Räumung an der Ernst-Reuter-Straße

Ihr Haus droht einzustürzen: Rentner und Vorerkrankte verlieren ihr Zuhause

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Auf einmal ohne Zuhause: Die Bewohner müssen mitten in Coronazeiten aus ihrem Haus.

Mitten in Coronazeiten verlieren elf Menschen in Bergkamen ihr Zuhause. Manche von ihnen sind alt, andere krank, einige stecken mitten in wichtigen Prüfungsarbeiten. Jetzt der Schock: Ihr Haus droht einzustürzen, sagt die LEG. 

Bergkamen - Ein langer Riss zieht sich durch den Außenwand des beigen Hauses an der Ernst-Reuter-Straße. Wie an vielen Gebäude im Ruhrgebiet, hat hier der Bergbau seine dunklen Spuren hinterlassen. Der Riss, er ist schon länger da, sorgte für einen Wasserschaden im Keller und sonstige Unannehmlichkeiten. Nun ist er lebensbedrohlich geworden: Das beige Haus ist akut einsturzgefährdet. 

Und das in Zeiten von Corona. Der unheilvolle Anruf kam am Samstagnachmittag. Zwei Tage blieben den zum Teil hoch getagten oder schwer erkrankten Bewohnern des Hauses, um ihre Sachen vollständig zusammenzuräumen, Möbel abzubauen und alles in Kartons zu verstauen. Einen Weg zurück gibt es nicht. Wenn die Bewohner das Haus verlassen haben, können sie nicht wiederkehren. 

Lesen Sie hier die aktuelle Entwicklung im Kreis Unna

Zwangsräumung und Coronavirus: Bergkamener verlieren ihr Zuhause 

Haus einsturzgefährdet - Coronavirus verschärft Situation

Durch das Kontaktverbot und die weiteren Maßnahmen, die dank COVID-19 das öffentliche Leben bestimmen, wird die Situation noch verschärft. Die acht Wohnungen im Haus gehören der Wohnungsgesellschaft LEG. Deren Mitarbeiter mussten schnell handeln, den vollständigen Umzug organisieren, denn dass auf einmal Gruppen von Menschen durch die Flure laufen, geht derzeit einfach nicht. 

Ein Umzugsunternehmen holte die Kartons und Möbel am Montagabend ab, was nicht von den Bewohnern und ihren Familien verstaut werden konnte, lagert die LEG ein. Es gibt finanzielle Hilfen, die März-Miete wird rückerstattet.

 Doch die Belastung ist enorm. Der Schaden wurde bereits bei einer Mieterversammlung im Oktober besprochen. “Es kamen aber nur drei Leute”, sagt eine Sprecherin der LEG. Schon damals sei kommuniziert worden, dass wer sich unsicher fühle, sich nach einer anderen Wohnung umschauen solle. 

“Uns wurde gesagt, dass die linke Seite noch nicht so stark betroffen sei und man uns frühzeitig Bescheid gebe”, sagt der Schwiegersohn einer Anwohnerin. Doch von frühzeitig kann man bei zwei Tagen nicht sprechen. Statiker hätten bereits zuvor einige Wohnungen räumen lassen, die LEG stellte innerhalb von wenigen Tagen Alternativen zur Verfügung. Allerdings ohne, dass die Bewohner mitentscheiden konnten. 

Coronavirus und ohne Haus: Nur zwei Tage Zeit

Der endgültige Anruf kam erst gegen 16 Uhr am Samstag. Nur ein kleines Zeitfenster blieb den Bewohnern und ihren Familien, um überhaupt zu reagieren. “Bis zum Ende haben sie gewartet”, meint eine Bewohnerin, die am Montag vollkommen aufgelöst auf dem Bürgersteig vor ihrem nun ehemaligen Zuhause sitzt. In sowieso schon emotional anstrengenden Zeiten wird der Verlust des Zuhauses zur noch stärkeren Belastungsprobe. 

Doch die schnelle Entscheidung hat laut LEG lebensgefährliche Gründe. Die Risse in einer der tragenden Außenwand haben sich vergrößert, erklärt eine Sprecherin der LEG. Die Wand droht nun wegzuknicken, weil sich das Gewicht nicht mehr gleichmäßig auf alle vier Außenwände verteilt. Dort zu bleiben, ist für die Bewohner unmöglich geworden. 

Da bleiben wäre lebensgefährlich, der Umzug ist es auch

Gefahren birgt aber auch der Umzug: Eine Bewohnerin ist krebskrank, andere weit über 80 Jahre alt, eine Dame steht kurz vor der Examensprüfung, sie wird Altenpflegerin. Alle hängen sie an ihrem Zuhause. Alle müssen nun zeitweise zu ihren Verwandten ziehen oder in einem Hotel leben. 

Dadurch kommen sie mit mehr Menschen in Kontakt, müssen im Baumarkt noch Notwendigkeiten wie Umzugskisten besorgen und kämpfen mit der zusätzlichen Belastung. “Es ist nicht nur eine Wohnung für mich, hier steckt so viel Emotionalität drin.”

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