Nicht zuletzt sei der bauliche Zustand von Haus Aden deutlich besser als der von Neu-Monopol, fügt Wagner hinzu. „Dies war mal ein ausführender Schacht, sodass Feuchtigkeit von unter Tage für Korrosion im Innern gesorgt hat.“ Die Verkleidung des Turms habe den Prozess beschleunigt.

Die Erinnerungskultur in Bergkamen – etwa an den Bergbau – steht auf Betreiben der CDU auch auf der Tagesordnung der nächsten Sitzung des Kulturausschusses (Dienstag, 9. März, 17 Uhr, Römerberg-Sporthalle). Die Verwaltung schlägt vor, dass sie das Thema zunächst aufarbeitet und in ein Konzept gießt, das dann in der Folgesitzung vorgestellt wird.

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