Der letzte Tag vorm Corona-Lockdown

Geschäftsschließungen in Bergkamen: Von Torschlusspanik keine Spur

Das Modehaus Schnückel – im Bild Hausleiterin Claudia Klammer (rechts) und Verkäuferin Gaby Schmidt – muss im Lockdown geschlossen bleiben, verkauft aber übers Internet weiterhin Gutscheine, die dann abgeholt werden können.
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Das Modehaus Schnückel – im Bild Hausleiterin Claudia Klammer (rechts) und Verkäuferin Gaby Schmidt – muss im Lockdown geschlossen bleiben, verkauft aber übers Internet weiterhin Gutscheine, die dann abgeholt werden können.

Den letzten Einkaufstag vorm zweiten Lockdown haben viele Bergkamener genutzt, um sich mit Dingen einzudecken, die’s ab diesem Mittwoch meist nur noch online gibt – etwa mit Textilien, Elektronikwaren und Geschenkartikeln. In den Friseursalons, die wegen der Corona-Pandemie wieder dichtmachen müssen, herrschte derweil gewaltiger Andrang. Vor den Apotheken bildeten sich am Dienstag mitunter ebenfalls Schlangen. Erstmals wurden hier FFP2-Masken an Über-60-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen ausgegeben.

Bergkamen – 10 Uhr, Präsidentenstraße. So richtig voll ist es in Bergkamens Fußgängerzone eigentlich nie. Auch heute nicht. Aber hinter den Schaufenstern ist zumeist mehr los als sonst. Etwa in einem der vielen Friseursalons. „Keine Zeit, wir sind im Stress“, heißt es dort auf die Frage nach der aktuellen Situation. Und damit war die Antwort auch schon gegeben.

Auch im nächsten Salon zunächst freundliches Kopfschütteln. Die Kunden warten. Doch dann findet Bilal Inan, Inhaber des gleichnamigen Haarstudios, doch noch fünf Minuten Zeit. „In den letzten Tagen wurde der Andrang immer größer. Wir haben länger geöffnet, damit wir zumindest unsere wichtigen Stammkunden bedienen können“, berichtet er. Mit dem zweiten Lockdown hatten viele wohl schon seit Längerem gerechnet.

Im Haarstudio von Bilal Inan wurden zuletzt Überstunden gemacht.

Inan sagt, dass sich die Geschäfte nach Ende der ersten harten Corona-Maßnahmen wieder stabilisiert hätten. Er sei optimistisch, dass er und seine Mitarbeiter die neuerliche Durststrecke ebenfalls überstehen, doch für einen so kleinen Betrieb wie seinen sei das „sehr, sehr schwer“. Hinzu komme ein hohes Maß an Unsicherheit.

Zwar könne er auch diesmal auf staatliche Hilfe hoffen, so Inan, doch wie groß die finanzielle Unterstützung ausfalle und ob er unter Umständen auch wieder Geld werde zurückzahlen müssen, ließe sich aktuell nicht absehen. Dabei müsse er zunächst ein weiteres Mal in Vorleistung treten.

Seit 1998 schneidet, färbt und föhnt Inan in Bergkamen Haare, seit knapp acht Jahren im eigenen Salon. Für seine Kunden macht er gerne Überstunden. „In der Fußgängerzone dürfte es aber gerne voller sein“, betont er.

Wilhelm Lohmann (79) kann sein Reformhaus offenhalten und bietet unter anderem auch Geschenkartikel an.

Weiter ins Modegeschäft Schnückel. „Viele Kunden brauchen noch Weihnachtsgeschenke“, sagt Hausleiterin Claudia Klammer. Das habe die Frequenz zuletzt deutlich erhöht. Weitere Gründe dafür dürften der 20-Prozent-Nachlass auf reguläre Damen- und Herrenoberbekleidung gewesen sein, den der Anbieter seit Wochenbeginn gewährt hat, sowie verlängerte Öffnungszeiten.

Klammer zeigt Verständnis dafür, dass der Staat die Corona-Bestimmungen wegen steigender Infektionszahlen verschärft. Das sei aber mit einem „großen Umsatzverlust“ für den stationären Einzelhandel verbunden. Die guten Wünsche ihrer Kunden für das anstehende Weihnachtsfest, den folgenden Jahreswechsel und die Geschäfte im kommenden Jahr nimmt sie gerne entgegen.

Apropos 2021: Bei Schnückel hätten sich außergewöhnlich viele Kunden mit Gutscheinen eingedeckt, um sie an Heiligabend für ihre Lieben unter den Weihnachtsbaum zu legen, berichtet Klammer. Das habe die Geschäftsführung zum weiteren Gutscheinverkauf auch in den nächsten Tagen bewogen. „Man kann sie online bestellen und dann immer zwischen 10 und 12 sowie 16 bis 18 Uhr am Haupteingang abholen“, erläutert die Hausleiterin. Sie betont zudem, dass sich die Kunden auch in den letzten Tagen des freien Verkaufs sorgsam an die AHA-Regel gehalten hätten. Von Torschlusspanik oder besonderem Stress keine Spur.

Große Überraschung und Freude im Gartencenter Röttger

Überrascht wurde Claudia Röttger am Dienstagmorgen vom Wortlaut der Corona-Schutzverordnung in NRW. Der Paragraf 11 besagt, dass verderbliche Ware weiter verkauft werden darf. „Das heißt für uns Topfpflanzen, Schnittblumen und die dazu gehörigen Gefäße“, sagt die Geschäftsführerin des Gartenmarktes an der Erlentiefenstraße. „Wir waren auf die Schließung vorbereitet, haben schon einen Onlineverkauf ab Mittwoch vorbereitet“, erklärt sie weiter. „Wir wollten damit bei den Kunden im Gespräch bleiben.“ Die Bereiche mit Gartengeräten und Sonstigem, das nicht verkauft werden darf, würden abgesperrt. Die Entwicklung sei eine positive, auch mit Blick auf die über 50 Mitarbeiter und Auszubildenden. „Das schützt die Arbeitsplätze, und vielleicht können wir so auch Kurzarbeit vermeiden“, sagt Röttger. Den Webshop mit Präsenten für Weihnachten wird sie dennoch parallel starten. „Ab 15 Euro wird in Bergkamen, Kamen und Werne frei Haus geliefert, eine Idee für Leute, die nicht besucht werden können“, lässt Röttger die wieder positiv gestimmte Geschäftsfrau erahnen. ml

Auch andere Textilgeschäfte hatten verstärkt Zulauf. Eine Verkäuferin, die ihren Namen nicht der Zeitung lesen möchte, berichtet, dass viele ihrer Kunden neben Kleidung auch Begegnungen suchten. „Die haben sie beim Online-Kauf nicht“, bricht sie eine Lanze für lebendige Innenstädte. Gerade vor Weihnachten sei zu erleben, wie sehr die Menschen soziale Kontakte benötigten.

Bergkamener Urgestein bietet großen Ketten Paroli

Über die freut sich auch Wilhelm Lohmann vom gleichnamigen Reformhaus. In seinem Sortiment befinden sich auch viele Geschenkartikel, zudem macht er Passfotos, doch von der Schließungsanordnung ist er nicht betroffen. „Ich gelte als Drogerie und biete auch Arznei- und Lebensmittel für Diabetiker an“, erläutert er.

Die Drogerie am Nordberg blickt auf eine 111-jährige Geschichte zurück. Seit 1964 steht Lohmann hinter dem Tresen. „Damals habe ich noch chemische Substanzen, Pflanzenschutzmittel und Gifte aus großen Gefäßen verkauft“, erinnert sich der 79-Jährige. Heute bietet das Bergkamener Urgestein den großen Ketten Paroli – mit Freude, Engagement und Mund-Nasen-Schutz.

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