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Dauerkrise, Inflation, Fachkräftemangel: Bergkamen muss für Jugendhilfe Millionenbetrag nachschießen

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Von: Bernd Kröger

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Aus dem Rückzug in der Pandemie, etwa in Onlinewelten, haben Kinder und Jugendliche zufolge teils nicht mehr zurückgefunden. Der Bedarf an Hilfe wächst, das zeigt sich auch beim Jugendamt Bergkamen.
Aus dem Rückzug in der Pandemie, etwa in Onlinewelten, haben Kinder und Jugendliche zufolge teils nicht mehr zurückgefunden. Der Bedarf an Hilfe wächst, das zeigt sich auch beim Jugendamt Bergkamen. © Corinne Simon/KNA

Die anhaltende Krisenbewältigung geht gewaltig ins Geld: 1,1 Millionen Euro muss Bergkamen bei der Jugendhilfe nachschießen – und das ist erst der Anfang.

Bergkamen – Politik und Verwaltung, die (Stadt-)Gesellschaft schlechthin, wird sich darauf einstellen müssen, für den sozialen Frieden und die Krisenintervention bei Familien, Kindern und Jugendlichen in emotionalen und psychischen Nöten mehr Geld bereitstellen zu müssen. Unter der Dauerbelastung von Corona-, Klima- und Energiekrise plus Krieg in der Ukraine ist zum einen der Bedarf an Unterbringungen in Kliniken und Einrichtungen gestiegen. Zum anderen treibt die Inflation auch die Preise der Anbieter in der Jugendhilfe enorm in die Höhe.

Träger kommen mit Sätzen nicht mehr aus

Vor welch schwieriger Herausforderung das Jugendamt in dem von Kostendruck und Personalmangel gezeichneten Anbietermarkt der Jugendhilfeträger steht, zeigte sich in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses im Stadtmuseum. Der beschloss notgedrungen, überplanmäßig insgesamt 1,1 Millionen Euro ins Budget für stationäre Hilfe nachzuschießen, weil es steigende Fallzahlen gibt – für junge Menschen in psychischen Krisen und die Unterbringung in Mutter-Kind-Einrichtungen. Dabei stimmte die Verwaltung die Politik zugleich auf absehbare Kostensteigerungen für die Leistungen von Trägern ein.

Jugendschutzstelle plötzlich auf der Kippe

Wie zugespitzt die Situation ist, machte Jugendamtsleiter Ludger Kortendiek an dem aktuellen Ringen um die Jugendschutzstelle klar. „Wir sind an dem Punkt, an dem Einrichtungen die Aufträge zurückgeben. Aktuell betrifft das die Jugendschutzstelle. Wir suchen für den Kreis Unna nach einem neuen Partner. Und das wird uns wahrscheinlich nicht gelingen, wenn wir nicht vorab Fallzahlen garantieren.“

Auffangstelle ist unverzichtbar

Die Jugendschutzstelle ist unverzichtbar, sie dient der vorläufigen Inobhutnahme Jugendlicher in akuten Krisen zur Deeskalation und Klärung der weiteren Begleitungen beziehungsweise Lösungsansätze für Probleme etwa im Elternhaus. Das hat über Jahrzehnte die Jugendhilfe Werne übernommen, den Vertrag aber zum Jahresende gekündigt.

Kortendieks Kollegen im Werner Rathaus führen die Verhandlungen im Namen der Ämter – und möchten im laufenden Prozess öffentlich nichts dazu sagen. Nur so viel: Es gibt eine Übergangsfrist bis März und Hoffnung, mit der Finanzierung doch noch zusammenzukommen.

In Wohngruppen fehlt Personal

Die Träger hätten Probleme, ihre Angebote etwa in Wohngruppen personell noch aufrechterhalten zu können. Es fehle an Fachkräften, die Dienste mit Nacht- und Wochenendschichten seien unattraktiv und Abwanderungen die Folge. Zudem machten sich die Träger mit Tarifzuschlägen Konkurrenz. „Wir suchen für Unterbringungen mittlerweile Einrichtungen im Umkreis von 100 Kilometern“, berichtete der Amtsleiter von den Folgen auch für den Aufwand im eigenen Haus – das gleichfalls unbesetzte Stellen hat.

Kostensteigerung bei Trägern absehbar

Bei den Entgelten für Maßnahmen oder Fachdienstleitungsstunden zeichne sich bereits eine Steigerung „von geschätzten 10 bis 18 Prozent ab. Das bedeutet selbst bei konstanten Fallzahlen eine erheblich Belastung“, erläuterte Andreas Reiß von der Abteilung Wirtschaftliche Jugendhilfe.

Die Konsequenzen für den Haushalt nahm einzig der CDU-Fraktionsvorsitzende Thomas Heinzel in den Blick. Er hadert ohnehin mit der vom Kämmerer favorisierten und mehrheitlich beschlossenen Weg Sondererträge, etwa den SEB-Überschuss, zurückzustellen, statt gleich den Etat zu stützen angesichts absehbarer Belastungen wie dieser: „Da stellt sich doch die Frage, wie wir uns das noch leisten können.“

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