Projekt der Galerie Sohle 1

Der Künstlerblick auf die Pandemie: Neue Foto-Ausstellung in Bergkamen

Ausstellung Claudia Wiens Sevilla Lockdown
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Eine überdimensionale Biene über den Dächern von Sevilla: Die Künstlerin Claudia Wiens hat während des Lockdowns auf ihrer Dachterrasse jeden Tag ein anderes Setting aufgebaut. Ihre Bilder sind nun Teil der Ausstellung.

Wie erleben Künstler die Pandemie? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine neue Online-Ausstellung, die ab 16. Mai auf der Website der Stadtgalerie Bergkamen unter galerie-sohle1.de zu sehen und zu hören ist.

Bergkamen - Iris Wolf, Fotografin und Künstlerin aus Dortmund, hat deutschlandweit recherchiert und bei anderen Künstlern nachgefragt: Wie lebt und arbeitet ihr in Zeiten der Pandemie? Entstanden ist das Projekt „Halt“, an dem die Stadtgalerie Bergkamen beteiligt ist. „Das Ausstellungskonzept ‘Halt’ vereint acht Künstlerpositionen. Jeder der beteiligten Fotokünstler eröffnet eine außergewöhnliche Perspektive auf diese besondere Zeit“, sagt Simone Schmidt-Apel, Kulturreferentin der Stadt Bergkamen.

Gleichzeitig sollen Elemente der Ausstellung auch im Stadtbild Bergkamens sichtbar werden – an der Front der Galerie, in Schaufenstern von vorübergehend geschlossenen Geschäften oder Leerständen. Die Betrachter sind zudem eingeladen, ihre Gedanken, Gefühle und Erfahrungen im Hinblick auf das Leben während der Pandemie einfließen zu lassen.

Einblicke in Arbeit auf Intensivstation

Zu den teilnehmenden Künstlern gehört die Berlinerin Katrin Streicher, in nicht pandemischen Zeiten als freie Fotografin für Magazine im In- und Ausland tätig. Sie dokumentierte das Leben ihrer vierköpfigen Familie unter Corona- und Lockdown-Bedingungen. Ihr Beitrag soll in der Ausstellung den Aspekt „zusammenhalten“ beleuchten. „Ihre Bilder erzählen von kostbaren Momenten der Innigkeit, aber auch von Ängsten und Unsicherheiten“, heißt es in der Ankündigung.

Die Fotografin Debora Ruppert traf während der Pandemie Männer und Frauen, die auf den Straßen Berlins leben. Gemeinsam mit der Filmemacherin Rebecca Rütten besuchte sie Einrichtungen der Wohnungs- und Obdachlosenhilfe und sprach auch mit denjenigen, die unter Covid-19-Bedingungen diese Angebote aufrechterhalten. In ihrem 15-minütigen Filmbeitrag „Obdachlos in Zeiten von Covid-19 – Wenn du nicht zuhause bleiben kannst“ dokumentieren die beiden Frauen, was es bedeutet, wenn es kaum noch Flaschen zum Sammeln gibt und die Essensausgaben geschlossen sind.

Marlena Waldthausen zeigt ältere Menschen während des Lockdowns.

Tobias Wuntke, Fotograf aus dem Schwabenland, fotografierte den Alltag auf der Covid-Intensivstation des Universitätsklinikums Tübingen. „Obwohl das Thema Covid-19 über sämtliche Medien sehr präsent ist, fehlt uns die Vorstellungskraft davon, was ein schwerer Verlauf der Krankheit für Patienten, Ärzte und vor allem Pflegende bedeutet“, erklärt der Fotograf die Hintergründe seines Projekts. Die Idee dazu kam aus dem Pflegeteam selbst. Eine der Intensivpflegerinnen äußerte den Wunsch, der Öffentlichkeit die Geschehnisse auf der Intensivstation zugänglich zu machen.

Zuschauer-Beiträge

Die Fotoausstellung „Halt“ ist als digitales Format auf der Website der Galerie Sohle 1 zu erleben – erweitert durch Audio- und Videoelemente. Am Ende werden die Betrachter anhand von Leitfragen aufgefordert, ihr aktuelles Befinden zu hinterfragen und einige Sätze oder Audios an die Adresse

enthalten@web.de zu senden. Die Zuschauerbeiträge sollen dann nach und nach in die Ausstellung einfließen.

Marlena Waldthausen (Fotos) und Miriam Dahlinger (Texte) porträtierten für die Serie „Corona-Blues“ der Zeit ältere Menschen während des Lockdowns. Eine Auswahl dieser Fotos und Geschichten präsentieren sie nun unter dem Titel „enthaltsam“ in der Ausstellung. Der Blick der Betrachter soll dabei von außen durch die Fensterscheibe ins Innere gelenkt werden. Spiegelungen und Schattierungen lassen das Außen mit den Gesichtern verschwimmen.

Debora Ruppert porträtierte Obdachlose in Berlin. Entstanden ist ein 15-minütiger Film.

Als einen Blick auf die Gesellschaft während der Pandemie versteht Iris Wolf ihren eigenen Beitrag. „Die Pandemie offenbart Schwachstellen der Gesellschaft, macht sie schmerzlich erlebbar: Nationalismus, Rassismus, Klimakrise, Bildungsungleichheiten, Antifeminismus“, erklärt Wolf. All diese Themen sollen sich in ihren Motiven wiederfinden.

Die Fotokünstlerin Claudia Wiens hat den strengen siebenwöchigen Lockdown im Frühjahr 2020 in Sevilla erlebt. Ihr Beitrag „unterhalten“ basiert auf einer Corona-Chronik der besonderen Art. Täglich zur gleichen Zeit baute die Künstlerin auf der Dachterrasse des Hauses, das sie nicht verlassen durfte, ein immer wieder neues, buntes Setting auf. Da wird die Veranda zum Surferparadies, zur Oase in der Wüste oder zur Einflugschneise für überdimensionale Bienen. „Die Bilder feiern keineswegs das Eingesperrtsein, die Situation hat mich bis ins tiefste Innere erschüttert”, berichtet die Künstlerin. Um ihre Verzweiflung zu überwinden, habe sie all ihre kreativen Ressourcen aktiviert.

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