Einzelhändler kämpfen

"Man fühlt sich beobachtet" - So sieht es derzeit in der Stadt aus

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Coronavirus im Kreis Unna: Der Supermarkt ist voll, doch die Kosten für Desinfektionsmittel treffen Fethi Erdemli stark.

Die Zahl der Corona-Erkrankten steigt und damit auch die Auflagen der Landesregierung - die den Einzelhandel stark treffen. Gerade in schweren Zeiten heißt es aber: Zusammenstehen. Ein Blick in unsere Innenstädte.

Bergkamen/Werne – Die Geschäfte in der Fußgängerzone in Bergkamen sind in Zeiten des Coronavirus fast menschenleer. Nachdem viele Läden aufgrund einer Landesverordnung schließen mussten, zieht es nur noch wenige auf die Einkaufsmeile. Nicht einmal das schöne Wetter lockt sie in die Stadtmitte. 

Das bedauert besonders Rosina Pelle. Die Mitarbeiterin des Eiscafés Pelle ist enttäuscht, da die Besucher momentan ausbleiben. „Seit Anfang der Woche kommen kaum noch Kunden“, sagt sie. Sonst besuchen zahlreiche Bergkamener das Café. Besonders bei gutem Wetter sind die Tische vor der Eisdiele gefüllt. Nun bleiben sie leer. 

Hier werden Sie über die aktuelle Lage im Kreis Unna informiert

Coronavirus im Kreis Unna: Die Kunden nehmen die Auflagen nicht gut auf

Rosina Pelle, Mutter des Inhabers Maximiliano Pelle, glaubt zu wissen, woran es liegt: „Die Auflagen des Ordnungsamtes verschrecken die Kunden. Wir müssen eine Liste führen, auf der wir alle Gäste mit Name, Adresse und Uhrzeit erfassen“, erklärt sie. Die Kunden nehmen die neue Vorschrift nicht gut auf. 

Coronavirus: das Leben im Kreis Unna 

Sie berichtet weiter: „Wenn wir unseren Gäste davon berichten, sind viele erst einmal überrascht. Dann müssen wir denen erklären, dass wir dazu verpflichtet sind.“ Und tatsächlich bestätigt sich Pelles Vermutung, dass die Kunden wegen der Liste das Café meiden. Eine Besucherin, die namentlich nicht genannt werden will, verrät zu: „Man fühlt sich beobachtet und unfrei.“ Nun sieht sie von einem Besuch ab.

Coronavirus im Kreis Unna: Rosina Pelle ist um ihr Eiscafé besorgt.

Coronavirus im Kreis Unna: Angst um Freunde in Italien

Da Rosina Pelle auch noch gute Kontakte nach Italien pflegt, macht sie sich große Sorgen. Die gebürtige Italienerin hat Angst, dass sich die Lage in Deutschland weiter verschlimmert. Aus ihrem näheren Bekanntenkreis oder ihrer Familie in Italien kam zum Glück noch keiner mit dem Virus in Kontakt. „Das ist echt nicht schön im Moment. Dort sind auch jüngere dem Virus zum Opfer gefallen.“ Aber das Eiscafé ist nicht der einzige gastronomische Betrieb, der unter dem Ausnahmezustand leidet. 

Auch die Pizzeria Venezia hat mit der schwierigen Situation zu kämpfen. „Weniger Kunden, weniger Umsatz.“ So beschreibt Inhaber Muhammed Ijaz die Lage der letzten Tage. Der Laden, den es erst seit einem Jahr gibt, läuft nicht mehr so gut wie noch vor ein paar Wochen. „Auch die Lieferbestellungen sind zurückgegangen.“ Er hat Angst, dass er schließen muss. 

Coronavirus im Kreis Unna: Kontakt zu Kunden ist immer da

Er könne verstehen, dass Bergkamener verängstigt sind und so auch weniger bestellen. Schließlich meiden viele Menschen den Kontakt mit anderen. Bei Lieferbestellungen kommen Kunden zwangläufig mit Mitarbeitern in Kontakt. Von zusätzlichen Promo-Aktionen verspricht sich der Inhaber nicht viel. Wenn zum Beispiel Flyer verteilt werden, käme man auch mit zwangsläufig mit den Kunden in Kontakt. 

Durch die Ausbreitung des COVID-19-Virus sorgen sich zunehmend auch die Inhaber der Unternehmen um ihre Mitarbeiter. Fethi Erdemli, Pressesprecher des Erdemli-Supermarktes, weiß dass der regelmäßige Kundenkontakt auch eine Gefahr für die Mitarbeiter darstellen kann. „Inzwischen statten wir unser Team mit Schutzhandschuhen aus. Wir erinnern auch an das regelmäßige Desinfizieren der Hände.“ 

Coronavirus im Kreis Unna: Desinfektionsmittel werden immer teurer

Besonders in den Kassenbereichen kommen die Mitarbeiter des Supermarktes mit den Lebensmitteln und den Kunden in Kontakt. Deshalb ist das Vorbeugen mit den den antibaktierellen Schutzmitteln so wichtig. Doch die Ausgaben dafür sind in den letzten Wochen enorm gestiegen. 

„Neben dem Verbrauch ist auch der Preis des Desinfektionsmittels gestiegen. Bei zehn Flaschen pro Tag und einem Preis von inzwischen 25 Euro die Flasche: Das macht sich am Ende des Tages schon bemerkbar“, so Erdemli. Abgesehen von den Schwierigkeiten überhaupt Desinfektionsmittel zu bekommen, konnte der Markt die hohe Nachfrage von Lebensmitteln gut auffangen, da ein Lagerbestand in Oberaden Abhilfe schaffen konnte. Doch bei Mehl und Milch kommt derzeit auch der Supermarkt an seine Grenzen. „Besonders Lebensmittel aus Spanien und Italien sind nun auch schwieriger zu bekommen.“

Coronavirus im Kreis Unna: Bücher per Abholservice

Ladenverkauf gestoppt – aber der Service läuft: Buchhändler Hubertus Beckmann aus Werne hat nach intensivem Studium der Auflagen für den Handel einen Weg gefunden, Kunden weiterhin mit bestellter Ware zu versorgen: mit einer Ausgabestelle vor der Tür. Am Stehtisch in der Magdalenengasse händigte der Inhaber von Bücher Beckmann am Mittwochmorgen bestellte Ware an Kunden aus, die im üblichen Turnus ins Geschäft kommen wollten, um eben diese Bücher abzuholen und zu bezahlen. 

Coronavirus im Kreis Unna: Hubertus Waterhues von Bücher Beckmann verkauft Bücher jetzt außer Haus.

Stattdessen holte Waterhues die Bestellungen vor die Tür und reichte sich samt beiliegender Rechnung ohne direkten Kontakt weiter. „Ich habe meine Mitarbeiter gebeten, für die aktuell gut 100 Bestellungen noch am Abend Rechnungen zu schreiben“, sagte er. Das Kassensystem werde gar nicht mehr hochgefahren, die Tür für Kundenbesuche nicht mehr geöffnet. „Wenn auch das nicht mehr geht, dann liefern wir halt aus. Das haben wir auch vorher schon getan.“ 

Coronavirus im Kreis Unna: Schüler brauchen Bücher

Dabei geht es nicht nur darum, dass sich Bücherfreunde für die unfreiwillige Muße in Corona-Zeiten mit zusätzlicher Lektüre versorgen. „Es gibt auch einen steigenden Bedarf an Arbeitsheften für Schulen oder Klassensätzen literarischer Werke. Wir liefern ja auch Stoff für den Unterrichtsersatz“, so der Buchhändler. Die Sammelbestellungen würden dann einzeln abgeholt, um keinen zusätzlichen (Keim-)Verteiler aufzumachen. Online, telefonisch und per E-Mail ist Bücher Beckmann weiter erreichbar, liefert oder reicht die Werke heraus. Waterhues versichert: „Dabei wasche ich mir auch alle zehn Minuten die Finger.“

In unserem NRW-Ticker berichten wir aktuell über Entwicklungen und Ausbreitung des Coronavirus im ganzen Bundesland.

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