Corona sorgt für Stillstand

GSW-Bilanz: 80 Prozent Minus bei Großkunden / Stromabsatz  halbiert

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Dass die Arbeit in großen Industriebetrieben während der Corona-Krise stillsteht, können die GSW theoretisch direkt ab Stromzähler ablesen. In der Industrie brach der Bedarf um 80 Prozent ein.

Wie sehr das Leben zum Stillstand gekommen ist, können die GSW am Stromzähler ablesen: 80 Prozent Absatzverlust bei den Geschäftskunden müssen die Gemeinschaftsstadtwerke Kamen, Bönen, Bergkamen (GSW) in der Coronakrise verkraften. Das ist die Hälfte des gesamten Stromgeschäfts und verhagelt die Bilanz gewaltig.

Bönen/Bergkamen – In welchem Umfang der massive Verbrauchsrückgang die Erträge drückt und sich dies für die drei Kommunen bei der Ausschüttung auswirkt, will noch genauer hinterfragt sein. Fest steht aber: Die Stadtwerke bleiben auf bestellter „Ware“ sitzen, die sie nicht anderweitig zu Geld machen oder verwahren können. „Man hat den Strom lagermäßig vorrätig für den Monat und auf einmal sagen viele Firmen, dass sie diesen jetzt nicht mehr brauchen. Man kriegt den Übereinkauf an Strom nicht mehr los. Da fährt man ein dickes Minus ein“, berichtet Dirk Krampe, Netzmeister Strom, beim Pressetermin, zu dem die GSW geladen haben.

Ausgleichen ließe sich das nicht. Selbst wenn in Home-Office-Zeiten mehr Strom über die privaten Zähler gleiße, könne das den Wegfall der Großabnehmer nicht wettmachen, sagte GSW-Pressesprecher Timm Jonas. Computer und Kaffeemaschine ersetzen halt auch in Dauerbetrieb keine Industrieanlage. Um das zu verdeutlichen, zitiert der Pressesprecher aus dem Geschäftsbericht 2018 und nennt den „Anteil der an Industriekunden gelieferten Menge im Vergleich zur Gesamtlieferung beachtlich.“ Immerhin geht es um die Hälfte des Stromvertriebs. Von den gut 340 000 Megawattstunden insgesamt wurden knapp 164 800 an Industriekunden verkauft.

Der Rückgang des Verbrauchs sei in ganz Deutschland zu spüren, das machte Jonas an aktuellen Zahlen des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (bdew) fest: „Wenn man Kalenderwoche 19 zu den beiden Vorjahren vergleicht, dann ist der Stromverbrauch bundesweit um 9,3 Prozent niedriger.“ Keine leichte Zeit für die GSW. „Es war turbulent und was den Vertrieb angeht auch deutlich spürbar.“

Personal auf Abstand gebracht

Nicht nur der massive Geschäftseinbruch über Nacht fordert die Stadtwerke in besonderer Weise. Das Unternehmen selbst musste sich intern neu auf die außergewöhnliche Situation einstellen. „Da wir sehr komplexe Systeme in Bereichen wie IT, Erzeugung und Verteilung haben, die stets betreut werden müssen, haben wir einen sehr geringen Anteil von unter fünf Prozent der Gesamtmitarbeiterzahl im Homeoffice“, berichtet Jonas. Das macht bei rund 200 Mitarbeitern zwischen fünf und zehn Kollegen und sei nicht anders zu organisieren – außer bei den Bürozeiten: „Wir haben ein Schichtsystem, das heißt, wir haben eine Früh- und eine Spätschicht eingeführt, sodass sich beide Gruppen nicht begegnen“, erzählt Jonas.

Das hat auch Vorteile, beispielsweise für Stefan Birkle aus der Abteilung Grafisches Informationssystem: „Durch das Zweischichtsystem konnte ich mir die Kinderbetreuung mit meiner Frau gut aufteilen.“ Der Netzbetrieb hat eine andere Lösung gefunden: die Insel. Netzmeister Dirk Krampe: „Wir haben so viele Baustellen und Prozesse. Die Tiefbauer und Häuslebauer haben ja alle weiter gearbeitet. Deswegen mussten wir einen anderen Weg finden.“ Der führte zum so genannten Inselbetrieb: Das Großraumbüro am Hemsack in Kamen ist nun organisatorisch eine Insel, das Umspannwerk in Kamen, das Heizwerk in Bergkamen und das Blockheizkraftwerk am Hemsack sind weitere. An diesen Standorten arbeitet die Netzcrew nun nach Aufgabengebieten, ohne sich zu sehen.

Dass die Arbeit in großen Industriebetrieben während der Corona-Krise stillsteht, können die GSW theoretisch direkt ab Stromzähler ablesen. In der Industrie brach der Bedarf um 80 Prozent ein.

Vor die Tür muss der Netztrupp aber nach wie vor. Von Mitte März, Beginn der Auflagen, bis zum Himmelfahrtstag habe es 130 Störmeldungen in den Sparten Strom, Gas, Wasser und Wärme gegeben, berichtet Dirk Krampe. Hinzu käme der Leitungsbau: 3,5 Kilometer verlegte Kabel, davon 2,2 Kilometer Niederspannung, 1,3 Kilometer Mittelspannung und der Bau von 300 Metern neuer Gas-Niederdruckleitung.

„Wir haben außerdem 21 Strom-, 28 Gas- und 21 Wasser-Hausanschlüsse bei Neubauten gemacht und bei 55 Häusern die Anschlüsse erneuert“, so Krampe. Timm Jonas ist zufrieden: „Der Netzbetrieb ist trotz der Corona-Zeit ganz normal weiter gegangen. Es war eine Herausforderung, der wir uns gut gestellt haben und es auch weiterhin tun.“

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