Situation im Kreis Unna

Deutlich mehr Lehrverträge im Handwerk: Rünther Betriebe müssen aber „trommeln“

Frauen im Handwerk sind immer noch die Ausnahme. Der Bergkamener Zimmermeister Fabian Liesegang beklagt etwa, dass es zu wenige weibliche Zimmerleute gibt.
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Frauen im Handwerk sind immer noch die Ausnahme. Der Bergkamener Zimmermeister Fabian Liesegang beklagt etwa, dass es zu wenige weibliche Zimmerleute gibt.

Die Handwerkskammer Dortmund meldet positive Zahlen zum beginnenden Ausbildungsjahr. Die HWK-Betriebe haben deutlich mehr Lehrverträge abgeschlossen als 2020. Auch im Kreis Unna gibt es ein Plus, es liegt bei 17,5 Prozent. Der WA hat mit Betrieben in Bergkamen-Rünthe gesprochen.

Rünthe/Kreis Unna – Laut HWK haben die Betriebe dort Stand Juli 423 Lehrverträge für das Ausbildungsjahr abgeschlossen – 63 mehr als noch im Juni 2020. Trotzdem sind noch 113 der gemeldeten Lehrstellen im Kreisgebiet noch nicht besetzt, insgesamt sind es im Kammerbezirk 738 Lehrstellen, für die die Betriebe noch keinen Auszubildenden gefunden haben.

Den unbesetzten Lehrstellen gegenüber steht auch kammerweit ein dickes Plus bei den geschlossenen Lehrverträgen. Insgesamt zählt die Handwerkskammer Dortmund 2564 besetzte Ausbildungsplätze – 237 beziehungsweise 10,2 Prozent mehr als im Vorjahr. „Auch wenn wir das Vor-Corona-Niveau noch nicht wieder erreicht haben, hat der Ausbildungsmarkt doch angezogen und es gibt Zeichen einer leichten Erholung“, sagt Kammer-Präsident Berthold Schröder. Bewerber und Betriebe fänden nach dem Lockdown endlich besser zueinander. „Zukunftsplanung wird nun wieder stärker in den Blick genommen. Die vielen Anstrengungen, die wir unternommen haben, um die Ausbildungssituation zu revitalisieren, zeigen Erfolg. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage schließt sich zusehends.“

738 Lehrstellen im Kammerbezirk unbesetzt

Wer sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheide, habe gute Chancen, eine passende Stelle zu finden – und das auch über den 1. September hinaus, sagt HWK-Geschäftsführerin Olesja Mouelhi-Ort. „Mit einer Ausbildung öffnen sich viele Türen zum beruflichen Erfolg“, wirbt sie. Denn noch sind 738 Lehrstellen im Kammerbezirk unbesetzt. Die Geschäftsführerin empfiehlt allen Ausbildungsinteressierten, die umfangreichen Services der HWK Dortmund rund um Berufswahl und Lehrstellenfindung in Anspruch zu nehmen.

In über 130 Berufen gibt es dabei Aufstiegs- und Karrierechancen – gerade auch mit Blick auf anstehende Zukunftsaufgaben rund um Digitalisierung, Klimaschutz, Energie- und Mobilitätswende, Smart-Home und E-Health. Der Bedarf an Fachkräften sei groß, allen voran in den Bau- und Ausbauhandwerken, heißt es seitens der HWK. In unterschiedlichsten Gewerken würden kompetente, leistungsstarke Mitarbeiter gebraucht. „Das Handwerk ist ein zukunftssicherer und krisenfester Wirtschaftsbereich“, betont Mouelhi-Ort.

DK-Bau GmbH: „Hatten mehrere Bewerbungen“

Um junge Menschen für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern, beteilige die Handwerkskammer sich mit Aktionen zur Berufsorientierung und Lehrstellenvermittlung am „Sommer der Berufsbildung“, einer bundesweiten Initiative. „Wir nutzen alle verfügbaren Kräfte und Kanäle, um jungen Menschen und ihren Eltern die vielfältigen Aufstiegschancen zu zeigen, die sie mit einer dualen Ausbildung im Handwerk haben.“

Rünther Handwerksbetriebe haben unterschiedliche Erfahrungen in diesem Jahr gemacht. Bei der Hochbaufirma DK-Bau GmbH am Hafenweg in Rünthe hat gerade zum 1. August ein Auszubildender seine Ausbildung zum Maurer begonnen, ein weiterer ist im zweiten Lehrjahr. „Wir hatten kein Problem, Bewerber für die Lehrstelle zu finden, sondern mehrere Bewerbungen“, heißt es von DK-Bau. Geplant sei, die Azubis nach der Ausbildung als Mitarbeiter zu übernehmen.

Fliesen Fuhrmann: „Über private Kontakte“

An der Gewerbestraße bildet Dennis Fuhrmann in seiner Fliesenfirma derzeit drei Azubis für den Beruf des Fliesenlegers aus. „Einer ist im dritten Lehrjahr, einer im zweiten und aktuell hat gerade ein neuer Auszubildender angefangen“, so Fuhrmann. „Auf unsere Lehrstellenausschreibung haben wir keine Reaktion erhalten. Unseren jüngsten Azubi haben wir schließlich über private Kontakte gefunden.“ Das Interesse an seinem Handwerk und Bewerbungen aus eigener Initiative würden weniger, so die Einschätzung des Handwerksmeisters, der seit zehn Jahren selbstständig ist. „Was Arbeitseinstellung, Eignung und schulische Leistungen betrifft, sind die Erfahrungen mit unseren Auszubildenden bisher durchweg gut“, zieht Dennis Fuhrmann Bilanz.

„Wir haben uns vorgenommen, jedes zweite Jahr einen Auszubildenden einzustellen“, berichtet Fabian Liesegang, Chef der Zimmerei Liesegang an der Rünther Straße. Problem bei der Ausbildung im Bauhauptgewerbe sei, dass Azubis von 52 Wochen im ersten Lehrjahr 36 Wochen nicht in der Firma sind, sondern überbetrieblich ausgebildet würden. „In die verbleibenden Wochen fallen noch sechs Wochen Urlaub. Das ist für die Betriebe schwierig.

Zimmerei Liesegang: „Müssen trommeln“

Im zweiten Jahr ist das Verhältnis 50/50 und im dritten Jahr sind die Lehrlinge immerhin zwei Drittel der Zeit im Betrieb.“ Dennoch seien die Betriebe darauf angewiesen auszubilden, um später qualifizierte Fachkräfte zu haben, die bekanntlich Mangelware sind. „Deshalb steht bei uns ganz klar das Ziel am Ende der Ausbildung, die Azubis nach bestandener Prüfung als Gesellen zu übernehmen – wenn sie nicht von anderen Firmen abgeworben werden“, sagt Liesegang. Seit sieben Jahren ist Fabian Liesegang mittlerweile selbstständig. „Eine Bewerbung für eine Ausbildung habe ich bisher noch nie bekommen“, sagt er rückblickend.

Er als Ausbilder müsse trommeln, um auf die Ausbildungsstelle aufmerksam zu machen. Zu seinem aktuellen Azubi Ben Schickentanz, der jetzt im zweiten Ausbildungsjahr ist, kam er über einen privaten Kontakt. „Er kam zu einem Schülerpraktikum zu uns, und nach kurzer Zeit war klar, dass er unbedingt die Ausbildung bei uns machen wollte, obwohl er als Einser-Schüler auch die Schule hätte fortsetzen können.“ Für ihn sei das einfach ein Glücksfall, sagt Liesegang. „Für uns ist die Deutschnote eigentlich egal, Mathe ist schon wichtiger. Entscheidend ist aber, dass der Azubi am Ende die Prüfung schafft. Für uns ist wichtiger, dass einer oder eine arbeiten kann und lernen will.“ Denn auch Frauen können nach seiner Ansicht diesen Beruf machen. „Leider gibt es noch viel zu wenig weibliche Zimmerleute.“

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