"Hälge, der Elch" in der Garage gefangen

Rünther Wohnmobilisten verzweifeln an der "Terminlotterie" der Kfz-Zulassungsstelle beim Kreis Unna

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Technisch alles okay - das hat Dieter Wolf schriftlich. Unverzüglich seien die Änderungen in die Papiere einzutragen. Aber das klappt nicht.

Rünthe - Die Frühlingssonne lockt und „Hälge“ wäre bereit für die erste Fahrt ins Blaue. Den Tüv hat er gemeistert, aber die Kfz-Zulassungsstelle erweist sich als unüberwindbare Hürde: 

Über Monate haben Dieter Wolf und Ursula Stork mit Liebe zum Detail dafür getüftelt und gewerkelt, die "Hälge" die Jungfernfahrt antreten zu können. Sie haben sich nicht im Traum vorstellen können, dass eine letzte Formalie ihre Geduld ärger prüfen würde als der Umbau des Kleinbusses zu dem Wohnmobil, das sie nach einer Comic-Figur des Schweden Lars Mortimer „Hälge, der Elch“ getauft haben. Der freundliche Geweihträger lächelt wegen des Faibles der 54-Jährigen für den hohen Norden nun dort auf der Haube des „Crafter“-Modells, wo das amtliche Schild das Gefährt zuvor als Schulbus ausgewiesen hatte.

Ehemaligen Kleinbus selbst umgebaut

Nach knapp 200 000 Kilometer auf Arbeit soll „Hälge“ nur noch Urlaub machen – mit den beiden, versteht sich. Der Rollstuhllift im Heck ist samt der Fahrgastsitze ausgebaut. Mit findigen Do-it-yourself-Lösungen und Ursula Storks Talent an der Nähmaschine haben die beiden eine erste Campingausstattung eingebaut. „Wir testen jetzt mal, ob alles am richtigen Platz ist“, erläutert die Rüntherin. Wenn nichts mehr versetzt werden muss, soll das Ambiente noch heimeliger werden. Nach Jahrzehnten gemeinsamer Motorradtouren mit Zelt und nur dem Nötigsten hintendrauf sind die beiden genügsam. Weil die Luftmatratze irgendwann doch ins Kreuz ging, haben sie sich für knapp 12 500 Euro den Luxus des rollenden Heims mit richtigen Matratzen unter dem Hochdach gegönnt. Für den Anhänger mit zwei der Maschinen aus der Sammlung der passionierten Biker hat Wolf eine Kupplung moniert, „und eine Kamera, damit ich während der Fahrt sehen kann, ob da hinten noch alles in Ordnung ist.“ 

Okay der GTÜ soll "unverzüglich" in die Papiere 

Dass hier alles passt und verkehrssicher ist, hat das Paar schriftlich: per Gutachten von der Gesellschaft für Technische Überprüfungen (GTÜ). Die technischen Änderungen am Fahrzeug seien „unverzüglich“ bei der Zulassungsbehörde in die Papiere einzutragen, heißt es darin. Nur hat dieses „unverzüglich“ nicht die Wirkung des historischen „unverzüglich“, mit der DDR-Funktionär Günter Schabowski 1989 bekanntlich den Fall der Mauer rasant beschleunigt hat. Seit zweieinhalb Wochen mühen sich Wolf und Stork, das Gebot zu erfüllen – vergeblich. „Wir haben bei der Terminlotterie der Straßenverkehrsbehörde einfach kein Glück. Darum spiele ich auch kein Lotto“, sucht der 53-Jährige etwas Trost in Frotzeleien. „Wir sitzen nachts vor dem Rechner, weil das Anmeldeportal immer um 0 Uhr geöffnet wird“, berichtet Dieter Wolf. „Dann wähle ich einen freien Termin, trage die verlangten Daten ein, und wenn ich das abschließe, heißt es ‘der Termin ist schon vergeben’. Zehn Minuten später geht gar nichts mehr. Das ist doch zum Verrücktwerden.“

Kreissprecherin: Ich verstehe den Ärger

Ja, das ist es: „Wir haben da viele Probleme, und ich verstehe den Ärger“, versucht Pressesprecherin Constanze Rauert gar nicht erst, irgendetwas schön zu reden an der Geduldsprobe. Diese "große Misere" plage dieser Tage viele Bürger ähnlich wie das Rünther Paar von der Overberger Straße. Rauert macht aber zugleich deutlich, in welcher Bredouille sich die Kreisverwaltung insgesamt und speziell das Team in den Zulassungsstellen in Unna und Lünen befindet: „Wir haben allein in Unna 15 oder 16 Schalter für diese Angelegenheiten. Wegen der Abstandsvorschriften können wir aber nur drei davon öffnen“, verwies die Sprecherin darauf, wie sehr der Infektionsschutz den Alltag erschwere. In Lünen seien nur noch zwei Schalter in Betrieb. Statt weiter über hundert Kunden täglich zu bedienen, reichten die Kapazitäten in Unna nur noch für täglich 45 Termine insgesamt. „Wir haben ja als erstes ein Angebot für Händler und Gewerbliche geschaffen, weil da sehr viel läuft. Diesen Strang bedienen wir neben dem wiedereröffneten Publikumsverkehr weiter. Da staut sich zwangsläufig viel auf“, warb die Sprecherin um Verständnis in Coronazeiten. 

Tücke in der gekaufte Software nicht zu beheben

Während dort die Rückkehr zum Alltag von den NRW-Vorgaben anhängt, macht Rauert in puncto Terminvergabe – ohne die niemand durch die Hygieneschleuse kommt – keine Hoffnung: „Wir haben es nicht in der Hand. Das ist eine Software, die wir so gekauft haben und nicht beeinflussen können.“ Der Hersteller sei in Coronazeiten vielerorts gefordert. Die Krux an der Programmierung: Das System ist kalendarisch gesteuert, öffnet die elektronische Pforte also mit Tagesanbruch um 0.01 Uhr und bietet nur Termine in den nächsten 48 Stunden. Knackpunkt obendrein: Der gewählte Termin ist während der Dateneingabe nicht gesperrt, sondern für jedermann verfügbar. Und diese Jedermanns waren bisher immer schneller als die Rünther. „Hälge“ ist nun mal kein Sportwagen. „Wir hätten das Projekt gerne für uns abgeschlossen, so ist es unvollendet“, seufzt Stork. Aber es geht nicht nur um eine Herzensangelegenheit, sondern auch ums Geld, wie Wolf betont: „Der große Diesel kostet um die 400 Euro Steuern im Jahr, mit der Einstufung als Wohnmobil sind es 180 Euro weniger.“ Eine Weile reicht die Geduld noch, sonst wird der erste Ausflug ins Blaue doch noch eine Schwarzfahrt.

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